Medienpädagogin Kristin Langer ist Mediencoach bei „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht“. Die Initiative von Bundesfamilienministerium, Das Erste, ZDF und TV Spielfilm gibt Eltern und Erziehern Empfehlungen, die Kinder im Umgang mit Medien schulen und stärken. Eltern können Kristin Langer seit 2011 direkt anschreiben und Fragen stellen. Hier berichtet Kristin Langer von ihren Erfahrungen und gibt Tipps.
Frau Langer, welches sind die typischen Fragen von Eltern an Sie?
Kristin Langer: Es geht ganz häufig ums Smartphone. Eltern wollen wissen, ob ihr Kind schon süchtig ist, und wünschen sich Tipps zur zeitlichen Begrenzung. Sie fragen sich auch, ob sie ihr Kind ausgrenzen, wenn sie ihm z.B. WhatsApp verbieten. Ein drittes großes Thema ist die Sicherheit, gerade die Angst vor Gewaltdarstellungen. Eltern interessiert, wie sie ihr Kind schützen können.
Bleiben wir mal beim Thema „Handyzeit“. Viele Eltern sind verzweifelt, dass ihr Kind stundenlang am Smartphone hängt. Was tun?
Im Grunde ist es kein neues Phänomen, dass im Teenageralter die Wahrnehmung dessen, was wichtig ist, zwischen Kindern und Eltern auseinander klafft. Heute zeigt sich das u.a. am Smartphone. Doch sollten Eltern genau hinschauen. Wenn sich die WhatsApp-Gruppe um den Liebeskummer kümmert, ist das von der sozialen Haltung her ja ok, genauso wie der Austausch über die Klassenarbeit. Es ist nur ein anderer Weg, als ihn Eltern aus ihrer Jugendzeit kennen.
Also sollte man die Kids gewähren lassen?
Nein. Trotzdem dürfen Eltern sagen: „Das ist in meinen Augen zu viel. Vor dem Schlafengehen muss das Handy zum Laden in den Flur.“ Das kann auch eine Hilfe für die Jugendlichen sein. Die können vor ihren Freunden dann sagen: „Ich habe doofe Eltern“. Aber insgeheim sind sie vielleicht froh, nachts Ruhe zu haben. Viele Teenager geben laut der letzten JIM-Studie (einer regelmäßigen Untersuchung zum Medienumgang von Kindern und Jugendlichen, die Red.) übrigens zu, dass sie viel Zeit mit ihrem Smartphone verschwenden. Gleichzeitig sagen sie aber auch, dass sie nicht wissen, wie sie ihren Alltag anders organisieren können.
Was kann da helfen?
Handyfreie Zonen und Tage in der Familie können hilfreich sein. Sie schärfen den Blick, bringen zum Nachdenken und machen klar, was ich mit dem Smartphone gewinne und verliere. Die Eltern sind das wichtigste Vorbild, auch im Teenager-Alter. Das kontrollierte Nein-Sagen hilft ja auch in vielen anderen Lebenslagen. Es trägt dazu bei, innere Stärke zu entwickeln.
Was ist mit den jüngeren Kindern?
Tatsächlich fängt bei den meisten Kindern schon am Ende der 4. Klasse das massive Interesse am Handy an. Alles wird rauf und runter probiert und viele Eltern lassen ihr Kind gewähren in der Hoffnung, dass es schon gut gehen wird und das Kind irgendwann das Interesse am neuen „Spielzeug“ verliert. Doch das ist selten so und ich finde das viel zu riskant. Schnell kann das Kind in etwas hineingeraten, das es überfordert. Es ist wichtig, Limits zu setzen. Gerade am Anfang müssen Eltern ihr Kind begleiten.
Begleitung – was heißt das konkret?
Das Wichtigste ist, sich über die Mediennutzung auszutauschen. Wenn ich „Ja“ sage zu digitalen Medien in der Familie, muss ich das Kind auch anleiten, gerade am Anfang. Das heißt konkret: Geräte sichern, mit Kindern altersgerechte Formate auswählen, etwa meine-startseite.de, Surfregeln vereinbaren. Wenn das Kind so gut vorbereitet ist, kann ab elf, zwölf Jahren aus unserer Sicht ein eigenes Smartphone angemessen sein.
Aber gerade wenn ältere Geschwister da sind, wollen die Kinder doch gleich in die ganze bunte Medienwelt eintauchen…
Aber diesen Wunsch müssen Eltern ja nicht gleich erfüllen. Auch dem Gruppendruck müssen sich Familien nicht beugen, z.B., wenn in der 5. Klasse ein WhatsApp-Chat eingerichtet werden soll. Man muss nur den Mut haben, das beim Elternabend zu thematisieren. Ich rate: Haltet euch an die Altersbeschränkungen. Gebt den Kindern Zeit, denn sie müssen da erst hineinwachsen.
Wie kann man mit Kindern verhandeln?
