Bei meiner Recherche fand ich nur sehr wenige positive Artikel über Migranten. Ich selber würde mich nie als Migrantin fühlen, denn ich komme aus einer gemischt deutsch-tunesischen Familie. Ich fühle mich deutsch und auch tunesisch. Wahrscheinlich ein wenig mehr deutsch, denn hier bin ich aufgewachsen, Deutsch ist meine Muttersprache . Hier kenne ich die Werte, die Regeln, die Gesellschaft.
Aber auch bei tunesischer Musik fühle ich Heimat, beim Geruch von tunesischem Essen spüre ich etwas Vertrautes.
Ich habe eine „hybride Identität“. Die Wissenschaft sagt, dass sich Menschen mit hybrider Identität zwei oder mehr kulturellen Räumen gleichermaßen zugehörig fühlen.
Ich bin beides, weil meine Eltern beides sind. Das kann man nicht ändern, das macht mich aus. Ich bin aber deswegen nicht weniger deutsch, als reine „Bio-Deutsche“, ich bin anders deutsch, vielleicht sogar mehr, weil ich mir täglich meiner Identität bewusst bin, denn ich werde immer wieder darüber definiert.

In Deutschland haben inzwischen rund 25 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, weil mindestens ein Elternteil aus dem Ausland zugewandert ist. Die meisten von ihnen haben wie ich eine „hybride Identität“. Aber wie fühlt man sich als „Hybrid“ in einer Mehrheitsgesellschaft von Nicht-Hybriden? Ja, man möchte manchmal laut schreien: Lasst mich endlich rein!!! Lasst mich und uns hinein in die Gesellschaft, und zwar ohne Vorurteile!

Fragt mich nicht immer, nur weil ich dunkle Haare habe, woher ich komme! Schaut mich nicht immer fragend an, als wenn ich vom Mond käme, wenn ich meinen Namen sage! Kapiert endlich, dass man als Deutsche bzw. Deutscher nicht mehr Lisa oder Peter heißen muss, sondern auch Luigi, Rima, Yunus, Ahmet, Shirin, oder Fatma.

In der Schule redet man unter den Mitschülern manchmal über das Thema Integration oder Fremdenfeindlichkeit. Man redet aber nur so und daher hatte ich die Idee, einige Mitschüler, die bereit waren mitzumachen, systematisch zu befragen. Dafür entwarf ich einen Fragebogen mit sechs einheitlichen Fragen. Für die Befragung kamen nur Schüler mit ausländischer oder deutsch-ausländischer Herkunft in Frage.

Hier die sechs Fragen:

  1. Wie ist dein familiärer Hintergrund? Kommen beide Elternteile ursprünglich aus dem Ausland oder nur eines?
  2. Fühlst du dich eher deutsch oder eher ausländisch?
  3. Begegnen dir manche Menschen mit Vorurteilen dir gegenüber?
  4. Fühlst du dich manchmal aufgrund deiner Herkunft benachteiligt oder nicht?
  5. Glaubst du, dass in deinem Umfeld viele „Migranten“ integriert oder assimiliert sind?
  6. Denkst du, dass du integriert oder assimiliert bist?

Insgesamt haben zehn Schüler und Schülerinnen an der Befragung teilgenommen. Von ihnen gaben immerhin acht an, dass sie sich assimiliert fühlen. Allerdings fühlen sich nur zwei von zehn aufgrund ihrer Herkunft nicht benachteiligt, vier fühlen sich manchmal benachteiligt und wiederum vier leider oft.

Acht von den zehn Befragten begegnet man immer wieder mit Vorurteilen. Nur zwei der Schüler empfinden sich als deutsch, hingegen jeweils vier als ausländisch oder gemischt deutsch-ausländisch. Von den zehn befragten Mitschülern und Mitschülerinnen haben sechs deutsch- ausländische Eltern und bei vier stammen beide Eltern ursprünglich aus dem Ausland.

Bei einer Bevölkerung in Neukölln von etwa 318.000 und einem Gesamtmigrantenanteil von 41,1 Prozent, davon 65 Prozent in Nord-Neukölln und 35,0 Prozent im Süden des Bezirks, wird es immer mehr von uns geben. Unsere Eltern oder Großeltern stammen aus anderen Ländern, die meisten aus der Türkei (12 Prozent), aus den arabischen Ländern (9 Prozent) und aus Polen (5 Prozent).
Teilweise sind unsere Eltern aber auch gemischt, deutsch-arabisch, wie bei mir, oder italienisch-albanisch. Auch andere Variationen gibt es. Neukölln ist international, Menschen stammen von überall her, sie leben hier, sie gründen hier Familien und sie bekommen Kinder. Viele Neuköllner Schulen haben einen Migrantenanteil von über 80 Prozent!
Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind allein schon dadurch die Zukunft und sie haben auch viel zu bieten:

Sie sind in mindestens zwei Kulturen zuhause. Sie verstehen Deutsche und Ausländer. Sie sprechen oft mehrere Sprachen. Sie sind jung und fast alle wollen etwas erreichen. Eine Studie des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Duisburg stellt fest, dass Diskriminierung Integration verhindert und dass Menschen, die im Alltag ständig abgewertet werden, auch schlechtere Leistungen bringen.

Vergessen wir die Vorurteile und nutzen die Vorteile, dann schaffen wir es alle zusammen!

Rima Jerbi, Jg. 9, Clay-Schule, Rudow