Schüler & Medien

Soziales Netzwerk ersetzt Umarmen nicht

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Verändern die elektronischen Medien unser soziales Verhalten? Unsere Kommunikation mit anderen Menschen? Antworten geben der Internetforscher Simon Schnetzer sowie Medienpädagogin Kristin Narr.

Die beiden sind Autoren der Studie „Toleranz Online 2014“, in der es um Respekt, Sicherheit und Freiheit im Internet geht:

Ai Linh: Finden Sie, dass die Kommunikation von Jugendlichen immer mehr über mediale Geräte stattfindet?

Simon Schnetzer & Kristin Narr: Für junge Menschen ist es ganz normal, über mediale Geräte zu kommunizieren, selbst wenn sie sich im selben Raum aufhalten. Das hat sich in den letzten Jahren stark verändert, insbesondere auch durch das mobile Internet, günstige Tarife und Umsonst-Angebote für persönliche Kommunikation über Apps wie beispielsweise WhatsApp, Skype, Instagram oder Facebook.

Was sind die Nachteile und die Vorteile medialer Kommunikation?

Diese Frage haben wir Hunderten von jungen Menschen gestellt. Was sie als Folge medialer Kommunikation befürchten, ist ein Zerfall der Kommunikationskultur: das Gefühl, allein zu sein, und ein Verlust an Kommunikationskompetenz. Die Vorteile der medialen Kommunikation sind die einfache Kommunikation mit Freunden, das schnelle Zusammenkommen und das Gefühl, immer beieinander zu sein.

Gibt es auf diesem Weg überhaupt sinnvolle Kommunikation?

Auf jeden Fall. Es erfolgt über mediale Kommunikationsformen nicht nur, aber definitiv auch sinnvolle Kommunikation. Das ist grundsätzlich die gleiche Situation wie bei einem Gespräch, bei dem man sich gegenüber steht. Manchmal gibt es Sinnvolles zu bereden, manchmal nicht. Die Art der Kommunikation konzentriert sich bei medialen Kommunikationsformen auf den Text und die Emoticons, mit denen man Gefühle ausdrückt. Das macht es manchmal auch kompliziert. Schnell entstehen Missverständnisse.

Kann ein soziales Netzwerk wirkliche soziale Bindungen ersetzen? Oder hat es eine andere Funktion?

Nein, dafür ist es auch nicht da. Wenn wir im Rahmen unserer Forschung Interviews und Workshops durchführen, hören wir immer wieder von der Sehnsucht junger Menschen nach dem Miteinander im nicht-digitalen Raum. Das Bedürfnis nach Wärme oder einmal in den Arm genommen zu werden, ist ein menschliches Grundbedürfnis, das durch digitale Gerätschaften und Angebote nicht ersetzt werden kann. Um ein einfaches Ersetzen des einen durch das andere geht es aber auch gar nicht, vielmehr geht es darum, mit verschiedenen Formen soziale Bindungen einzugehen. Digitale Medien bieten so gesehen mehrere Wege an. Manche Bindungen werden online weitergeführt, andere finden nur mittels digitaler Medien statt und so weiter. Vieles spielt im Internet beispielsweise über mobile Geräte ein Rolle oder spielt sich da ab, weil es bereits anderswo wichtig oder ein Thema ist. Und andersherum passiert es genau so.

Wie wichtig ist es, einem sozialen Netzwerk beizutreten?

Das hängt davon ab, in welchen Kreisen man sich bewegt. Es gibt Gruppen, in denen läuft der Großteil der Kommunikation über bestimmte soziale Netzwerke ab. Außerdem setzen manchmal Schulen, Vereine und Universitäten die Kommunikation in sozialen Netzwerken oder internen Netzwerken voraus, was durchaus einen Zwang darstellen kann. Da man mit dem Beitritt und der Nutzung von sozialen Netzwerken immer auch Informationen von sich selbst preisgibt und sich – je nach Persönlichkeitseinstellungen mehr oder weniger – zur Angriffsfläche macht, sollte der Beitritt gut überlegt werden. Grundsätzlich ist es völlig in Ordnung, wenn man sozialen Netzwerken nicht betreten will. Manche haben einfach keine Lust darauf. Das sollte jeder für sich entscheiden.

Wie können Jugendliche auf mediale Kommunikationsformen vorbereitet werden?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie Jugendliche sich einerseits selbst vorbereiten können und auch aktiv vorbereitet werden können. Es gibt einige gute Angebote und Projekte, die Jugendliche besuchen können. Zum Beispiel in Medienkompetenzzentren oder Medienvereinen. Neben den konkreten Angeboten sollten Jugendliche auch selbst aktiv werden und sich gegenseitig Tipps geben und Ratschläge von älteren Geschwistern, Eltern oder spezialisierten Beratungsstellen einholen.

Gibt es überhaupt noch eine Zukunft für den Brief?

Ja, es wird wohl noch lange von Behörden Benachrichtigungen per Brief geben . . . und nicht zu vergessen den romantischen Brief. Teste einmal die Reaktionen im Vergleich, wenn Du jemandem entweder einen schön gestalteten handschriftlichen Brief sendest oder eine Nachricht per WhatsApp. Manche Nachrichten, die über digitale Medien verfasst werden, sind flüchtig und eher nicht für die Ewigkeit bestimmt. Einen handschriftlichen Brief behält man vermutlich in einer schönen Schachtel und zieht ihn wohl noch in 20 Jahren bei passenden Gelegenheiten heraus.

Mehr Infos im Internet unter: www.toleranzonline.de

Ai Linh Akkoyun, Klasse 8a, Georg-Büchner-Gymnasium, Lichtenrade