Luke Sikma (30) ist einer der Profis von Alba Berlin, die das Angebot ihres Vereins annahmen, während der Aussetzung der Basketball-Saison nach Hause zu reisen. Die Morgenpost sprach am Telefon mit ihm über die Situation in den USA, Sehnsucht nach dem Basketball und seine veränderte Sicht der Dinge durch das Coronavirus.
Berliner Morgenpost: Wo erwischen wir Sie gerade, Herr Sikma?
Luke Sikma: Ich bin vor knapp zwei Wochen nach Seattle geflogen, halte mich hier bei meinen Eltern und meinem Bruder in ihrem Urlaubsort auf, rund eine Stunde von der Stadt entfernt. Es tut gut, mit ihnen zusammen zu sein.
Wie verbringen Sie den Tag?
Lange schlafen kann ich nicht, denn ich spüre immer noch etwas vom Jetlag. Ich versuche natürlich, in Form zu bleiben, aktiv zu sein, manchmal einen Lauf zu machen. Leider ist es nicht so einfach, Basketball zu simulieren. Ansonsten mache ich nichts anderes als alle anderen Leute auch. Ich sehe eine Menge Filme, mache Videospiele, spiele Brettspiele mit meiner Familie. Ich bin auch ein großer Scrabble-Fan. Jeder versucht, die Zeit rumzubringen und nicht verrückt zu werden. Ich verstehe natürlich, dass es wichtig ist, zu Hause zu bleiben und den sozialen Abstand zu halten. Es ist alles nicht so einfach, aber man muss versuchen, das Beste draus zu machen.
Wie ist denn die Lage in Seattle?

Neben New York und Kalifornien ist der Bundesstaat Washington, in dem Seattle liegt, am stärksten vom Coronavirus betroffen. Fast jeder arbeitet von zu Hause, das ist wie in Berlin. Unser Gouverneur hat die Bevölkerung aufgefordert, möglichst zu Hause zu bleiben, auch das ist vergleichbar. Wir dürfen auch spazieren gehen, müssen aber drei Meter Abstand halten. Ich denke, wir liegen in der Hinsicht ein paar Tage oder eine Woche hinter Berlin zurück. Es ist sehr ungewohnt, in der näheren Umgebung niemand zu sehen. Es sind weniger Menschen auf den Straßen, weniger Autos, weniger Verkehr, Geschäfte haben geschlossen. Also, wir machen hier das gleiche wie an einem Regentag: Wir gehen zu Hause in Deckung. Und hoffen, dass diese Sache bald an uns vorbeigegangen sein wird, je früher desto besser. Irgendwie ist es schon eine beängstigende Zeit gerade.
Sie sagen, Sie versuchen fit zu bleiben. Haben Sie sich denn auch schon auf YouTube das Training angesehen, das Alba Kindern anbietet?
Ja, ja, ich hab’s mir angeschaut. Sie haben recht, ich sollte vielleicht versuchen, da mitzumachen, schon, um etwas Abwechslung zu haben (lacht).
Glauben Sie, dass in dieser Saison noch Basketball gespielt wird? In der NBA, Euroleague oder Bundesliga?
Das ist die Frage, die sich jeder stellt, oder? Das Schlimme daran ist, wir haben so etwas noch nie gehabt, es gibt keine Anweisung, was zu tun ist und was wann kommt. Wenn die Saison jetzt abgebrochen würde, hätte das natürlich Folgen, die uns alle betreffen. Deshalb hoffen alle, dass wir Basketball spielen können. Aber wenn du dich umschaust und siehst, wie sich das Virus gerade ausbreitet und wie schnell, wie gefährlich das werden kann bei Basketballspielen oder überhaupt Menschenansammlungen, dann ist das Anlass zu Befürchtungen. Wir hoffen, noch die Saison zu beenden, aber man muss auch so realistisch sein zu erkennen, dass das Virus viele Wege geht. Es sieht nicht so aus, als würde es gerade schwächer werden. Und klar ist: Die Gesundheit der Menschen ist das Wichtigste. Basketball ist daneben zweitrangig. Aber man weiß auch nie, wie die Dinge sich in ein paar Wochen entwickeln. Ich hoffe, die Viruserkrankung wird sich abschwächen, ich hoffe, wir beenden die Saison. Wir müssen einfach abwarten.
