Als David Logan Alba mit 79:78 in Führung gebracht hatte, waren noch 6,8 Sekunden zu spielen. Im Basketball nicht selten Zeit genug, dem Gegner den Sieg noch zu entreißen. Nur noch Wimpernschläge vor der Schlusssirene versuchte Ex-Alba-Star Sharrod Ford, jetzt in Diensten des Deutschen Meisters aus Bamberg, mit einem Wurf aus der Ecke, genau das zu tun. Der Ball aber sprang auf den Ring. Berlins neuer Center Leon Radosevic hüpfte mit Freudensprüngen und Siegerfaust Richtung Mittellinie.

Radosevic ist 23 Jahre alt, und in nicht allzu langer Zeit wird er in solchen Momenten die andere Richtung einschlagen, versuchen, sich den am Brett hüpfenden Ball zu schnappen, um ein Last-Minute-Wunder des Gegners zu verhindern. Aber das Herz, die Begeisterung und Energie, die der junge Serbe beim Jubeln zeigte, hatte Albas Sieg im Champions Cup gegen den Serienmeister aus Franken erst möglich gemacht. Das gilt für die gesamte komplett neu formierte Mannschaft. Sie hat sich jetzt vorgestellt: noch nicht bis in die Haarspitzen abgezockt, aber noch weit darüber hinaus bissig und motiviert. Für den Rest des Abends war ein Lächeln auf den Gesichtern der Sieger.

Trainer Chris Fleming gewann mit Bamberg zuletzt vier Meisterschaften, dreimal den Pokal und genauso oft den Champions Cup – ein Mann, der nicht gern verliert. Hätte Ford getroffen und sein Team gewonnen, erzählte der US-Amerikaner nach dem Spiel, wäre er irgendwie mit dem Gefühl nach Hause gefahren, den Sieg doch nicht ganz verdient gehabt zu haben. Dann sagte er mit Blick auf seinen Berliner Kollegen Obradovic freundlich: „Sasa hat ein gut funktionierendes Team zusammengestellt. Mein Kompliment!“

Erster Auftritt in der O2 World

Für Albas Trainer „war es extrem wichtig, wie wir gewonnen haben“. Es sei gut gewesen, „zu sehen, dass wir einen Weg gefunden haben, Bamberg zu schlagen“. Obradovics Chef, Geschäftsführer Marco Baldi, hatte, als der Kader komplett war, halb gehofft und halb versprochen, „dass der Weg, den dieses Team gehen werde, immer zu sehen sein würde“. Dass die Mannschaft gleich im ersten Spiel gegen den Meister diese Hoffnung erfüllt und das Versprechen eingelöst hat, freute „ihn dann für die Jungs unheimlich. Man darf nicht vergessen, dass sie ja das erste Mal in unsere Halle waren, vor knapp 10.000 Leuten. Da denkt man schon drüber nach, aber das haben alle recht gut im Griff gehabt“. Daran hätte sich auch nichts geändert, wenn Ford getroffen und Alba mit einem Punkt verloren hätte. „Aber das Bild ist ein ganz anderes. Das wird dem Selbstbewusstsein der Mannschaft gut tun.“

Der so unbekümmert jubelnde Radosevic machte bei seinem ersten Auftritt in der O2 World 16 Punkte und holte sechs Rebounds, die gleichaltrigen Jonas Wohlfahrt-Bottermann (elf und drei, dazu drei geblockte Würfe) und Akeem Vargas (acht und fünf) standen dem kaum nach. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass Vargas aus der Zweiten Liga kommt. „Dass Akeem aus der Ecke Dreier werfen kann, war klar“, sagt Baldi, „aber ob er das auch vor 10.000 Zuschauern unter Druck gegen den Meister kann, wussten wir nicht. Er übrigens auch nicht. Jetzt wissen wir: Er kann.“

Allen Stolperfallen ausgewichen

Vargas erzählt stolz, dass er immer als Erster zum Training kommt und als Letzter geht. Dass die Führung des Klubs in ihm einen Führungsspieler der Zukunft sieht und das auch sagt, freut ihn. Die Nervosität, sagt er, hielt sich in Grenzen, als er gegen Bamberg live im Fernsehen erstmals in die abgedunkelte Arena lief. „Ich habe zehn Jahre darauf hingearbeitet, dass meine Mama zum ersten Mal vor dem Fernseher saß und gedacht: bloß nicht stolpern, weil doch da immer irgendwelche Kabel sind. Und das hat ja dann geklappt“, erzählt er.

Gedacht ist, dass die Jungen von älteren und erfahrenen Spielern angeführt und erfolgreich sein sollen. Auch da war gegen Bamberg Baldis „Weg“ zu sehen. Allen voran bei David Logan, der seiner zugedachten Rolle als Vollstrecker gerecht wurde. Es war kein Zufall, dass er den Ball hatte, als Alba mit einem Punkt zurück zum letzten Angriff blies. „Der überlegt nicht viel, der zieht zum Korb, egal, wer da steht und ist überzeugt, dass er das Ding machen wird“, sagt Baldi. „David hat das Scorer-Gen, das kannst du nicht lernen.“ Logan selbst sagt: „Das ist mein Job, dafür bin ich hier.“

Der erfolgreiche Saisonauftakt um den Champions Cup sorgte dafür, dass sich der Begriff „Freier Tag“ in den Wortschatz Obradovics einschlich. Am Montag aber geht es wieder los, und alle brennen darauf, ihre Leistung zum Bundesligaauftakt kommenden Sonntag in Quakenbrück zu bestätigen.