Basketball

Albas Kapitän Femerling geht endgültig von Bord

Nach 16 Jahren zieht sich Albas Rekordnationalspieler Patrick Femerling aus dem Profisport zurück - Basketball wird es weiterhin geben.

Foto: picture alliance

So könnte der Film anfangen, der sein Leben erzählt: Der Kapitän a.D. steht auf der Hafenmole, blickt aufs Meer und lässt die unzähligen Häfen Revue passieren, in denen er sein Schiff festgemacht hat. Nun fuhr Kapitän Patrick Femerling allerdings nie zur See. Wenn in ihm die Erinnerungen hochkommen, sind es Bilder aus Sportarenen über vier der fünf Kontinente verteilt. Von Buenos Aires, wo er 1996 gegen Kuba das erste seiner 221 Länderspiele bestritt, über Dallas in Texas, Novo Mesto in Slowenien, die Saitama Super Arena in Japan, die Olympiahalle in Peking oder den Palau San Jordi in Barcelona, wo er 2003 mit dem Gewinn der Euroleague seinen größten Triumph feierte und noch immer genießt.

„Wie wir vor dem Finale in die Halle mit den 16.000 Zuschauern gekommen sind und ich erst nach gefühlten zwei Minuten wieder Luft bekommen habe, war ein unbeschreibliches Gefühl“, erzählt der Basketball-Rekordnationalspieler. „Ich erinnere mich nicht an Spiele, nur an einzigartige Momente wie auch diese unglaubliche Freude, als wir nur noch wie die Irren rumgehopst sind, nachdem wir das Ding gewonnen hatten.“ Und dann sagt Femerling: „Ja, es ist vorbei!“

Mehr Zeit für die Familie

Ein Spiel eintausendundsoundsoviel im Trikot von Barcelona, Piräus, Athen, Sevilla, Antalya oder Alba Berlin wird es nicht mehr geben, Femerling ist Kapitän außer Dienst – sehr zur Freude seiner drei Frauen, Ehefrau Caroline und seinen Töchtern Mia (5) und Hannah, die erst Anfang Januar geboren wurde und ihren Papa nun nicht mehr unter den Körben dieser Welt schwitzen sehen wird. „Ich genieße es total“, sagt Caroline Femerling. „Ich merke erst jetzt, wie oft er eigentlich all die Jahre nicht zu Hause war. Ich war es ja nicht anders gewohnt, weil er schon für Alba spielte, als ich ihn kennenlernte.“

Damit, nicht mehr die Frau an der Seite eines Stars zu sein, kann Frau Femerling gut leben. „Es gab sowieso nur wenige Momente in Athen und Barcelona, in denen ich mich so gefühlt habe. Ansonsten war ich Spielerfrau, was ja kein sonderlich gutes Image ist, weil die ja angeblich nur nerven und immer extra Tickets haben wollen. Man ist immer die Frau von …“

Gerade nach der Geburt von Hannah war der Mann im Haus von unschätzbarem Wert, nicht nur, weil er mit seiner Körpergröße von 2,15 Meter ohne Leiter die Glühbirnen wechseln kann. „Ich koche gern und gut“, erzählt der ehemalige Kapitän, „gehe einkaufen und mache eigentlich alles …“ „Bis auf die Wäsche“, unterbricht die Ehefrau, „denn wenn man Hell und Dunkel zusammen in die Maschine packt, kommt meistens Grau heraus.“ Ausgeglichener sei er jetzt schon, erzählt Frau Femerling. Allerdings habe er den Ärger oder den Frust nach Niederlagen nie mit ins häusliche Leben gebracht.

Dass er sich morgens nicht mehr erst mal zur Bettkante rollen muss und dann zwei Minuten braucht, um die Knie ganz durchdrücken zu können, dass er seine Füße wieder schmerzfrei bewegen kann und viel Zeit mit der Familie verbringt, genießt Femerling. „Aber mir braucht keiner zu kommen und erzählen, wie leicht es sei, aufzuhören“, sagt er. „Ich würde liebend gern den Rest meines Lebens in der Euroleague spielen. Eine Saison wäre vielleicht auch noch drin gewesen, aber es ist Schluss.“

Und er spricht beim Blick zurück nicht nur von Wehmut, sondern auch von Demut. „Man darf nie vergessen, welch ein großes Privileg es ist, mit dem Basketball viel Geld zu verdienen und damit auch noch seine Existenz danach abzusichern. Das ist nicht normal. Es ist ein Leben in einer Blase, wo einem jemand sagt, wann man isst, wann der Bus fährt und man dann Basketball spielt, zehn Monate im Klub, sechs Wochen mit der Nationalmannschaft. Ein Leben, in dem man auch blutet, aber auch mit Momenten, die andere nie erleben dürfen.“

Er sei dem Basketball dankbar – der Sport habe ihm viel Selbstvertrauen und Liebe gegeben, erzählt Femerling. Dankbarkeit und Liebe hätten die „Zeit danach“ auch schon längst beginnen lassen. Jeden Dienstag fährt er mit dem ICE morgens nach Hamburg und abends wieder zurück. Dort betreut er die basketballerische Seite des Integrationsprojekts „Crossover“, bei dem Kinder und Jugendliche, egal, ob aus reichen oder armen Elternhäusern, gemeinsam Shows aus Musik, Basketball und Breakdance erarbeiten.

„Es macht Spaß zu sehen, wie alle an einem Strang ziehen“, sagt er. Genau dieses Gefühl möchte er vermitteln, denn das „Gemeinsam etwas erreichen“ habe er aus seiner aktiven Zeit mitgebracht. „Wir wollen den Kindern zeigen, dass sie mehr können, als ihnen in der Schule vermittelt wird“, erzählt Femerling. Man merkt, dass es ihm eine Herzensangelegenheit ist. Jeder, der mehr wissen will, sagt er, „kann mich unter femerling@crossover-ev.de erreichen.“

Breitensport, Kinder- und Jugendarbeit werden aber nicht alles sein, was ihn mit dem Basketball in Zukunft verbinden wird. „Den B-Trainer-Schein habe ich schon, im Sommer mache ich den A-Schein und bewerbe mich gerade für einen Diplom-Trainer-Studium in Köln, das berufsbegleitend ist und bei dem ich nur vier, fünf Tage im Monat anwesend sein muss.“

Auslaufen beim TuS Neukölln

Irgendwann wird Femerling also mit Anzug und Krawatte an die Seitenlinie des Parketts zurückkehren, auf dem er für die meisten Fans in den vergangenen 16 Jahren einfach nur „Socke“ war. Wegen der Kniestrümpfe, die eigens mit seinem Nachnamen am oberen Rand in Barcelona angefertigt wurden. „Die letzte Lieferung habe ich nicht mehr ganz auftragen können“, erzählt er. Noch sechs, sieben neue Paare lägen im Schrank und vier oder fünf, „die noch einige Meilen drin haben“.

Die werden, mutmaßt Femerling, für den Rest seines Basketball-Lebens reichen, obwohl er nach wie vor spielt. „Ich mache beim Training des TuS Neukölln mit. Das macht richtig Spaß, denn alle können da ganz ordentlich spielen, die meisten sind Akademiker, obwohl man davon auf dem Spielfeld nichts merkt“, freut sich Femerling, der auch nie um einen Spruch verlegen war und dem jetzt seine Lieblings-Gesprächspartner, die Schiedsrichter, fehlen. „Ich spiele einfach gern Basketball – und ohne Sport fehlt mir ganz einfach was.“

Kein Wunder. Kapitän a.D. bleibt Kapitän – ob unter den Körben oder zur See.