Die Basketball-Bundesliga BBL hat vergangene Woche entschieden, die Spielunterbrechung bis Ende April zu verlängern. Ist das aus Ihrer Sicht die richtige Entscheidung?
Auf jeden Fall besser als zu sagen, wir spielen jetzt weiter (lacht). Es ist eine schwierige Situation für die Verantwortlichen. Jeder sucht Antworten, aber niemand hat welche. Ich denke, es ist richtig, wie sie entschieden haben, sich Zeit zu nehmen, Informationen von der Regierung und von den Experten einzuholen. Wir alle, Spieler und Fans, werden sehen, was die BBL Ende April entscheidet. Mal abwarten, wie die Situation dann ist.
Wie sehr vermissen Sie Ihren Sport?
Ein paar Tage Pause zu haben, war erst mal gar nicht übel. Diese Phase ist vorbei. Basketball nimmt einen großen Teil meines Alltags ein. Natürlich fühlt es sich schon manchmal wie Arbeit an. Es ist ja auch meine Arbeit. Aber jetzt fehlt mir Basketball. Ich versuche, ein bisschen Wurftraining zu machen. Ich bin sogar schon in den Park gegangen, um das zu üben. Es gibt auch Courts in der Gegend hier, aber da darf nur einer drauf. Und heute regnet es sowieso.

Haben Sie Kontakt zu Ihren Mitspielern?
Ja, wir haben einen gemeinsamen Gruppenchat. Wir sitzen ja alle im selben Boot. Wir tauschen uns darüber aus, wie wir versuchen, in Form zu bleiben. Ich habe auch schon Videospiele mit Rokas (Giedraitis, d.Red.) und Kresto (Kresimir Nikic, d.Red.) gespielt, einfach, um die Zeit totzuschlagen. Wir versuchen alle, nicht verrückt zu werden, während wir drinnen sind. Das Wichtigste ist, dass alle gesund sind und sicher. Ich hoffe, es bleibt so.
Es war bis zur Unterbrechung eine so gute Saison für Sie und Alba Berlin. Was bleibt davon übrig? Nur, dass sie unterbrochen wurde?
Natürlich der Pokal, den wir gewonnen haben, der ist großartig. Nach so vielen zweiten Plätzen endlich einen Titel gewonnen zu haben, und das zu Hause, vor unseren Fans – das vergessen wir unser ganzes Leben nicht. Ich habe meine Medaille nach Hause mitgenommen, habe sie in meine Trophäen-Kiste getan. So viele erste Plätze hatte ich noch nicht, deshalb ist sie wunderbar. Das bleibt eine spezielle Erinnerung. Auch zu erleben, dass wir in der Euroleague mit den besten Teams mithalten konnten, in unserem ersten Jahr, obwohl wir ein so junges Team sind, obwohl wir so viele Verletzungen hatten. Wir haben viel Selbstvertrauen gewonnen, den Respekt gespürt, den wir uns bei den anderen Teams erarbeitet haben. Das macht uns noch stärker in der Zukunft.
Was wird anders sein, wenn Sie zurückkehren nach Berlin?
Oh, Mann, sehr vieles, denke ich. Es hängt davon ab, wann ich zurückkehre, in welcher Situation Berlin ist, im Basketball wie als Stadt. Ich wünsche mir, dass ich zurückkomme, und wir so bald wie möglich wieder in sicheren Verhältnissen spielen können. Das Virus hat aber meine Perspektive verändert. Wir Basketballer sind Entertainer. Wenn du die Ärzte und Krankenschwestern siehst, die jeden Tag ihr Leben riskieren, dann wird dir klar: Das, was wir machen, ist nur Spaß. Das andere ist so viel wichtiger. Wenn ich also zurückkomme nach Berlin und wir spielen, werde ich Dankbarkeit empfinden dafür, dass wir in Sicherheit Basketball spielen können, aus Spaß und vor Fans. Weil diese Leute so einen guten Job gemacht haben.
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