Es ist diese besondere Szene, die in Erinnerung bleibt. Sein großer Auftritt. Finale der Basketball-Europameisterschaft in der Münchner Olympiahalle, 4. Juli 1993: Noch wenige Sekunden sind zu spielen, als Christian Welp den Freiwurf zum 71:70 für die deutsche Nationalmannschaft im Korb der Russen versenkt. Kurz danach ist das Spiel aus, Deutschland ist sensationell Europameister. Doch einer fehlt im Jubelknäuel, er rennt fluchtartig vom Spielfeld direkt in die Kabine. Christian Welp mag den ganzen Trubel nicht.
Jetzt ist der Mann, der für den größten Erfolg des deutschen Basketballs sorgte, völlig überraschend in Seattle gestorben. Welp, der inzwischen die US-Staatsbürgerschaft besaß, wurde nur 51 Jahre alt. Die Meldungen, ein Herzinfarkt habe den ehemaligen Weltklasse-Center am Sonntag aus dem Leben gerissen, wurden bisher noch nicht offiziell bestätigt. In seiner neuen Heimat hinterlässt er seine Ehefrau Melanie und drei Kinder.
Welp war einer der besten Basketballer, die es in Deutschland jemals gegeben hat. Er spielte zwischen 1987 und 1989 in der NBA, der besten Liga der Welt. Später holte er mit Bayer Leverkusen und Alba Berlin insgesamt sechs deutsche Meistertitel, mit Olympiakos Piräus gewann er den Europapokal der Landesmeister. Als Assistenztrainer von Chefcoach Dirk Bauermann betreute er die Nationalmannschaft, die 2005 EM-Zweiter wurde.
Entscheidender Korb im EM-Finale 1993
Aber der EM-Titel überstrahlte alles. Damals wurde er zum wertvollsten Spieler (MVP) des Turniers gewählt, 18 Punkte erzielte der 2,12 Meter große Center im Finale. Den ehemaligen Weggefährten bleibt nur Trauer um einen der Ihren. Viele aus dieser großen Mannschaft, die das „Basketball-Wunder von München“ vollbrachte, telefonierten am Montag miteinander. „Ich bin schockiert“, sagte Svetislav Pesic, der Trainer des Teams. Auch beim Deutschen Basketball Bund (DBB) löste die Nachricht Bestürzung aus: „Unser EM-Held von 1993 stirbt viel zu früh“, heißt es in einer Mitteilung.
Die Szene in München, seine Flucht, steht beispielhaft für den Menschen Christian Welp, der das Rampenlicht scheute. „Es war ihm unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen“, sagt Henning Harnisch. Viele Jahre sind die beiden einen gemeinsamen Weg gegangen, lange bei Bayer Leverkusen, eine Saison bei Alba Berlin (1997/1998), natürlich in der Nationalmannschaft. Harnisch, heute bei Alba Vizepräsident Jugend, war auch in München mit dabei.
Welp war immer ruhig, in sich gekehrt, ein Einzelgänger. Als Journalist hatte man es mit einem freundlichen Profi zu tun, der einem aber auch sehr schnell signalisierte, dass er am liebsten gar nichts sagen möchte. Manchmal wurde ihm seine Zurückhaltung als Arroganz ausgelegt. „Viele Leute haben sein Verhalten missverstanden“, erklärt Harnisch. „Es stimmt nicht, dass er nicht zugänglich war.“
Welp war ein passionierter Angler
Eher abwartend, abwägend. „Wenn er Menschen länger gekannt hat, hat er sich auch geöffnet“, erinnert sich Harnisch, der in den vergangenen Jahren „sporadisch“ Kontakt mit seinem ehemaligen Kollegen gehabt hat. Welp war nicht der Typ, der einen gleich umarmte. „Seine Freundschaft musste man sich etwas verdienen.“ Als „sehr zuverlässig und warmherzig“ werde er ihm in Erinnerung bleiben, so Harnisch. „Er hatte einen trockenen Humor.“
Sportlich sieht Harnisch in Welp „eine der Figuren des deutschen Basketballs“. Pesic nennt ihn „einen großen Basketballer“.
Pesic und Welp, das war vor der EM eine besondere Geschichte. Der Spieler wollte nicht das gesamte Vorbereitungsprogramm mitmachen und verhandelte mit dem DBB. „Das habe ich sofort gestoppt, so etwas kann es nicht geben“, erzählte Pesic einst der Berliner Morgenpost in einem Interview, als sich der Triumph von München zum zehnten Mal jährte. „Nach einem Vier-Augen-Gespräch mit Chris habe ich dann gesagt: Die Mannschaft muss entscheiden. Das Team war dafür.“
599 Punkte in 54 Spielen für Alba Berlin
1997 hat Pesic, inzwischen Alba-Coach, Welp nach Berlin geholt. „Ein ganz außergewöhnlicher Spieler und Typ“ sei Welp gewesen, sagt Marco Baldi, damals wie heute Geschäftsführer des Klubs. „Ich glaube, er hat sich am wohlsten gefühlt, wenn er mit seiner Angel an einem Bach sitzen konnte.“ Welp war passionierter Angler. Als Basketballer habe er auf dem Feld „unfassbare Energie entwickelt“. Welp bestritt für Alba 54 Spiele und erzielte dabei 599 Punkte. Als Albas-Sportdirektor Mithat Demirel noch selbst Profi war, erlebte er Welp 1997/98 erst als Mitspieler, dann 2005 als Cotrainer des Nationalteams. „Als Spieler hat er total sein Ding gemacht, als Trainer war er offener und ging voll auf bei den Jungs.“
Dass Welp zum „Klassentreffen“ im Sommer 2013, 20 Jahre nach dem EM-Sieg, als einziger Spieler nicht kam, „hat niemanden von uns überrascht“, sagt Harnisch. Es passte zu diesem außergewöhnlichen Charakter.
Als er mit Alba 1998 den deutschen Meistertitel errungen hatte, ihm eine Medaille umgehängt worden war, nahm er die Plakette und warf sie ins Publikum. So etwas brauchte er nicht.
Es bleiben nur Erinnerungen und die eine oder andere Anekdote. Erzählt von seinem ehemaligen Mitspieler Jörg Lütcke: „Chris hat es zwar nie zugegeben, aber beim Waldlauf am Teufelsberg hat er einen anderen Weg genommen, hat sich wohl ins Auto gesetzt, ist zur Bank gefahren, hat eine Überweisung getätigt – und kam zurück.“





