Kinder und Internet

"Ich habe keine Ahnung, was meine Tochter so guckt"

Das Smartphone ist den Kids ein ständiger Begleiter. Wie viel Chatten und Surfen ist ok? Wo lauern Gefahren im Netz? Experten klären auf.

Foto: imago/Westend61

Wenn Sabine Müller-Bunzel zum ersten Mal in eine Schule kommt, bringt sie gerne einen Koffer mit. Den klappt sie vor den Kindern und den Eltern auf und präsentiert den Inhalt. Der Koffer ist randvoll bepackt – mit einem alten Telefon mit Wählscheibe, einem CD-Player mit Radio, einer Videokamera, einem Fotoapparat, einem Spielbrett, einer Zeitung, einem Brief, einem Fotoalbum, Werbeprospekten und vielem mehr. "All diese Dinge, die kaum in einen Koffer passen, sind heute in einem einzigen Smartphone enthalten und jederzeit verfügbar", erklärt sie dann ihrem Publikum und ergänzt: "Wenn man sich das mal so vor Augen führt, wundert es einen nicht, dass ein Smartphone unglaublich verlockend ist – und dass es auch ganz schön anstrengend sein kann."

Sabine Müller-Bunzel ist Medienpädagogin. Für die Medienwerkstatt Potsdam veranstaltet sie Medienworkshops in Schulen, vor allem für 5. und 6. Klassen. Vormittags sind die Kinder dran, am Abend die Eltern. Es geht darum, die Schülerinnen und Schüler und ihre Mütter und Väter in Mediendingen zu schulen, sie über nützliche Apps und kreative Möglichkeiten im Internet zu informieren. Aber auch darum, über Gefahren aufzuklären, die etwa die sozialen Netzwerke mit sich bringen, Stichworte: Cybermobbing, Cybergrooming, Gewaltdarstellungen. Und natürlich geht es auch um die Grenzen des Medienkonsums. Ab wann sollte ein Kind ein eigenes Smartphone besitzen? Was darf es damit tun? Und, vor allem: Wie lange pro Tag sollte es damit spielen, chatten oder surfen dürfen? Das sind die häufigsten Fragen, mit denen Eltern zu den Infoabenden in die Schulen kommen.

Checkliste: Wie regelt man Handy-Zeiten?

Die meisten Mütter und Väter sind zwar heute den digitalen Medien gegenüber aufgeschlossen, weil sie sie selbst bei der Arbeit und privat nutzen und weil sie ihre Kinder bestmöglich auf das (berufliche) Leben vorbereiten wollen. Aber gleichzeitig gibt es viele Sorgen, Bedenken und Aufklärungsbedarf. Die Allgegenwart des "multimedialen Alleskönners", wie Medienpädagogen das Smartphone gern nennen, ist vielen Müttern und Vätern dann doch unheimlich.

Praktisch jeder Zwölf- bis 19-Jährige besitzt ein Handy

Mit 97 Prozent besitzt heute praktisch jeder Zwölf- bis 19-Jährige ein eigenes Mobiltelefon, ermittelte die jüngste JIM-Studie über den Medienumgang von Kindern und Jugendlichen. Meist ist es ein Smartphone mit Touchscreen und Internetzugang. Ihre tägliche Internetnutzung taxieren die Jugendlichen auf rund 200 Minuten (montags bis freitags, zumeist über das Smartphone). Dabei entfällt mit 41 Prozent der größte Zeitanteil auf Kommunikation, gefolgt von Unterhaltung (29 Prozent), Spielen (19 Prozent) und Information (zehn Prozent). Die Hitliste der liebsten Internetangebote führen denn auch Youtube, Whatsapp, Facebook und Instagram an.

Diese Angebote stehen – neben Spielen wie "Clash of Clans" – auch in der Klasse 5b der Neuen Grundschule Marquardt hoch im Kurs. Hier ist Medienpädagogin Sabine Müller-Bunzel heute zusammen mit ihren Kollegen Kristin Ehlert und Dirk Rosenzweig zu Gast. Nur etwa ein Drittel der Jungen und Mädchen, zwischen zehn und elf Jahren alt, besitzt ein eigenes Smartphone. Doch von Whatsapp, Snapchat und Twitter haben alle in der Klasse schon gehört und häufig auch erste Erfahrungen damit gemacht.

Likes und Mitteilungen auf kleinen Zettelchen

Sabine Müller-Bunzel nutzt das Interesse der Kinder an den Messenger-Diensten, um sie mit den Grundlagen eines umsichtigen Verhaltens im World Wide Web vertraut zu machen. In der Vorwoche haben die Mädchen und Jungen in Gruppenarbeit Profile erstellt. Jeweils zu viert haben sie sich eine Identität erdacht und sich überlegt, wie sich diese im Internet präsentieren könnte. Wie würde sie sich nennen? Welche Informationen würde sie öffentlich machen, welche nur für Freunde sichtbar? Welche Fotos würde sie posten? Welche Apps hätte sie?

