Sehr viel hat sich getan bei Alba Berlin seit dem Ende der vergangenen Saison – selbst dann noch, als die personellen Umbauten längst abgeschlossen sein sollten. Renfroe, Radosevic, Redding, Banic, Hammonds, McLean: Dass die komplette Ausländerriege nach ihren starken internationalen Auftritten kaum zu halten sein würde, war klar. Andere Klubs sind finanziell stärker als der achtmalige deutsche Basketball-Meister, so läuft das Geschäft. Dafür wurde ein neues Sextett verpflichtet: Cherry, Watt, Taylor, Aska, Milosavljevic, Kikanovic (siehe Artikel links).

Aber dass sich keine zwei Wochen vor dem Saisonstart am Donnerstag (20 Uhr, Mercedes-Benz Arena) gegen Ratiopharm Ulm der erfolgreiche Sportdirektor Mithat Demirel Richtung Istanbul verabschieden würde, das kam schon ziemlich unerwartet. Auch beim Spieler-Personal musste nachjustiert werden. Ivan Aska passte nicht ins Alba-System; sein Vertrag wurde aufgelöst, ein Nachfolger wird gesucht.

Zwar bekam der Hamburger Marc Liyanage einen Kontrakt, er ist jedoch kein Ersatz für Aska, eher ein Ergänzungsspieler. Von den Neuen ist der 25-Jährige immerhin der einzige, der die Bundesliga kennt, spielte zuletzt im Dress des Mitteldeutschen BC. „Es ist eine sehr komplexe Situation im Moment“, beschreibt Sasa Obradovic seine Aufgabe und spricht von der „größten Herausforderung“ seiner Karriere.

Die Zeit des Beweisens hat begonnen

Da ist es gut, sich auf Bewährtes verlassen zu können. Denn einen so radikalen Neustart wie vor zwei Jahren gibt es in Berlin trotzdem nicht. Zum einen bestreitet Obradovic schon seine vierte Saison als Alba-Cheftrainer. Und der deutsche Stamm, das Herz der Mannschaft, ihr Motor, ist ja noch da. Teamkapitän Alex King, Akeem Vargas, Jonas Wohlfarth-Bottermann und Ismet Akpinar gehen in ihr drittes Jahr bei Alba, Niels Giffey in sein zweites.

„Wir wissen, was Sasa will“, sagt Vargas, 25, der nach dem Weggang von Clifford Hammonds dessen Part als bester Verteidiger übernehmen und damit „unsere Linie vorgeben“ will. Ähnlich offensiv reagiert Giffey auf die Situation. „Konstanter“ wolle er spielen, sagt der 24-Jährige, „ich will die Rolle einnehmen, die ich letztes Jahr noch nicht ausfüllen konnte: Verantwortung tragen, am Ende auf dem Feld stehen.“

Wollen ist das eine, Können das andere. Jetzt beginnt die Zeit des Beweisens. Obradovic gefällt der Anspruch des zweimaligen College-Meisters, „ich habe besonderes Vertrauen zu Niels. Er kann wichtige Schüsse treffen. Aber das, was er will, muss er sich verdienen“. Wie jeder im Team, ob deutsch oder nicht.

Vorbereitung durch EM erheblich gestört

Gleichwohl weiß der Trainer, dass gerade zu Saisonbeginn „die Neuen jetzt viel Hilfe brauchen, damit wir gemeinsam unseren Gewinn-Rhythmus finden“. Diese Unterstützung bekommen sie bereits, betont Elmedin Kikanovic, der bosnische Center-Zugang: „Die deutschen Spieler hier sind alle sehr gut und kämpfen hart um ihre Position. Aber alle sind auch sehr hilfsbereit, damit ich die Spielsysteme schnell verstehe.“

Davon, wie rasch die Integration gelingt, hängt viel ab. Erlebt Alba trotz erschwerter Bedingungen einen guten Saisonstart? Die Vorbereitung war empfindlich dadurch gestört, dass die Nationalspieler erst so spät zur Berliner Mannschaft stießen. Am spätesten Dragan Milosavljevic, der Serbe belegte Platz vier bei der EM und kam erst vergangenen Mittwoch zu Alba, eine Woche vor Saisonstart. „Ich kenne hier noch gar nichts“, sagt der 26-Jährige trocken, der als Nachfolger von Reggie Redding eine große Rolle spielen soll.

Schwierig ist es aber nicht nur für ihn, sondern auch für die deutschen Spieler. Können sie helfen – oder müssen sie es nicht vielmehr? Wohlfarth-Bottermann, 25, hat in der letzten Saison durch einen Handbruch in der Hierarchie keinen Schritt nach vorn machen können.

Die Zuversicht im Klub ist ungebrochen

„Es wird für mich ein wichtiges Jahr, um zu zeigen, dass ich mich gut entwickelt habe“, ahnt der Center. Auch der 20-jährige Youngster Akpinar weiß, was die Stunde in seiner dritten Saison geschlagen hat: „Es gibt keinen Jugendschutz mehr, ich muss mich jetzt beweisen und mir meine Minuten erkämpfen.“

Kämpfen ist das eine Stichwort, Geduld das zweite. „Es wird lange dauern, bis das Team zusammenkommen wird“, erwartet Alba-Geschäftsführer Marco Baldi vor seiner 26. Saison in verantwortlicher Position, „es ist sehr jung, und die richtige Vorbereitung beginnt eigentlich erst mit dem Saisonstart. Es wird Täler geben.“

Aber vielleicht auch deshalb, weil die Mannschaft noch jung ist, strahlt sie Zuversicht aus. „Ziel ist top 3, mindestens top 4“, sagt Akpinar. „Ich würde jetzt sagen: Ziel ist das Halbfinale, wie immer“, bestätigt Vargas und ergänzt: „Dann sehen wir mal.“ Der Umbau bereitet ihm keine schlaflosen Nächte. „Schon vor zwei Jahren hatten wir einen Neustart, bei dem sich viele Leute Sorgen gemacht haben.“ Am Ende stand der Einzug ins Finale um die Deutsche Meisterschaft. Was den Optimismus angeht, scheint sich nicht viel bei Alba Berlin verändert zu haben.