Es gibt viele Hilfsmittel, zum Beispiel können Eltern mit Kindern einen Handy-Nutzungsvertrag abschließen oder einen Surfschein machen. Auf schau-hin.info bieten wir ein Medienquiz und goldene Regeln an. Die Botschaft sollte lauten: Ich will dir nicht den Spaß verderben, aber du musst Bescheid wissen. Es geht darum, bewusst und selbstbestimmt die Medien nutzen zu lernen.
Haben Sie eine Empfehlung, wie lange pro Tag ein Kind sein Handy maximal nutzen sollte?
Wir reden bei Schau hin! ganz allgemein von Bildschirmzeiten. Da empfehlen wir in einem Alter zwischen sechs und neun Jahren bis zu einer Stunde pro Tag. Ab zehn Jahren neun Stunden pro Woche, wobei das Kind sich die Zeit selbst einteilen lernen sollte. Richtwert ist eine Stunde pro Lebensjahr in der Woche. Das wäre bei einem Elfjährigen eine Zeit von elf Stunden pro Woche.
Und wie widersteht das Kind der ständigen Verlockung?
Es macht Sinn, gerade am Abend das Smartphone lautlos zu stellen, damit das Kind gar nicht erst animiert wird, ständig auf das Gerät zu gucken. Familienvereinbarungen wie „Handy weg beim Essen“ helfen auch. Bei Jüngeren sollte man sich gut überlegen, ob das Handy mit in die Schule sollte. Die meisten Schulen haben sowieso ein Handyverbot. Und wenn das Kind den Bus verpasst hat, kann es andere Wege lernen, sich zu helfen. Es kann ins Sekretariat gehen und anrufen lassen. Passanten können ihr Handy ausleihen. Oder, am besten: Das Kind lernt, eigenständig den Busfahrplan zu lesen. Ich empfehle Kindern: Macht euch einen Plan B und nicht komplett abhängig von den Medien. Der Akku kann auch mal leer sein.
Auch die Sicherheit ist vielen Eltern ein großes Anliegen. Diskutiert werden derzeit vor allem Cybermobbing und Cybergrooming, also das Mobbing und die sexuelle Belästigung über das Internet. Wie verbreitet ist das tatsächlich?
Es ist unstrittig, dass gerade Beleidigungen zugenommen haben. In der jüngsten JIM-Studie hat jeder dritte Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren angegeben, jemanden zu kennen, der gemobbt wurde. Acht Prozent waren selbst betroffen. Lehrer klagen, dass sie am Montagmorgen damit beschäftigt sind, das soziale Leben in der Klasse wieder ins Lot zu bringen, das online übers Wochenende beschädigt wurde.
Was hilft dagegen?
Eltern sollten ihren Kindern Alternativen aufzeigen. Das Einfachste: einen Streit persönlich klären. Denn im Chat kann es schnell zu Missverständnissen kommen und sich hochschaukeln. Auch geraten Kinder und Jugendliche immer wieder an Kriminelle. Wenn etwas schief geht, suchen viele Eltern die Schuld beim Kind. Aber sie müssen vorab warnen, zum Beispiel, keine aufreizenden Bilder online zu stellen. Hier helfen Vergleiche: Würdest du das Foto auf dem Marktplatz an der Litfaßsäule plakatieren? Da werden viele Kids schnell von sich aus sagen: Nein, auf keinen Fall! Gerade die Jüngeren sind sich über die Konsequenzen ihres Tuns nicht immer im Klaren.
Und wenn etwas schief gegangen ist?
Dann sollte man in der Familie in Ruhe darüber reden und fragen: Wie ist das gekommen? Nicht gleich Vorwürfe machen. Lieber gemeinsam Schritte überlegen, etwa Inhalte oder Nutzer beim Betreiber oder bei i-kiz.de melden und Chatregeln vereinbaren, damit so etwas nicht mehr passiert. Eltern sind mitschuldig, wenn sie etwas erlauben, aber nicht begleiten.
Sind Kinder auf die Handhabung des Smartphones besser vorbereitet, als Eltern denken?
Die Kinder eignen sich viel Wissen auch über Ältere oder eben über die Mediennutzung selbst an. Aber Vorsicht: Das kann auch Halbwissen sein. Mediennutzung ist nicht Medienkompetenz. Das Technische haben Schüler schnell raus, also welchen Knopf man drücken muss. Aber warum besser nicht oder was daraus folgt: Dafür brauchen sie unsere Erfahrung.
Dürfen Eltern um der Sicherheit willen Passwörter von Kindern kennen und Nachrichten kontrollieren?
Medienerziehung baut auf Vertrauen. Deshalb sind wir von Schau hin! dafür, die Privatsphäre zu respektieren. Also es lieber vermeiden, wenn es auch anders zu regeln ist. Lieber fragen, was mein Kind im Netz macht und mit wem es in Kontakt ist, so wie ich es ja auch im echten Leben wissen will.
Die Initiative im Netz: www.schau-hin.info. Fragen per Email an service@schau-hin.info oder per Telefon: 52 68 52-132 (Mo-Fr 9-13 und 14-18 Uhr)

