Um ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie das Ansehen Dirk Nowitzkis in der Welt des Basketballs ist, fängt man am besten an mit einer Szene vom EM-Finale 2005. Die Halle in Belgrad war mit 19.000 Zuschauern ausverkauft, als unsere Mannschaft gegen Griechenland antrat und es leider nicht zum Sieg gereicht hat. Kurz vor Ende wurde er von Bundestrainer Dirk Bauermann ausgewechselt. Er hatte wie immer alles gegeben, war vollkommen ausgelaugt. Plötzlich geschah etwas Einmaliges: Die Zuschauer, in der Überzahl Basketball-verrückte Serben und Griechen, erhoben sich spontan von ihren Sitzen und gaben ihm einen langen, herzlichen Applaus. Ganz Europa, so schien es, hat sich in diesem Moment verneigt und Dirk Nowitzkis außergewöhnliche Leistungen gewürdigt. Er hat das verdient.

Es ist wohl klar, dass auch die aktuellen, teilweise sehr jungen Nationalspieler ihn jetzt mit ganz, ganz viel Respekt empfangen haben, als er zur Mannschaft kam. Die meisten kannten ihn ja nicht persönlich, nur seinen Weg, seine Karriere. So etwas erträumt sich jeder junge Basketballer.

Er sorgt dafür, dass sich andere um ihn herum wohl fühlen

Aber genauso typisch ist, dass sie diesen großen Respekt schnell wieder abgelegt haben. Denn auf dem Spielfeld kann man zwar von Dirk unheimlich viel lernen, er ist eine unheimliche Hilfe. Es ist eine Ehre, mit ihm zu spielen. Aber er ist auf der anderen Seite ein total umgänglicher, lustiger Typ, lässt niemals ein Gefühl von Distanz zu den anderen aufkommen. Das lässt er gar nicht zu. Er wollte und brauchte nie einen Sonderstatus, lässt den Star nie raushängen. Dirk ist ein Anführer, ohne große Reden halten zu müssen. Er hat seine Leaderrolle schon immer vorgelebt. Und gleichzeitig hat er seine Leichtigkeit weitergegeben an die jungen Leute. Deshalb freut sich auch jeder Spieler auf die Zeit mit ihm. Alle fühlen sich wohl mit ihm.

Wir haben jahrelang in der Nationalmannschaft zusammengespielt. Zum ersten Mal gesehen habe ich Dirk aber beim Bundesjugendlager 1993 in Heidelberg, wo Auswahlteams der Bundesländer gegeneinander antraten, er für Bayern, ich für Berlin. Er war sehr groß, schlaksig würde man sagen, und trug ein Stirnband. Angefreundet haben wir uns dann in den Jugend-Nationalmannschaften; diese Freundschaft hält bis heute. Wenn Dirk in Berlin ist, versuchen wir, gemeinsam Zeit zu verbringen. Wir haben bei den Auswahlteams lange ein Zimmer geteilt. Das war eine lustige Zeit. Legendäre Uno-Runden mit anderen Spielern hat es damals gegeben. Und eine ganze Weile hat Dirk immer im Anschluss an die Mittagspause die Band Oasis auf seiner Gitarre nachgespielt. Den Song „Wonderwall“ habe ich bis heute im Ohr.

Dass er damals von der zweiten Liga in Würzburg direkt in die NBA wechselte, konnten manche nicht recht verstehen. Fast nicht glauben: Wie sollte das wohl klappen? Sein erstes Jahr lief ja auch nicht so rund. Zum Glück hatte Dirk in Dallas Leute, die ihn wirklich sehr unterstützt haben. Und er hat sich durchgebissen. Dass Dirk schließlich so ein dominanter Spieler geworden ist und bis jetzt, mit 37 Jahren, auf diesem Level unterwegs, dafür gibt es allerdings keine Worte. Das hätte niemand erwartet.

Ich weiß noch, wie er die ersten Male aus der NBA zurückkam zur Nationalmannschaft. Da erschien Dirk mir wie ausgewechselt. Er war nicht mehr der Schlaks von früher, sondern spielte mit enormer Physis, war noch professioneller geworden. Vor allem hatte er diesen Killerinstinkt auf dem Feld entwickelt, war absolut konzentriert in jedem Training und in jedem Spiel.

Nun fragen sich manche, wie ein Dirk Nowitzki dem deutschen Team mit seinen 37 Jahren noch helfen kann. Ich glaube, Erfahrung ist in einer Mannschaft unersetzbar, erst recht bei so einem Turnier. Und sein Level ist immer noch extrem hoch. Dazu sein Wurf: Kein Mensch auf der Welt kann den verteidigen. Seine Technik, bis zum Erbrechen trainiert und wiederholt, ist exzellent. Er hat eine hohe Wurfauslage, eine hohe Flugkurve und ist ja auch riesig, ganz schwer zu verteidigen für Gegenspieler. Es gibt doch den Film „Der perfekte Wurf“ über ihn – er ist unheimlich nah dran.

Dirk kann außerdem bis heute ein Spiel an sich reißen, hat eine hohe Spielintelligenz, aber ganz besonders ausgeprägt ist seine Teamfähigkeit auf dem Feld. Dirk tut alles für den mannschaftlichen Erfolg. Er hat nie ein Ego gezeigt, ist immer vorneweg marschiert. Nichts hat ihn aufgehalten, keine Verletzungen, kein Fieber.

In den USA Weltstar geworden, aber immer gern wieder daheim

Ich erinnere mich an die EM in der Türkei 2001. Vor dem Auftaktspiel gegen Estland fragten alle: Wo ist Dirk? Der war noch in der Kabine, musste sich übergeben. Am Ende des Spiels hatte er 33 Punkte gesammelt und zwölf Rebounds.

Dass er mal ein großes Turnier vor eigenem Publikum spielen kann, freut mich besonders für Dirk. Ich weiß, dass ihm das sehr viel bedeutet, er immer gern nach Deutschland kommt, obwohl er erst in den USA ein Weltstar geworden ist. Ich wünsche der ganzen Mannschaft, dass sie diese EM genießen und erfolgreich beenden kann.

Mithat Demirel, 37, hat 100 Länderspiele für Deutschland bestritten und ist heute Sportdirektor bei Alba Berlin