Das Bucht trägt den Titel: „Ich war ein Glückskind“. Ein Titel, der Fragen aufwirft. Beim Besuch in Berlin beantwortete sie zusammen mit ihrer Tochter Wendy Leigh die Fragen von 20 Morgenpost-Jugendreportern, die alles wissen wollten über den Kindertransport, der vor 75 Jahren insgesamt 10.000 jüdischen Kindern das Leben rettete:
Empfinden Sie gar keine Bitterkeit darüber, dass Ihnen ein Teil Ihrer Kindheit gestohlen wurde? Und Sie Ihren Vater nach dem Abschied am Zug nie wieder gesehen haben?
Marion Charles: Das ist eine Frage der Persönlichkeit. Entweder ist man ein Mensch, der die Bitterkeit weiter in sich trägt oder jemand, der das Vergangene abschüttelt und versucht, jeden Tag zu genießen und sich trotz allem am Leben zu freuen.
Sie durften sich 1938, als Sie in den Zug nach England stiegen, von Ihrem Vater nicht richtig verabschieden und auch keine Emotionen zeigen. Wie haben Sie sich damals wirklich gefühlt?
Wendy Leigh: Meine Mutter wusste ja damals nicht, dass sie ihren Vater nie wiedersehen würde. Ihre Mutter hatte zu ihr gesagt, sie würden sich Weihnachten sehen. Das hat sie geglaubt. Ich denke aber, sie hatte sehr viele Emotionen. (An Ihre Mutter gewandt:) Du hast geweint, nicht?
Marion Charles: Ich weiß es einfach nicht mehr.
Im Rückblick betrachtet: Wären Sie lieber bei Ihren Eltern in Deutschland geblieben?
Marion Charles: Manche Kinder, die damals mit dem Kindertransport nach England kamen, habe ich neulich wieder getroffen. Einige haben es ihren Eltern sehr übel genommen, dass sie sie nach England geschickt haben. Ich war und bin nicht dieser Meinung. Immerhin hat die Entscheidung mein Leben gerettet!
Wendy Leigh: Manche Eltern haben ihre Kinder kurz vor der Abreise, also am Zug, in die Arme genommen und sind wieder mit ihnen nach Hause gefahren. Aber diese Kinder sind später in Konzentrationslager deportiert worden und dort gestorben. Meine Großeltern haben das Leben meiner Mutter gerettet.
Gab es besondere Bedingungen dafür, um als jüdisches Kind mit dem Kindertransport nach England ausreisen zu können?
Marion Charles: Man brauchte 50 Pfund und jemand musste bürgen. Dann gab es eine lange Warteliste. Für manche Länder betrug die Wartezeit fünf Jahre. Außerdem durfte man höchstens 16 Jahre alt sein.
Haben Sie viel vom Krieg mitbekommen, als Sie in England waren?
Marion Charles: Ich habe an Deutschland mit Angst gedacht, ich habe mir Sorgen gemacht. Die Nachrichten über den Krieg habe ich im Radio gehört.
In Ihren Briefen aus England an Ihre Eltern haben Sie immer versucht, nur Schönes zu berichten. Sie waren selbst noch so jung: Woher wussten Sie, dass es so wichtig war, Ihren Eltern nur Positives zu schreiben?
Marion Charles: Ich glaube, Kinder haben von Natur aus solche Gefühle. Genau wie meine Tochter, die nie Ärger machen wollte. Sie hat das Gefühl gehabt, sie dürfe mir nicht noch mehr Sorgen machen.
Wendy Leigh: Die Briefe sind unglaublich, erzählen von der Tragödie, die dahinter steckt. Meine Großmutter hat sie alle nach dem Krieg aufbewahrt. Und meiner Mutter hat es sehr geholfen, sie zu schreiben.
In Ihren englischen Pflegefamilien ist es Ihnen nicht immer gut ergangen. Was würden sie Ihren Pflegeeltern sagen, wenn Sie ihnen heute wiederbegegnen würden?
Marion Charles: Eine sehr gute Frage. Leider weiß ich nicht, wie ich sie beantworten soll. Nach dem Krieg habe ich Mrs. Beard wiedergetroffen, meine dritte Ziehmutter in England. Ich wollte in Verbindung bleiben, aber es war eine sehr schwierige Begegnung, denn sie war eine Antisemitin. Einmal habe ich sie mit meiner Mutter gesehen und Mrs. Beard sagte zu ihr: ,Sie sehen viel zu gut aus, sie sollten gar nicht so gut aussehen, nachdem was sie durchgemacht haben.’ Meine Mutter fragte dann: ,Wer war denn diese Vogelscheuche?’
Von Mrs. Beard haben Sie ja auch erfahren, dass Ihr Vater gestorben ist.
Marion Charles: Meine Ziehmutter hat mir eines Tages beiläufig mitgeteilt: „Ich hoffe, Du weißt, dass Dein Vater gestorben ist. Ich wusste es nicht, aber ich wollte es nicht zugeben und sie hat mir verboten, Emotionen zu zeigen. Ich wollte nicht weinen. Ich habe gesagt ,ja’, habe mein Frühstück weiter gegessen und bin dann in mein Zimmer gegangen und habe den ganzen Tag geweint. In diesem Haushalt herrschte eine ganz kalte Atmosphäre.
Wissen Sie, wie und woran Ihr Vater gestorben ist?
