Basketball

Zeljko Obradovic: Ein Vulkan, der Basketball-Titel ausspuckt

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Dietmar Wenck
Wenn Zeljko Obradovic sich ärgert, bekommen alle ihr Fett weg: seine Spieler ebenso wie die Schiedsrichter.

Wenn Zeljko Obradovic sich ärgert, bekommen alle ihr Fett weg: seine Spieler ebenso wie die Schiedsrichter.

Foto: Elif Ozturk / picture alliance / AA

Wüterich und Titelgarant: Fenerbahce Istanbul gastiert mit Zeljko Obradovic bei Alba, dem erfolgreichsten Basketball-Trainer Europas.

Berlin. Vor ein paar Monaten machte ein Video in Basketball-Europa die Runde. Da wütete ein grauhaariger Mann in einer Auszeit auf derart unflätige Art mit seinen Profis, dass man seine Rede kaum wiedergeben mag. Das „F-Wort“ kam reichlich vor, damit beschimpfte er sogar direkt Luigi Datome, einen Spieler, mit dem er seit vier Jahren erfolgreich zusammenarbeitet. Das Team solle sich schämen, schloss er seine Tirade. Es verlor an jenem Abend 76:89 bei ZSKA Moskau. Das konnte Zeljko Obradovic, seit 2013 Trainer von Fenerbahce Istanbul und erfolgreichster Coach Europas, mit seinem Wutanfall auch nicht abwenden.

11.000 Tickets für das Spiel sind schon verkauft

An diesem Donnerstag (19.30 Uhr, Magentasport) kommt der Tabellendritte der Süper Ligi in die Mercedes-Benz Arena. Dort werden 3000 türkische Fans ihren Lieblingsverein lautstark unterstützen, 8000 Anhänger Alba Berlins werden versuchen, ihr Team trotzdem zum achten Sieg in der Euroleague zu treiben. Es könnte ein Basketball-Fest werden. Obwohl die Laune von Obradovic nach einer 70:81-Ligapleite bei Gaziantep Basketbol am Sonntag nicht die beste sein wird. Der fast 60-Jährige hasst Niederlagen, immer noch, nach bald 30 Jahren im Trainer-Job. Dabei hat er schon so viel gewonnen.

Vermutlich deshalb reagierte er auch keineswegs geschmeichelt, als ihm bei seiner Vorstellung in Istanbul ein Journalist vorsäuselte, man nenne ihn den Mourinho des Basketballs. Die trockene Antwort des Serben: „Mein Name ist Zeljko Obradovic, und ich bin sehr glücklich damit.“ Anders als der Portugiese José Mourinho, der im Fußball zweimal die europäische Königsklasse gewann, hatte er das gleiche Kunststück acht Mal im Basketball vollbracht: mit Partizan Belgrad, Real Madrid, Joventut Badalona, Panathinaikos Athen (5). Das nur am Rande. Mit Fenerbahce fügte er 2017 einen neunten Königspokal hinzu. Und erreichte mit den Türken fünf Mal in Folge das Final Four, etwas, das dieser Klub zuvor überhaupt noch nie geschafft hatte. Von insgesamt rund 30 nationalen Titeln ganz abgesehen.

In Istanbul stellt niemand Obradovic in Frage

Das erklärt zum Teil, warum nach dem eingangs beschriebenen Video niemand in Istanbul auf die Idee käme, den Trainer in Frage zu stellen, der außerdem sein Heimatland Jugoslawien zu WM-Gold, zu EM-Gold und Silber bei den Olympischen Spielen 1996 geführt hatte. Stattdessen halten auf der Tribüne der Ülker Sports Arena begeisterte Fans Plakate mit der Aufschrift „Forever and ever Obradovic“ hoch. Sie kauften schon Tickets für Final-Four-Turniere, als diese noch gar nicht erreicht waren. „Wir haben das Glück, dass wir Fans haben, die uns vertrauen“, sagt der Trainer. Die ihm vertrauen, wäre wohl richtig gewesen.

Diese Saison aber tut sich Fenerbahce erstmals sehr schwer, hat nur neun von 21 Euroleague-Spielen gewonnen. Sogar das Hinspiel gegen Alba entschied der zwölfmalige türkische Meister erst nach Verlängerung mit 107:102 für sich. Inzwischen wirkt das Team gefestigter, hat vier seiner letzten fünf Partien in der Euroleague gewonnen. Zumindest das Play-off ist wieder in Reichweite. Mit Malcolm Thomas und James Nunnally wurden zwei international sehr erfahrene US-Amerikaner nachverpflichtet. Geld ist keine Mangelware bei Fenerbahce Istanbul.

Auch Obradovic ist klar: Es sind die Spieler, die spielen

Sonst wäre Obradovic kaum dort. Aber reich ist der Mann längst. Was ihn antreibt, ist das Maximum. „Zeljko ist niemals satt“, weiß Luigi Datome aus leidvoller Erfahrung. Und nie ganz zufrieden. „Wenn ich die besten Spieler der Welt habe“, sagt er, „möchte ich sie noch ein bisschen besser machen.“ Stundenlang denke er über Details nach, wie ihm das gelingen könnte. Wobei der harte Mann auch weiche Seiten hat. „Wenn meine Spieler Zweifel an etwas haben, können wir darüber reden. Sie müssen überzeugt sein von dem, was wir tun.“ Bei allem Gebrüll ist ihm klar: „Es sind die Spieler, die spielen.“

Manchmal spielen sie aber auch nicht. So wie bei der größten Niederlage, die Obradovic in seiner Trainerkarriere erlitten hat: bei der EM 2005 in Serbien. Nur für ein Jahr war das Trainer-Idol seiner Heimat noch einmal zum Nationalteam zurückgekehrt. Weil das von Nato-Angriffen zerbombte Land trotz aller finanziellen Probleme in seiner Hauptstadt Belgrad eine Riesenarena errichtet hatte, mit dem einen Ziel: Dort sollte das Team von Serbien-Montenegro nach dem Finale die Siegertrophäe in die Höhe stemmen. Es kam ganz anderes. Die Auswahl scheiterte im Achtelfinale an Frankreich.

Ein ganzes Land trauerte. Obradovic rechnete mit seiner Mannschaft ab. Noch Tage nach ihrem Ausscheiden war seine Wutrede im Fernsehen zu sehen. Über ein Team mit fünf NBA-Stars, das keines geworden war. Über Neid und Egoismus. Und über den wahren Schuldigen: „Das bin ich. Ich habe diese Spieler nominiert. Ich übernehme dafür die Verantwortung.“ Zeljko Obradovic kann nicht nur hart gegen andere sein, wenn er unzufrieden ist. Sondern auch zu sich selbst.

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