Sprachkodex

Bei der Bahn wird jetzt wieder deutsch gesprochen

ServicePoint und Counter – die Anglizismen der Bahn führen zu Missverständnissen und Spott. Bahnchef Grube lässt jetzt viele englische Floskeln streichen.

Foto: picture alliance / dpa / pa/dpa

Kiss and Ride – das originellste Hinweisschild der Deutschen Bahn in englischer Sprache wird den Reisenden wohl noch eine Weile erhalten bleiben. Aus Kostengründen. Denn die vor einem Jahr vom neuen Bahnchef Rüdiger Grube angekündigte Rückkehr zum deutschen Sprachgebrauch ist weit mehr als eine simple Direktive, schon allein, weil neue Schilder geprägt werden müssen. Die Zugansagen in englischer Sprache zu verändern, wie jüngst geschehen, ist da schon einfacher. Weil sich viele deutsche Bahnreisende an den langen englischen Floskeln störten, wurden diese deutlich verkürzt. Sie sind auch nur noch in jenen Zügen zu hören, die die wichtigsten zehn deutschen Verkehrsknotenpunkte befahren.

Als eine der ersten Maßnahmen hatte Grube einen internen Sprachkodex herausgegeben. So finden sich die Bahnmitarbeiter nun wieder zu einer Besprechung zusammen und nicht mehr zum Meeting, man tauscht Informationen aus und nicht mehr News, und es werden dabei Handzettel gereicht und nicht mehr Flyer. Was Spötter als billige PR-Masche abtun, ist für Grube der Beginn eines Bewusstseinswandels: "Als deutsches Unternehmen ist Deutsch unsere erste Sprache.“ Eigentlich eine Binsenweisheit, die aber Grubes Vorgänger, Hartmut Mehdorn, nur wenig galt. Getrieben vom Wunsch, die Deutsche Bahn an die Börse zu bringen, führte er die von Anglizismen strotzende Sprache der Banker und Beratungsunternehmen gern selber im Munde. Die unter seiner Ägide vorangetriebene Internationalisierung des öffentlichen Bahnbereiches war so allumfassend, dass nur noch Würstchenstände und Bretzelbuden sichere Hinweise dafür waren, auf einem deutschen Bahnsteig zu stehen. Als der Verein Deutsche Sprache (VDS) Mehdorn zum "Sprachpanscher des Jahres 2007“ wählte, war sein ambitioniertes Übersetzungswerk fast vollbracht: Man holte sich am ServicePoint eine Auskunft, am Counter ein Ticket, ging zum Pinkeln zu McClean und nutzte das Angebot von Call-a-Bike.

Dass mitunter viel Fantasie echte Sprachkenntnisse ersetzte, machte die Sache mit den Anglizismen nicht besser, sondern allenfalls lustiger. Kiss and Ride ist so ein Beispiel. Die aus dem Amerikanischen stammende Wortschöpfung meint sinngemäß: "Küsse jetzt deinen Schatz und fahr das Auto dann gleich wieder weg.“ Kiss and Ride-Hinweise stehen an Kurzzeitparkplätzen – zumindest ist das in vielen anderen Ländern so, wo die Schilder sogar auf die Buchstabenkombination K + R verknappt sind. Darauf wurde hierzulande jedoch verzichtet, aus gutem Grund, denn die meisten Reisenden hätten K+R wahrscheinlich als Klo und Rastplatz gedeutet. Heute stehen die Kiss and Ride-Schilder oft an Parkplätzen für Pendler, die ihren Weg in die Stadt mit der Regionalbahn fortsetzen, was dem eigentlichen Sinn von Kiss and Ride widerspricht. Zumal es auch das Kürzel P+R gibt, das tatsächlich für Parken und Rasten steht. Vermutlich war das aber den Bahnverantwortlichen zu piefig (selbst die DDR kannte P+R), so dass man sich dann doch lieber für das flotte Kiss and Ride entschied. Doch ob diese Schilder oder andere Begriffe wie BahnCard und Call a Bike tatsächlich von der Bevölkerung "angenommene Produktbezeichnungen“ sind, wie die Deutsche Bahn behauptet, die sie deshalb auch nicht ändern will, muss offen bleiben. Umfragen zu dem Thema gibt es nicht. Offensichtlich ist jedoch, dass die Bahn überall dort zur deutschen Sprache zurückkehrt, wo das mit wenig Kosten möglich ist, etwa bei der Rückbenennung von Telefon-Hotline in Service-Nummer (wobei man sich fragt, ob Letzteres tatsächlich deutscher ist) und von Counter in Schalter.

Was den ServicePoint angeht, ist keine Änderung vorgesehen, was aus sprachpflegerischer Sicht besonders schade ist. Denn ServicePoint (den Begriff gibt es seit 1994 und damit schon vor Mehdorns Amtsantritt) gehört zu den Denglisch-Kreationen. Das sind Wörter, die ausländischen Touristen Weltläufigkeit vorgaukeln und den 70 Prozent der nicht englischsprachigen Deutschen noch halbwegs verständlich sein sollen. Erreicht wurde keines der beiden Ziele; englische Muttersprachler können mit einem Dienstleistungspunkt, so die exakte Übersetzung, wenig anfangen. Sie erwarten auf dem Bahnhof einen information desk oder inquiry desk. Und die Deutschen wiederum überfrachten den hochgeschraubten Begriff mit hohen Erwartungen, was schnell zu Enttäuschungen führt. Wer am ServicePoint neben der Zugauskunft beispielsweise auch Auskünfte zum Ticketpreis haben möchte, wird freundlich zum Reiseberater – wie er heute wieder heißt – verwiesen. Das soll aber nicht heißen, ServicePoints hätten keine Berechtigung. – immerhin sind sie die erste Anlaufstelle für verärgerte Reisende. Hotel- und Taxigutscheine bekommt man hier; auch die Änderung von Fahrkarten, sofern eine Zugverspätung oder ein Ausfall vorliegt, gehören zu den Aufgaben der ServicePoint-Mitarbeiter. Und der nächste strenge Winter oder heiße Sommer kommt bestimmt.