Es wird ein Basketball-Fest, die O2 World wird so gut wie ausverkauft sein, knapp 15.000 Fans wollen am heutigen Sonnabend Albas Klassiker gegen Bonn sehen (19.55 Uhr, DSF live). Viele der Zuschauer werden sogar gut vorbereitet sein, haben Plakate und Spruchbänder bemalt, um einen der Baskets ganz besonders zu schmähen. Schon beim Aufwärmen werden Gesänge wie „Holzt denn der alte Ensminger noch? Ja, er holzt noch…“ zu hören sein. Die Berliner Fans werden ihren Lieblingsfeind wieder sehen: Bonns Center Chris Ensminger, den Vorzeige-Buhmann der Liga.
„Ich freue mich auf die Buh-Rufe und Pfiffe“, schmunzelt der 2,09-Meter-Mann, der als Tabellenzweiter der BBL bei Tabellenführer Alba antritt. „Denn ich sehe das als eine Art Respekt an, den mir die Fans in fremden Hallen entgegen bringen. In Berlin ist es noch etwas Besonderes. Erstens, wegen der unzähligen Schlachten, die ich in meinen sieben Jahren in Bamberg gegen Alba geschlagen habe und dieser speziellen Rivalität zwischen Bonn und Berlin. Ich freue mich auf einen großen Fight und ein großes Spiel.“
Etliche Alba-Center haben sich an ihm abgearbeitet
Ensminger spielt nach seinen Stationen in Weißenfels, Bamberg und Paderborn seine elfte Saison in der Bundesliga. Etliche Alba-Center – Geert Hammink, Dejan Koturovic, Jovo Stanojevic, Sharrod Ford oder jetzt Adam Chubb – haben sich an ihm abgearbeitet. Und oftmals mussten sie an sich halten, nicht wutentbrannt auf ihn loszugehen, denn Ensminger, ohnehin kantig und mit spitzen Ellbogen, greift auch öfter zu rustikaleren Mitteln, um seine Gegenspieler zu stoppen. „Ich will immer gewinnen, und nette Leute gewinnen in der Regel nichts“, sagt Ensminger kurz und knapp. Privat wird der Vater zweier Söhne und gläubige Christ beispielsweise von Alba-Spielmacher Steffen Hamann, der in Bamberg mit „Ense“ zusammen spielte, „als ganz entspannter Typ und als Familienmensch“ beschrieben, „einer, der auch Humor hat“. Den allerdings lässt er, wenn er aufs Feld geht, in der Kabine.
Und zwar mit beachtlichem Erfolg: 2005 und 2007 wurde er mit Bamberg Meister, fünfmal war er bester Rebounder der Liga (2001 bis 2005), beim letzten Allstar-Game wurde er sogar zum wertvollsten Spieler (MVP) gewählt. Zum zweiten Tabellenplatz der Bonner hat der 36-Jährige in dieser Saison mit einem Schnitt von 13,2 Punkten und 8,7 Rebounds pro Spiel beigetragen. Fragt man Bonns Coach Mike Koch, zu Leverkusener Zeiten als Spieler ebenfalls ein beliebter Buhmann der Alba-Fans, nach den Qualitäten seines Oldies, erfährt man Überraschendes: „Er hat nie die Athletik besessen wie viele andere, fliegt nicht andauernd unter dem Korb herum. Chris ist ein Dauerbrenner, der seine Stärken gut geplant einsetzt und in jedem Spiel alles gibt.“
Und da ist er dann wirklich, der Humor Ensmingers. „Tja, was man nie hatte, kann man auch nicht verlieren“, kommentiert der Center die Beschreibung seiner Athletik. „Ich weiß, was ich kann und was von mir erwartet wird, Rebounden, harte Defense und Punkte aus der Nahdistanz. Dem ordne ich alles unter, stretche viel, mache ganz gezieltes Krafttraining und achte auf meine Ernährung.“
Abneigung wird von Albas Lieblingsfeind nicht erwidert
Die Abneigung der Berliner wird von Albas Lieblingsfeind übrigens nicht erwidert. „Die Spiele in Berlin gehören zu den absoluten Höhepunkten der Saison. Die Atmosphäre wird fantastisch sein. Wir und auch Alba sind gerade erst im Pokal ausgeschieden, wollen uns mit einem Sieg rehabilitieren. Das Spiel wird live im Fernsehen übertragen. Beste Voraussetzungen für ein hartumkämpftes Spitzenspiel auf allerhöchstem Niveau.“
Es wird nicht der letzte Besuch des rauen US-Centers in Berlin sein. Er steht auch noch kommende Saison in Bonn unter Vertrag und droht: „Ich fühle mich nicht wie 36 und meine Familie fühlt sich in Deutschland sehr wohl. Es kann gut sein, dass ich noch ein, zwei Jahre dran hänge.“
Die Anti-Ensminger-Plakate und -Spruchbänder werden also auch noch nach dem Spitzenspiel am Sonnabend benötigt.




