Leben

Wie man den Alltag ohne Augenlicht meistert

Das Blindenhilfswerkin Steglitz organisiert Feste und Fahrten für seine Mieter und lädt Schüler in den Garten ein.

Gemeinsames Kochen beim Blindenhilfswerk. Geschäftsführer Carsten Zehe (r.) ist neugierig, was es gibt.

Gemeinsames Kochen beim Blindenhilfswerk. Geschäftsführer Carsten Zehe (r.) ist neugierig, was es gibt.

Foto: Amin Akhtar

Rot sind die Paprikaschnipsel, grün die Zucchinischeiben und violett die Auberginen. Einträchtig sitzen sechs Frauen und Männer am Tisch und zerkleinern das Gemüse für ein Ratatouille-Mittagessen. Sehen können sie es nicht, auch die leuchtenden Farben nehmen sie nicht wahr. Es sind Mieter der Wohnungen des Blindenhilfswerks Berlin in Steglitz. An jedem Mittwoch treffen sie sich zum Kochen in der Lehrküche, unterstützt von zwei Betreuerinnen. Auch Alexandra Reinshagen ist dabei. „Es macht mir Spaß“, sagt sie. „Ich koche auch gern zu Hause.“ Die 31-Jährige arbeitet als Honorarkraft in der benachbarten Johann-August-Zeune-Schule für Blinde. Dort bringt sie Flüchtlingskindern die Brailleschrift bei. Seit zehn Jahren lebt Alexandra Reinshagen auf dem Areal an der Rothenburgstraße.

60 Wohnungen vermietet das Blindenhilfswerk an Blinde und Sehbehinderte. „Es sind Junge und Ältere, Alleinstehende und Familien“, sagt Car­sten Zehe, Geschäftsführer des Blindenhilfswerks. Dessen Mitarbeiterinnen helfen den Bewohnern, wenn Briefe zu lesen oder Anträge auszufüllen sind. Sie unterstützen beim Einkaufen und begleiten zu Ärzten und Behörden. Das Hilfswerk lädt seine Mieter zu Weihnachtsfeiern ein, fragt nach den Wünschen für die Freizeitgestaltung und versucht, sie zu erfüllen. Ein englischer Teenachmittag wurde organisiert, mit einer Tafel im Garten und gebackenen Scones. Spielnachmittage sind geplant. „Wir wollen für unsere Mieter hier auf dem Gelände, wo sie sich auskennen, etwas auf die Beine stellen.

Schulklassen besuchen den "Garten der Sinne"

Carsten Zehe hat sein Amt im Sommer 2018 angetreten. Er ist Betriebswirt und Physiotherapeut. Die Einrichtung, die der 49-Jährige leitet, finanziert sich hauptsächlich aus Spenden und Vermächtnissen. 1886 wurde das Blindenhilfswerk gegründet. Die benachbarte Blindenschule wurde Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet. Hilfswerk und Schule arbeiten zusammen – diese Kooperation soll in Zukunft noch intensiver werden. „Es gibt für uns viele Möglichkeiten zu helfen“, sagt Carsten Zehe. „Etwa bei der Vermittlung von Praktika.“ Flüchtlingskinder könnten im Erlernen der deutschen Sprache unterstützt werden.

Die Werkstatt des Blindenhilfswerks, in der auch Bewohner arbeiteten, musste Anfang 2018 schließen. Stühle wurden repariert, Besen und Bürsten hergestellt. Doch das war nicht mehr rentabel. Carsten Zehe will zusammen mit dem Vorstand neue Möglichkeiten der Beschäftigung finden und eine neue Nutzung für das Werkstattgebäude. Er will auch, dass sich das Gelände mehr für den Kiez öffnet. Es soll in Steglitz stärker bekannt werden.

Ein Projekt, das das Hilfswerk schon jetzt in Berlin bekannt macht, ist der „Garten der Sinne“. Schulklassen besuchen im Frühsommer und im Herbst diesen Garten. Sie lernen dort, wie man sich fühlt, wenn man nichts sieht, und wie man sich trotz dieses Handicaps orientieren kann. Die Kinder durchlaufen einen Parcours und tragen dabei Augenmasken. Sie bewegen sich mit einem Blindenstock, orientieren sich an Geräuschen und an einem Leitstreifen, wie er auf S- und U-Bahnhöfen zu finden ist. Sie gehen über eine Hängebrücke, ohne etwas zu sehen. Und sie lernen Kräuter durch ihren Geruch zu unterscheiden, indem sie ein Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger zerreiben, etwa Currykraut, Ananassalbei, Honigmelonensalbei, Zitronenmelisse und – besonders beliebt – Colakraut.

Juliane Eichhorst, Mitarbeiterin des Hilfswerks, betreut das Projekt „Garten der Sinne“. Sie ist begeistert von der Arbeit mit den Schulkindern. „Sie hören genau zu“, sagt sie. „Hinterher nehmen sie Blinde und Sehbehinderte auf ihrem Weg durch die Stadt anders wahr.“ Der Garten wird mit Spenden erhalten. Sie sind nötig, um die Anlage zu pflegen, um frische Kräuter anzuschaffen, und für die Honorarkräfte, die die Kinder auf dem Weg durch den Parcours begleiten.

Begegnungen beim "Kiez Bazar"

Juliane Eichhorst bereitet weitere Projekte vor. Im Mai ist für die Bewohner des Hilfswerks eine Fahrt nach Dresden geplant, mit einem Stadtrundgang für Blinde und Sehbehinderte, einer taktilen Führung im Zwinger und einem Konzert in der Frauenkirche. Die Reise, eventuell mit Übernachtung, wird durch Spenden auch von Berliner helfen e. V. finanziert. „Diese Fahrt würden unsere Bewohner nicht allein unternehmen. Das wäre für sie zu schwierig“, sagt Juliane Eichhorst. Sie organisiert auch das traditionelle Sommerfest. In diesem Jahr werden erstmals die Nachbarn dazu eingeladen. Die Steglitzer Familien können Picknickdecken mitbringen. Ein Buffet wird auf dem Rasen aufgebaut. Die Band Blind Foundation soll auftreten, zur Freude der Bewohner des Hilfswerks. „Sie tanzen so gern.“

Begegnungen zwischen den blinden Bewohnern und den Steglitzer Nachbarn wird es auch beim Trödelmarkt „Kiez Bazar“ im September geben. Seit drei Jahren findet er regelmäßig statt. Etwa 40 Stände sind auf dem Gelände des Hilfswerks aufgebaut. „Die Familien, die kommen, fühlen sich wohl in unserem Garten“, erzählt Juliane Eichhorst. „Die Atmosphäre ist entspannt.“

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