Politprofis und Fremdsprachen

Warum deutsche Politiker nur Deutsch können

Spätestens nach dem Auftritt von Günther Oettinger weiß es die Welt: Die Fremdsprachkenntnisse unserer Politiker sind – gelinde ausgedrückt – übersichtlich. Warum eigentlich? Spitzenleute der Wirtschaft können es doch auch. Schließen politische Karriere und sprachliche Weltläufigkeit einander aus?

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Als Hans-Dietrich Genscher in den 70ern für die Liberalen das Außenamt übernahm, ließ sich noch kaschieren, dass er kein Englisch sprach. In der heutigen Welt geht dies nicht länger. Umso blamabler war der Versuch des frischgebackenen Außenministers Guido Westerwelle, in der Bundespressekonferenz ausländische Fragesteller auf die deutsche Sprache festzunageln. Binnen kürzester Zeit befand sich der quälende, peinliche Wortwechsel auf YouTube.

Kaum jemand käme hierzulande allerdings auf die Idee, zu fragen, wie es bei den Politikern um die Mehrsprachigkeit steht. Stattdessen grinst man über die Schwierigkeiten der Schweiz, dieses weltoffenen, sprachgewandten Landes. Im deutschsprachigen Davos findet im Winter eine Konferenz statt, die interessante Menschen anzieht, viele Facetten hat und weltweit mehr Aufmerksamkeit erzielt als die danach stattfindende Münchner Sicherheitskonferenz.

Auch Oettinger ging beim fremdschwäbeln unter

Zum Fall Westerwelle hat sich der des frischgebackenen EU-Kommissars Günter Oettinger hinzugesellt. Jeder halbwegs politisch Interessierte ahnte, dass er wegen seines schwäbischen Akzents keine Chance haben würde, Bundeskanzler zu werden. Aber für die große internationale Bühne hat es gereicht. Zu allem Unglück hat jemand Oettinger zum Auftakt einen zugegeben schwierigen englischen Text aufgeschrieben, bei dessen Präsentation der Mann aus dem Südwesten unterging. Auch dies ist auf YouTube zu bewundern.

Warum registrieren die deutschen Parteien nicht die Veränderungen, die während der letzten 30 Jahre – immerhin eine ganze Generation – eingetreten sind? Was ist aus der deutsch-französischen Freundschaft hinsichtlich der Beherrschung der Sprache des anderen in den Parlamenten geworden knapp 50 Jahre nach den Küssen von Adenauer und de Gaulle? Warum lässt die sprachliche Kompetenz der deutschen Politiker nach?

Politik und Auslandserfahrung schliessen sich oft aus

Zum einen hat es eine Menge damit zu tun, dass die zwanghafte Internationalisierung Deutschlands, umsichtig durch die drei Westalliierten nach 1945 betrieben, in den 80er-Jahren an ihr Ende kam. Gleichzeitig durchlief der Politikerberuf eine Professionalisierung. Sie führte zwar zu einer Akademisierung. Aber wer heute in Deutschland in der Politik reüssieren will, kann das Land nicht verlassen. Er muss in seiner Alterskohorte den Aufstieg machen, in der Jugendorganisation sich behaupten, ein Landtagsmandat erwerben, um dann in den Deutschen Bundestag zu kommen. Dann ist man 40 Jahre alt, und die prägenden Jahre sind vorbei.

Für die Alterskameraden in qualifizierten Berufen ist es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, ins Ausland zu gehen. Man schaue sich einmal den Karriereverlauf junger Anwälte, Manager oder Hochschullehrer an. Gewiss könnte man Steinbrück, von der Leyen und zu Guttenberg als Gegenbeweise ins Feld führen. Aber sie sind Mitglieder einer politischen Klasse, die es 65 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft erst ansatzweise gibt. Hier liegt übrigens einer der Gründe für das Schwanken in der Außenpolitik. Denn die alten Demokratien des Westens haben stabile politische Klassen, die – mit und ohne Sprachkenntnisse – den Kurs ihrer Länder bestimmen.

Nur Englisch genügt nicht!

Die Bundesrepublik entwickelt ein trügerisches Selbstbewusstsein. Sie gibt sich wie Frankreich oder Großbritannien. Aber durch den Zweiten Weltkrieg ist die Bedeutung des Deutschen weltweit zurückgegangen. Eine Chance, die sich in Osteuropa nach 1989 ergab, wurde verpasst. Englisch ist die Lingua franca der Welt. Und sie wird es bleiben.

Englisch gut zu beherrschen, ist somit für deutsche Spitzenpolitiker eine Selbstverständlichkeit. Aber es genügt nicht. Neben Rentenexperten, Gesundheitsfachleuten und Umweltpäpsten müsste es im Parlament Menschen mit sprachlicher Kompetenz für West und Ost geben. Einem Land von der Größe Deutschlands wäre dies angemessen. Ein sicherer Auftritt in internationalen Medien wäre darüber hinaus eine glänzende flankierende Maßnahme für die Exportnation und eine vorzügliche Vorbereitung auf ein Europa, das sich finden, das sich „verstehen“ muss.

Der Autor lebt als Publizist in Berlin

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