Der Blick von Chris Ensminger hatte schon etwas Verzweifeltes. Fassungslos, mit weit aufgerissenen Augen schaute er diesem Kerl mit der Nummer 15 auf dem gelben Trikot hinterher. Immer wieder hatte Ensminger, der 2,09 m große Basketballprofi der Telekom Baskets Bonn, versucht, sich unter dem Berliner Korb gegen Cemal Nalga durchzusetzen. Mit legalen Mitteln, mit illegalen Mitteln, mit Knuffen, Schieben, Haken – aber gegen den Center von Alba Berlin gab es kein Durchkommen. Da konnte der 36-jährige Ensminger, wohl einer der härtesten Knochen in der Bundesliga, seine Ellenbogen ausfahren wie er wollte: Der Türke Nalga, 22 Jahre alt, 2,08 m groß und 125 Kilogramm schwer, wich keinen Zentimeter.

Haben Sie schon einmal versucht, im Alleingang eine Schrankwand zu verschieben? Stimmt, geht nicht. Spätestens jetzt weiß das auch Chris Ensminger.

Und spätestens durch die Liveübertragung der Partie im Deutschen Sportfernsehen wissen die Basketballfans in Deutschland nun auch, was für einen bärenstarken Mann Alba seit knapp einem Monat unter Vertrag hat.

Natürlich war es nicht allein das Verdienst von Nalga, dass Alba im Spitzenspiel am Sonnabend die völlig überforderten und „emotionslosen“ (Baskets-Trainer Mike Koch) Bonner mit einer Packung nach Hause schickte. Er erzielte zehn Punkte, schnappte sich neun Rebounds, war Teil einer Mannschaft, die die 14.500 Zuschauer in der offiziell ausverkauften O2 World beim 83:48 (45:21) in Verzückung versetzte. Eine Mannschaft, die nun mit viel Selbstvertrauen zum wichtigen Eurocupspiel am kommenden Dienstag bei Aris Saloniki nach Griechenland reist.

Ein Team, das gegen Bonn 40 Minuten lang nicht nachließ. Dem man anmerkte, dass es etwas gutmachen wollte. Denn da war nicht nur das Ausscheiden im Pokal in Bamberg drei Tage zuvor. „Wir hatten noch Wut im Bauch, weil wir uns und unsere Fans enttäuscht hatten“, sagt Spielmacher Steffen Hamann dazu.

Ein anderer Stachel saß jedoch noch viel tiefer. Das Gros des aktuellen Berliner Teams war auch schon dabei, als Alba im Play-off-Halbfinale am 11. Juni 2009 das entscheidende fünfte Spiel eben gegen die Baskets Bonn mit 71:82 verlor. Damals war die Arena am Ostbahnhof zum letzten Mal ausverkauft gewesen.

Cemal Nalga kennt das nur vom Hörensagen. Doch seine Mitspieler, sicher auch sein Kumpel, der ehemalige Alba-Profi Mithat Demirel, hatten ihm erzählt, „dass ein Spiel gegen Bonn hier schon etwas Besonderes ist“, wie er Demirel dolmetschen ließ.

"Er isst definitiv viel"

Die eingefleischten Alba-Fans, die sich nach einem Spiel immer zum „Radio-Eins-Fantalk“ einfinden, haben den türkischen Riesen mit dem Vollbart jedenfalls schon in ihre Herzen geschlossen. Spätestens als er erzählte, mit seinem Ex-Klub Galatasaray Istanbul in einem Vorbereitungsspiel schon einmal gegen Chris Ensminger, Feindbild Nummer eins der Berliner Fans, gespielt zu haben. Und dann der entscheidende Satz des Nationalspielers: „Ich mag ihn auch nicht besonders.“ So einer, da waren sich die jubelnden Anhänger einig, ist hier genau richtig.

„Es wird von Spiel zu Spiel besser“, sagt Nalga selbst über seine Leistungen. Gegen Bonn stand er zum siebten Mal für Alba auf dem Feld, doch eine Einsatzzeit von 18:31 Minuten war für ihn Rekord. „Alles ist neu für mich, ich muss mich erst eingewöhnen.“

„Wir wussten, dass er ein guter Spieler ist“, sagt Albas Geschäftsführer Marco Baldi. Deshalb zögerte der Klub auch nicht lange, als Nalga – wie ein Geschenk – auf einmal in Berlin auftauchte. Und das auch noch, wie passend, gerade zu dem Zeitpunkt, als sich Alba-Center Adam Chubb eine langwierige Beinverletzung zugezogen hatte.

In der Türkei nicht spielberechtigt (weil er trotz einer Sperre auf Druck seines Klubs Galatasaray an einem Testspiel teilgenommen hatte), besuchte Nalga Mithat Demirel in Berlin, mit dem er einst gemeinsam in Istanbul gespielt hatte. So kam eins zum anderen…

„Er ist sicher nicht ein Finessespieler wie Blagota Sekulic oder hat nicht gewisse Fähigkeiten von Adam Chubb“, vergleicht ihn Baldi mit den beiden anderen Alba-Centern. „Doch er hat eine unglaubliche Präsenz.“ Und er kann einstecken und austeilen.

In der Mannschaft ist er gut aufgenommen worden. „Er hat bei uns den Spitznamen Baba“, erzählt Hamann. „Baba“ ist Türkisch, auf Deutsch übersetzt: „Väterchen“. Assistenztrainer Konstantin Lwowsky attestiert ihm eine „hohe Integrationsleistung“. Und er hat das Geheimnis Nalgas körperlicher Stärke schnell entdeckt: „Cemal isst definitiv viel.“ Wenn er und Kollege Sekulic vorn am Büffet stünden, müssten die anderen schauen, dass sie nicht zu kurz kommen. Da gibt es dann auch nur schwer ein Durchkommen.