Der Spielmacher der türkischen Basketball-Nationalmannschaft muss schmunzeln, als er mit „Hello, Mr. Muhammed“ angesprochen wird. Offenbar hat sich der 1,78 Meter kleine Mann noch nicht ganz daran gewöhnt, dass er neuerdings ein Reisedokument besitzt, in dem dieser Name steht. Geboren ist er vor gut 32 Jahren in Chicago als Bobby Dixon. Aber weil er in der vergangenen Saison hauptverantwortlich dafür war, dass Pinar Karsiyaka sensationell türkischer Meister wurde, gab es vom Verband eine Anfrage, ob er nicht eine zweite Staatsbürgerschaft annehmen und das Trikot mit dem Halbmond tragen wolle.

Den Namen konnte er sich selbst aussuchen

Dixon wollte, bekam im Juni seinen neuen Pass. Den Namen darin durfte er sich selbst aussuchen. Die Wahl fiel leicht. „Ich bin ein großer Fan von Muhammad Ali, dem Boxchampion“, sagt er stolz, trotz der kleinen Abweichung, dass er jetzt Ali Muhammed heißt. Klingt in jedem Fall gut. Im ersten Spiel bei der Europameisterschaft in Berlin sammelte er 17 Punkte und gab neun Korbvorlagen. Nicht zuletzt deswegen haben die Türken etwas unerwartet Italien mit 89:87 besiegt. An diesem Dienstag (17.45 Uhr, ARD) ist Gastgeber Deutschland der Gegner.

Ali Muhammed alias Bobby Dixon ist kein Einzelfall. In neun Teams der 24 EM-Teilnehmer tauchen so genannte naturalisierte Amerikaner auf. Alle sind sie weder in dem Land geboren, für das sie spielen, noch haben ihre Eltern dort Wurzeln. Der Weltverband hat der Sache schon einen Riegel vorgeschoben, damit das nicht überhand nimmt: Pro Turnier darf nur ein solcher Spieler eingesetzt werden.

Am Dienstag geht es gegen die Deutschen um Nowitzki

Die Nationen wissen sich jedoch zu helfen. Und fahren einfach mal mehrgleisig. Kroatien etwa hatte sich zunächst auf Oliver Lafayette eingestellt, aber der verletzte sich im Testspiel gegen Deutschland. Zum Glück gab es in Dontaye Draper noch einen guten Mann in der Hinterhand, der schon einmal ausgeholfen hatte und nun in Zagreb am Start ist. Auch Mazedonien hatte die Wahl. Weil der Stamm-Amerikaner Bo McCalebb schwächelte, sprang der frisch eingebürgerte Richard Hendrix in die Bresche.

Bosnien-Herzegowina hatte sich um die Dienste des Alba-Spielers Clifford Hammonds bemüht. Weil der jedoch mehr Lust auf Familie hatte – er wurde vor Kurzem zum fünften Mal Vater – und keine Lust auf Vorbereitung und Turnier, ging die Anfrage weiter an seinen damaligen Berliner Mitspieler Alex Renfroe. Der sagte begeistert zu und vertritt nun die Bosnier bei der Vorrunde in Montpellier. Sein Team verlor das erste Spiel gegen Polen, das von A.J. Slaughter angeführt wird, der in seiner Karriere ebenso nie in Polen gespielt hat wie Renfroe in Bosnien. Egal. Bei D’Or Fischer, der seit 2014 in Israels Nationalteam Leistungsträger ist, oder dem für Tschechien auflaufenden Blake Schilb sind private Gründe ausschlaggebend: Sie haben sich in diesen Ländern verliebt, geheiratet und der Familie wegen so entschieden.

In finanzieller Hinsicht doppelt interessant

Die Einsätze in europäischen Nationalmannschaften sind neben dem möglichen sportlichen Ruhm finanziell für die Amerikaner in zweierlei Hinsicht interessant. Zum einen werden sie im geschätzt mittleren fünfstelligen Dollar-Bereich von ihren neuen Heimatländern dafür entlohnt, dass sie eine EM oder WM plus Vorbereitung mitmachen. Zum anderen empfehlen viele Agenten ihren Klienten die europäische Staatsbürgerschaft geradezu. Denn in einigen europäischen Top-Ligen waren oder sind nur zwei US-Amerikaner pro Klub erlaubt. Mit dem neuen Zweitpass ist es viel leichter unterzukommen, weil keiner der beiden Plätze blockiert wird. Das hat häufig zur Folge, dass sich auch die Gehälter dieser Amerikaner aus der zweiten Reihe deutlich erhöhen.

Der bisher prominenteste Fall liegt schon ein paar Jahre zurück. Mit Unterstützung, man könnte auch sagen: auf Anweisung von Präsident Wladimir Putin erhielt J.R. Holden, geboren in Pittsburgh, aber bei ZSKA Moskau unter Vertrag, 2003 die russische Staatsbürgerschaft. Die Russen suchten einen Spielmacher für ihr Nationalteam. Holden machte zwar kein Hehl daraus, dass er sich weiterhin als amerikanischer Staatsbürger fühle, aber bei Geld hört manchmal eben auch die Feindschaft auf. In seinem Fall wurde sogar große Verehrung daraus. Bis 2011 hielt er ZSKA die Treue, 2006 und 2008 gewann der Klub mit ihm die Euroleague. Noch weit bedeutender war 2007 der EM-Triumph im Finale gegen Spanien. Holden gelang der entscheidende Korb für Russland 2,1 Sekunden vor Schluss zum 60:59.

Von den Mitspielern wird er immer noch Bobby genannt

Von solcher Unsterblichkeit ist Ali Muhammed noch weit entfernt. Aber er „versuche, die Türkei auf die richtige Weise zu repräsentieren“, sagt er. Mit gutem Basketball also. Sinan Güler, sein Nebenmann auf der Spielmacherposition, hat jedenfalls viel Spaß an seinem Kollegen, den er allerdings bei seinem wahren Namen nennt: „Bobby kann eine große Hilfe sein auf beiden Seiten des Courts, wir wussten von Anfang an, was er unserem Spiel geben kann.“ Trainer Ergin Ataman ergänzt: „Ich hoffe, Bobby macht so weiter. Dann ist er schwer zu stoppen.“ Muss ja nicht gerade gegen Dirk Nowitzki und Deutschland so kommen.