Marion Charles: Gott sei Dank eines mehr oder weniger natürlichen Todes. Er war ein sehr patriotischer Deutscher mit jüdischer Religion, ein deutscher Offizier – und er hat dieses Land geliebt. Was nach 1933 in Deutschland geschehen ist, hat ihn sehr, sehr traurig gemacht. Er ist an gebrochenem Herzen gestorben – und auch als Folge seiner schweren Kriegsverletzungen aus dem Ersten Weltkrieg.
Haben Sie in England manchmal daran gedacht, zu fliehen? Vor allem in Ihrer ersten Gastfamilie waren Sie nicht sehr glücklich. Wollten Sie wieder zurück nach Berlin?
Marion Charles: So unglücklich war ich nun auch wieder nicht. Außerdem war ich ein sehr artiges Kind!
Was bedeutet Heimat für Sie und wo ist heute Heimat für Sie?
Marion Charles: Ich bin überall zu Hause, aber ich habe keine Heimat. Derzeit lebe ich in England.
Ist Heimat für Sie eher mit Menschen verbunden oder mit Orten?
Marion Charles: Für mich ist Heimat ein Ort.
Haben Sie an Gott geglaubt, als Sie in England lebten? Wenn ja: Hat es ihnen geholfen in dieser Zeit?
Marion Charles: Ich habe immer an Gott geglaubt. Es war für mich selbstverständlich, er war einfach immer da.
Sie sind nach dem Krieg wieder nach Deutschland gekommen, haben hier 36 Jahre lang gelebt. Wie fühlten Sie sich nach Ihrer Rückkehr?
Marion Charles: Merkwürdig. Eigentlich wollte ich ja nie wieder nach Deutschland zurück. Ich konnte nicht verzeihen. Andererseits war Deutschland meine erste Liebe. Und das ist es immer noch. Das ist wie mit einem Liebhaber, der einem weh tut: Zwar hört die Freundschaft auf, doch vergessen wird man ihn trotzdem nicht. Das kann auch mit einem Land so sein.
Haben Sie Deutschland oder den Deutschen inzwischen verziehen?
Marion Charles: Ich bin kein Mensch, der grundsätzlich nachtragend ist. Und ich kann doch nicht alle Deutschen verantwortlich machen. Alle, die jünger sind, und natürlich auch Ihr, die Ihr hier sitzt, tragen keine Schuld.
Bei Ihrer Jugendfreundin Greta konnte Ihre Mutter im Krieg untertauchen und hat so als Jüdin überlebt. Sie ging mit Greta sogar manchmal aus. Wie konnte es gelingen, dass ihre falsche Identität nicht aufgeflogen ist?
Wendy Leigh: Meine Großmutter war sehr deutsch, sie sah sehr deutsch aus und sie hat sehr viel Mut gehabt. Den Judenstern hat sie einfach nicht getragen – und das hat geklappt.
Bestimmt der Kindertransport, die Zeit in England und die Trennung von Ihren Eltern noch heute Ihr Leben? Denken Sie noch täglich daran?
Marion Charles: Nicht jeden Tag, aber natürlich hat das alles einen großen Unterschied gemacht. Ich wollte mich nie wieder geborgen fühlen, da ich Angst hatte, alles wieder zu verlieren, wenn ich mich zu sehr geborgen fühlte.
Was hat Sie jetzt dazu gebracht, dieses Buch zu schreiben?
Marion Charles: Ich habe eigentlich immer schon geschrieben, seit ich 14 Jahre war, habe Tagebuch geführt. Es hat sehr lange, also bis jetzt, gedauert, bis ich meine Geschichte veröffentlichen konnte. Ich habe aber nie aufgegeben, auf dieses Ziel hinzuarbeiten.
Erinnert Sie das Berlin von heute noch an das Berlin Ihrer Kindheit?
Marion Charles: Überhaupt nicht. Es könnte überall sein. Ich erinnere mich aber an meine Kindheit in Berlin. Zum Beispiel daran, wie wir zu Tietz gingen, in das Warenhaus. An besonderen Tagen haben wir dort Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Mein Elternhaus am Asternplatz steht noch, dort war ich vor zwei Jahren. Doch es ist so viel kleiner, als ich es in Erinnerung habe.
Wie, denken Sie, kann man verhindern, dass es wieder einen Krieg gibt?
Marion Charles: Eine sehr gute Frage, die mir auch manchmal Sorgen macht. Solche Entwicklungen können ganz schnell kommen. Als ich jung war, habe ich auch nicht mit einem Krieg gerechnet. Es ist beängstigend, wenn man daran denkt, wie schnell so etwas geschehen kann.
Die Fragen stellten: Nina Pawlowsky, Iolana Paedelt, Denise Neumann, Franz Legel, Jg. 8, Schulfarm Insel Scharfenberg, Reinickendorf; Ronja Barthold, Lisa Neuland, Tim Koßmann, Niels Mönch, Jan Strunk, Kl. 9e, Dathe-Oberschule, Friedrichshain; Fritzi Schwarzbauer, Lucie Gröschel, Alexandra Müller, Laetitia Sandow, Emma Ketelhohn, Kl. 9b, Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium, Pankow; Clara Fischlein, Leonie König, Matthew Stehman, Dennis Hartung & Danilo Schumacher, Montessori-Gemeinschaftsschule, Kl. A 14/A09, Lichterfelde. Aufgezeichnet von: Emilia Grasme (14) & Nico Brandt (17)



