Es klappt dann eben doch noch nicht alles am ersten Tag, selbst wenn man einen Verein wie Union Berlin bestens kennt. Das Mikrofon, in das Steffen Baumgart als neuer Trainer des Berliner Fußball-Bundesligisten im Rahmen seiner Vorstellung sprechen sollte, war schlicht zu tief eingestellt. Eine Kleinigkeit, die Raum für Spekulationen lässt.

Wollte er sich etwa kleiner machen, als er tatsächlich ist? Als der Begriff Baumgartscher Fußball fiel, intervenierte der Angesprochene jedenfalls sofort: „Wir sollten mit solchen Begriffen aufhören. Es gibt einen Fußball, den ich gern sehe, und der ist offensiv.“

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Es brauchte nur diesen einen Satz, um Unions neuen Chefcoach zu charakterisieren. Bodenständig, aber geradeheraus. Ein Coach mit einer klaren Vorstellung, wie er die Mannschaft der Köpenicker wieder in die Erfolgsspur führen will. Mit vielen Gesprächen („Ich bin jemand, der viel erzählt“), vor allem aber mit noch mehr Emotionalität.

Baumgart kämpft bei Union Berlin schon jetzt gegen Skeptiker

Steffen Baumgart, 52 Jahre alt, geboren in Rostock und an der Alten Försterei zur Klublegende gereift, obwohl der Stürmer lediglich zwei Spielzeiten das rot-weiße Trikot mit der Rückennummer 2 getragen hat (2002 bis 2004). „Ich will das Stadion hier anzünden. Wobei es sich schon von allein anzündet, erst recht, wenn wir Tore schießen“, sagt Baumgart.

Es brauchte exakt eine Szene, die ihn unsterblich gemacht hat bei den Union-Fans. Zum Saisonstart 2002 gegen Mainz wurde Baumgart Mitte der zweiten Halbzeit eingewechselt. „Schon damals schwang Skepsis mit, als ich geholt wurde. Doch in der ersten Szene hatte ich gleich mein erstes Tackling nahe dem Anzeigehäuschen. Mein Opfer war Marco Rose, danach stand der ganze Block“, erzählt Baumgart.

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Baumgart, der Kämpfer, der auch jetzt nicht wenige Skeptiker gegen sich hat, die in seiner Verpflichtung ein Risiko sehen. „Wir sind ja nicht hier, weil wir ein Risiko sehen, sondern weil wir eine Riesenchance in der Situation sehen“, entgegnet Baumgart. Horst Heldt, Unions Geschäftsführer Profifußball, pflichtet ihm bei: „Wenn man über Chancen und Risiken philosophiert – es ist viel einfacher, mit einem Trainer zu arbeiten, der den Verein in- und auswendig kennt. Egal, wo Steffen gewesen ist, es hat sich immer der Erfolg eingestellt.“

802 Fans sehen Baumgarts erstes Training

Die erste Trainingseinheit am Donnerstag ließ jedenfalls keinen Zweifel daran, dass Baumgart die Chance bei Union nutzen will. Um 15.23 Uhr, sieben Minuten vor dem eigentlichen Trainingsstart, ertönte erstmals der signifikante Pfiff, mit dem Baumgart seine Profis zusammenruft. Und es ging sofort zur Sache.

„Wenn wir den Ball verlieren, holen wir ihn uns sofort zurück“, schallte Baumgarts Stimme nur wenige Minuten nach dem Aufwärmen über den Trainingsplatz, wo sich 802 Fans eingefunden hatten. Und: „Ihr macht euch das Leben selbst schwer, weil ihr die Räume eng macht.“

Nach dem Training stand Steffen Baumgart, der neue Chefcoach von Union Berlin, für Selfies und Autogramme bereit.
Nach dem Training stand Steffen Baumgart, der neue Chefcoach von Union Berlin, für Selfies und Autogramme bereit. © imago/Matthias Koch | imago/Matthias Koch

Schnell, intensiv, direkt – so lässt sich der Auftakt ins Jahr 2025 zusammenfassen. Mit Baumgart als Antreiber und entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit in langärmeliger Jacke statt kurzem Shirt und Baseball-Cap statt Schiebermütze auf dem Kopf.

Bei der anschließenden Autogrammrunde wurde Baumgart immer wieder mit „Willkommen zurück“ begrüßt. Jedes Trikot, jeder Schal wurde unterschrieben. Ein Selfie mit „Baumi“? Kein Problem. Es wirkte, als sei der verlorene Sohn nach Köpenick zurückgekehrt.

Baumgart setzt auch bei Union Berlin auf Viererkette

Die Art, wie der Ex-Profi seine Mannschaften Fußball spielen lassen will, ist stets von Intensität geprägt. Der Kader mit einer starken Innenverteidigung (Kevin Vogt, Danilho Doekhi, Diogo Leite) passt zum Spielstil.

Steffen Baumgart ist neuer Cheftrainer von Union Berlin.
Steffen Baumgart ist neuer Cheftrainer von Union Berlin. © dpa | Soeren Stache

Die Dreierkette scheint jedoch Geschichte zu sein, wie Baumgart durchblicken ließ: „Ich habe hauptsächlich mit der Viererkette erfolgreich agiert. Und wer Dreierkette mit drei Innenverteidigern hat, kann auch Viererkette mit zwei Innenverteidigern spielen.“

Auch Profis, die in der Lage sind, die Bälle ordentlich in den Strafraum zu flanken, stehen im Kader. Robuste Stürmer wie Jordan Siebatcheu und vor allem Ivan Prtajin, die bislang kaum oder gar keine Rolle gespielt haben, werden unter Baumgart sicher eine neue Chance bekommen.

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Doch zur Wahrheit gehört auch, dass Baumgarts Teams zu oft ein sogenannter Plan B fehlte, wenn die Grundausrichtung mal nicht zum Erfolg führte. Die Ergebnisse blieben aus, es folgte die marktübliche Spirale nach unten, die in der Trennung vom Trainer endete.

Bei Union Berlin herrscht wieder Aufbruchstimmung

Am Sonntag im Testspiel gegen Bundesliga-Konkurrent Holstein Kiel (13 Uhr, Alte Försterei) steht schon die Generalprobe mit neuem System an. Eine Woche später warten mit dem Gastspiel in Heidenheim (11. Januar) sowie den Heimspielen gegen Augsburg (15. Januar) und Mainz (19. Januar) drei Spiele in acht Tagen auf Union.  

„Die Mannschaft ist topfit“, sagt Baumgart, „jetzt gilt es, sie so anzupassen, dass sie wieder Selbstvertrauen hat. Mit klaren Ansagen, was wir erreichen wollen. Die Jungs kommen nicht aus dem Nichts. Und die Spiele, die gewesen sind, waren nicht alle so schlecht.“

Es herrscht plötzlich wieder so etwas wie Aufbruchstimmung an der Alten Försterei nach dem „Gefühl des Stillstands“ (Heldt) zuletzt unter Baumgarts Vorgänger Bo Svensson. Auch wenn Baumgart zugibt, dass Union Berlin „nicht auf meiner Linie stand. Es waren schon ein, zwei andere Gespräche geführt worden. Ich war überrascht und auch sehr glücklich, als der Anruf kam. Manche Sachen gehen schneller als geplant.“ Auch wenn am ersten Tag nicht alles gleich klappt.

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