Die Ergebnisse sind auf Plakaten sichtbar. Die Online-Identitäten heißen "Kokoala", "Lissi", "FC Kuebis" und "Olchi Ole". Und sie haben in den vergangenen Tagen von Kindern aus den anderen Arbeitsgruppen sogar schon Likes und Mitteilungen bekommen – wenn auch nur offline, auf kleinen Zettelchen.

Diese Posts sorgen bei den Kindern für Aufregung. Kaum werden sie dazu aufgefordert, leeren sie die Kuverts, die auf die Plakate geklebt sind, und entfalten die darin enthaltenen Zettel. "Ihr seht cool aus", liest ein Mädchen vor und grinst zufrieden. Ein Junge am Nebentisch verzieht dagegen beleidigt das Gesicht. "Dein Profilbild ist hässlich", heißt es auf seinem Zettel. Suchend schaut er im Klassenraum umher, wer der Urheber des Kommentars sein könnte. Eine andere Gruppe hat einen Kettenbrief bekommen. Darauf steht die Anleitung, wann und wie man an einem bestimmten Tag den Lehrer ärgern soll – verbunden mit der Aufforderung, den Kettenbrief an alle Kontakte im Adressbuch weiterzuschicken.

Beleidigende Kommentare sollte man ignorieren

Wie sollte man mit der elektronischen Post umgehen? Das thematisieren nun Sabine Müller-Bunzel und ihre Kollegen mit der 5b. Ein Junge erklärt, dass man Kettenbriefe nicht weiterschicken soll, weil dahinter "fiese Datensammler" stecken. Auch Videos von unbekannten Absendern oder Mitteilungen über einen angeblichen Lottogewinn können gefährlich sein, weiß ein Mädchen – weil man sich beim Öffnen womöglich ein Virus einfängt. Und was ist mit beleidigenden Kommentaren? Die sollte man ignorieren, rät Medienpädagoge Dirk Rosenzweig den Kindern. "Sonst wird es womöglich noch schlimmer, wenn der Absender merkt, dass du dich tatsächlich ärgerst", sagt er. "Du solltest dich lieber jemandem anvertrauen und ältere Geschwister oder deine Eltern um Hilfe bitten." Ein Junge ruft: "Man kann solche Leute auch melden und blockieren!"

Wer den Kindern zuhört, gewinnt den Eindruck, dass zumindest einige schon recht gewandt im Internet unterwegs sind. "Doch das täuscht", sagt Medienpädagogin Sabine Müller-Bunzel, selbst dreifache Mutter. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Kids zwar gut Bescheid wissen, ihr Wissen aber nicht unbedingt umsetzen. Oder dass vieles durcheinanderpurzelt." Deshalb freut sie sich schon auf den Elternabend in ein paar Stunden. Hier will sie die Mütter und Väter dafür begeistern, das aus- und weiterzuführen, was sie mit den Kindern im Workshop erarbeitet hat.

Wie erstellt man ein sicheres Passwort?

Es geht um technische Kompetenz, etwa: Wie erstellt man ein sicheres Passwort? Aber auch um den sozialen Umgang im Netz. Es sei wichtig, die Mütter und Väter mit ins Boot zu holen, genauso wie die Lehrer. "Es ist toll, wenn die Klassenlehrer bei unseren Workshops dabei sind", sagt Dirk Rosenzweig. "Sie bekommen darüber auch wichtige Einblicke, zum Beispiel, warum ein Kind aggressiv ist oder warum es eine Außenseiterrolle in der Klasse hat." Das habe nicht selten mit den digitalen Medien zu tun.

In der privaten Neuen Grundschule Marquardt am Rand Potsdams wird Medienbildung groß geschrieben. In den Klassenstufen 3 und 4 wird das Fach "Medienerziehung" mit je einer Stunde unterrichtet. In den Jahrgängen 5 und 6 gibt es das Fach "Medien und Informatik" mit je zwei Wochenstunden. Doch auch Schulen, bei denen Medienerziehung nicht auf dem Lehrplan steht, haben den Bedarf entdeckt.

Anfragen kommen schon für die Klassen 3 und 4

"Seit einem Jahr gibt es einen regelrechten Medienhype, wir haben so viele Anfragen, dass wir kaum hinterherkommen", sagt Ute Parthum. Sie ist Geschäftsführerin der Medienwerkstatt Potsdam, die das Medienpädagogen-Team nach Marquardt entsandt hat. Seit fünf Jahren bietet die Einrichtung Schul-Workshops an. Anfangs habe es vor allem Anfragen aus den Jahrgangsstufen 8 und 9 gegeben. "Heute kommen die Anfragen schon für die Klassen 3 und 4", sagt Ute Parthum. Darin spiegelt sich wider, dass das Internet immer früher Einzug in die kindliche Lebenswelt erhält.

