Harald Schmidt ist Schuld. Damals, in den 90er-Jahren, als er mit schrägem Lächeln und überlegt gesetzter Pause zwischen erstem und folgenden Worten zum Sturm auf Hannover frivolte: Hannover – die Stadt mit dem gewissen Nichts.
So hat er sie genannt, in seiner Sat 1-Late-Night-Show. Als sie noch erfolgreich war. "Hannover ist nicht der Arsch der Welt, aber man kann ihn von dort aus sehr gut sehen", sagte er noch.
Später suchte er sich Oliver Pocher zur Rettung der Sendung. Einen Hannoveraner. Rapper Jan Delay jedenfalls eiferte Schmidt nach, stieg ins Hannover-Bashing-Boot und näselte ab sofort in gepflegter Regelmäßigkeit über die Durchschnittlichkeit der Landeshauptstadt. