Rockbands hätten schon eine Menge Verstärker und Lautsprecher auffahren müssen, um den Sound zu erzeugen, der am Sonnabend zu hören war, als Dirk Nowitzki in der Berliner O2 World um 20.06 Uhr als Letzter seines Teams das Parkett betrat. Er joggte aufs Feld, winkte kurz ins Rund und keinen der 14.500 Zuschauer hielt es auf seinem Platz. Alles pfiff und trampelte, so laut es ging.

Ein langer Sommer des Wartens war vorbei, gleich würde das mit Spannung erwartete Duell von „Dirkules“ und seinen Dallas Mavericks gegen die Hausherren von Alba Berlin beginnen. Ein „Hallo“ und mehrere „Danke, danke“ waren nötig, bevor sich Nowitzki über das Hallenmikro beim ausverkauften Haus fürs Kommen bedanken konnte: „Die letzten drei Tage waren unvergesslich, und ich wünsche euch ein gutes Spiel. Wir wollen heute für den Basketball werben.“

Dass dies gelang, war vor allem den Gastgebern zu danken. Denn die Befürchtung, dass sie von den Stars aus der besten Liga der Welt vorgeführt würden, war bald zerstreut. Der nächste große Applaus gehörte den Alba-Spielern, als sie nach dem ersten Viertel 23:21 und dann sogar 29:23 (15.) führten. Auch, wenn Nowitzki keine „Zillion Minuten“ spielte und am Ende für seine Verhältnisse auf magere acht Punkte kam, setzte sich in der Folge mehr und mehr die größere individuelle Athletik der US-Stars durch. Zur Halbzeit führten die Gäste 45:39, nach dem dritten Viertel 65:61, und am Ende der in der NBA üblichen 48 Minuten war auch Nowitzkis Plan, sich in Berlin nicht zu blamieren, gerade so aufgegangen.

Die letzten Punkte der Partie erzielte er selbst, Dallas gewann gegen ein ebenbürtiges Alba-Team, das auch noch 14 Sekunden vor dem Ende mit zwei Punkten zurück auf die große Sensation hoffen durfte, 89:84. Beste Werfer auf Berliner Seite waren Deon Thompson (20), Nihad Djedovic (15), Vule Avdalovic (13) und Yassin Idbihi (12). Für die Texaner trafen Vince Carter (14), Darren Collison (14) Chris Kaman (14) und Shawn Marion (12) zweistellig.

Wie ein Staatsbesuch

Es waren wilde Tage für Deutschlands Vorzeigebasketballer. Sein Besuch in der Hauptstadt glich dem eines Staatsgastes. Zwar fehlte die Ehrenkompanie der Bundeswehr, alles andere aber erinnerte doch sehr daran. Standesgemäß waren die Mavericks am Donnerstag mit dem teameigenen Jet in Berlin gelandet. Als der Bus zum ersten Mal vor dem Nobelhotel „Adlon“ am Brandenburger Tor hielt und der rote Teppich ausgerollt wurde, ahnten die Spieler, dass es in Berlin um mehr ging als ein Basketballspiel zu gewinnen. „Da haben die Jungs ganz schön gestaunt“, sagte Nowitzki.

Einen solchen Auftritt hatte sich Nowitzki immer gewünscht. Schon häufiger zog es Mannschaften der NBA nach Deutschland. 2006 etwa spielten die Philadelphia 76ers in Köln gegen die Phoenix Suns, zwei Jahre später die New Orleans Hornets und Washington Wizards in Berlin. Da habe er sich gefragt, so Nowitzki: „Was machen die in meinem Land? Das müssten doch eigentlich wir sein?“

Nach 1283 Spielen in 14 Jahren, in denen er mit 27.455 Punkten NBA-Legenden wie Larry Bird oder Charles Barkley hinter sich gelassen hat, nach seinem Aufstieg zum Champion und Weltstar, ist ihm dieser Wunsch nun erfüllt geworden. Nowitzki war deshalb in jedem Moment, trotz Jetlags, die Freude darüber anzumerken. Er brachte seine Frau Jessica mit. „Das wollte sie sich hier nicht entgehen lassen.“ Auch die Familie reiste aus Würzburg an. „Das ist für uns alle ein Riesenevent.“

Der Riese bleibt immer gelassen

Wohin er auch kam, Autogrammwünsche, beinahe Schritt für Schritt, auch gestern auf den wenigen Metern vom Kabinengang zum Spielfeld. „Können wir bitte ein Foto machen?“ Nowitzki erfüllte so viele Wünsche er konnte und blieb dabei gelassen. Nervös wirkten lediglich die zahlreichen Hüter seiner Termine. „Für mich ist es immer noch komisch, dass ich als Basketballer in Deutschland einen solchen Rummel auslöse“, sagte Nowitzki. „Das fasziniert mich und macht auch Spaß. Ich bin stolz, dass respektiert und akzeptiert wird, was ich geleistet habe.“

Gleich am ersten Tag weihte er mit NBA-Commissioner David Stern einen Freiplatz im Berliner Bezirk Köpenick ein und stand den Berliner Kids Rede und Antwort. Er gab allein drei Pressekonferenzen und trainierte abends mit seinem Team. Der Freitag war nicht weniger dicht gedrängt. Training, Autogramme, Interviews und ein Besuch in der Redaktion der Berliner Morgenpost. Als Überraschungsgast schaute er an einer Neuköllner Schule vorbei, spielte dort mit den Schülern Basketball. Im Smoking Größe XXXL machte Deutschlands Ausnahme-Basketballer eine ebenso gute Figur, als die Amerikanische Handelskammer in Deutschland seinen Besuch nutzte, um ihn mit dem „Transatlantic Partnership Award“ auszuzeichnen. Ein „transatlantischer Brückenbauer“ sei er, und einer, der mit seinen beiden Stiftungen in den USA und Deutschland sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen helfe.

Am Sonntagmittag endet das „Heimspiel“ Nowitzkis. Seine Jessica fliegt zurück nach Dallas, die Familie fährt nach Würzburg. Nowitzki wird mit seinem Team nach Spanien weiterfliegen, wo er am Dienstag gegen den FC Barcelona antritt. Sein Terminkalender dort ist nicht so gedrängt. Er plant sogar, zum Fußballspiel Barca gegen Real Madrid zu gehen. Nowitzki verlässt Deutschland nicht ohne jene Nachricht, die seine Anhänger nur allzu gern von ihm hören. Er denkt an eine Rückkehr ins Nationalteam: „Wenn ich der nächsten Basketball-Generation mit meiner Erfahrung helfen kann, Olympia in Rio zu erreichen, dann werde ich das sehr gut überlegen. Ein attraktiver Gedanke.“