Um den Beratungsbedarf zumindest bei den Eltern zu stillen, bietet die Medienwerkstatt immer wieder offene Infoabende an. Etwa im "Treffpunkt Freizeit". Wie Medienerziehung in der Familie aussehen kann, erklärt hier der Medienpädagoge Christian Höppner. "Ab neun, zehn Jahren entwickeln Kinder technische Kompetenz und können Medien frei bedienen", erklärt er. "Aber weil sie die Folgen noch nicht einschätzen können, müssen sie von Eltern und Lehrern begleitet und angeleitet werden." Der erhobene Zeigefinger sei dabei deutlich weniger wirksam als gemeinsame Medienerfahrungen. "Mit Jüngeren kann man gemeinsam Lernspiele machen. Mit Älteren kann man über die Inhalte der favorisierten Kanäle sprechen", regt er an. Dann werden Apps ausprobiert, die für Kinder unterschiedlicher Altersstufen spannend oder hilfreich sind. Gemeinsame Schritte machen, sich austauschen: Darum soll es in der Medienerziehung gehen.

Vor allem besorgte Mütter sind zu dem Treffen gekommen. Im Laufe des Abends kommen sie auch untereinander ins Gespräch und geben sich Tipps, wie sie bei ihren Kindern Handyzeit und -kosten begrenzen oder die Kontrolle über heruntergeladene Apps wahren. "Wir sind wohl die letzte Elterngeneration, die so kritisch mit den digitalen Medien umgeht", meint Christian Höppner. Bei den Generationen danach habe Youtube ja schon das TV aus der Kinderzeit der heutigen Mütter und Väter ersetzt.

Ungeschützte Experimentierräume

Doch tut die kritische Auseinandersetzung Not. Schließlich bringen die neuen Medien nicht nur die Möglichkeit einer Berieselung oder Aktivität ohne Pause mit sich, sondern durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten auch Phänomene wie das Cybermobbing. Acht Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren waren laut JIM-Studie schon selbst von Beleidigungen, Bedrohungen oder Belästigungen übers Internet betroffen.

"Die neuen medialen Experimentierräume sind sozial, kulturell und rechtlich nicht geschützt", warnt Daniel Hajok von der Arbeitsgemeinschaft Kindheit, Jugend und neue Medien (AKJM). Daher müsse man die Heranwachsenden beim Erwerb der Fähigkeit unterstützen, sich die Grenzen der Mediennutzung selbst zu setzen.

Das klingt komplizierter, als es ist. "Wir dürfen die Welt nicht mehr spalten in virtuell und real", erklärt Hajok sein Konzept. "Facebook und Whatsapp sind real. Und überall sollten die gleichen Regeln gelten." Damit meint er: Eltern sollen ihren Kindern beibringen, überall einen guten Umgang zu pflegen – im Klassenraum und auf dem Fußballplatz genauso wie in der Whatsapp-Gruppe. Gleichzeitig ermutigt er sie zu klaren Mustern in der Medienerziehung, wie sie in anderen Erziehungsbereichen selbstverständlich sind: "Mit inhaltlichen und zeitlichen Regulierungen schaffen Eltern Grenzen, die Sicherheit geben."

"Ich habe keine Ahnung, was meine Tochter so guckt"

Auch Daniel Hajok ist als Dozent in Schulen unterwegs, für das Projekt "BITS 21". Beim Eltern-Infoabend in der Kreuzberger Clara-Grunwald-Grundschule trifft er auf die typischen Eltern-Anliegen. "Wir haben eine zeitliche Beschränkung fürs Internet, aber sie funktioniert nicht", sagt ein Vater. Für eine Mutter sind nicht die Zeiten das Problem, sondern die Inhalte. "Ich habe keine Ahnung, was meine Tochter so guckt", meint sie.

Eine Mutter, die solche Erfahrungen schon vor Jahren gemacht hat, ist Sabine Campe. Ihr Sohn Robert ist 16 Jahre alt. Er hat gerade ein Buch geschrieben, in dem er Eltern die Medienwelt der Teenies erklärt (siehe Kasten). In seinem Buch verrät Robert Campe, welche Apps und sozialen Netzwerke gerade angesagt ist, wo er und seine Freunde streamen und shoppen – und dass sie ganz gut wissen, wie sie sich vor Gefahren schützen können. Wie hat Sabine Campe es geschafft, dass ihr halbwüchsiger Sohn sein Insiderwissen offenbart, sich so vernünftig im Netz bewegt und noch dazu fähig ist, das Smartphone auch mal beiseite zu legen?

Ihr Rezept lautet: Vertrauen, Interesse, Gespräche. "Mit Sorgen und Ärger gehe ich keinen Schritt auf das Kind zu", sagt die zweifache Mutter. "Lieber lasse ich mich auf seine Welt ein und nutze einen Kanal wie Whatsapp, um es zu erreichen." Vor kurzem hat Sabine Campe Snapchat entdeckt. "Ich kann verstehen, dass Kinder die Frische und Leichtigkeit dieser App mögen", sagt sie und lacht. Ihr Sohn Robert freut sich über die Experimentierlust seiner Mutter. Er meint: "Wenn Eltern mehr wüssten, hätten sie weniger Sorgen und mehr Verständnis." Und im Netz gebe es Platz genug – für alle.

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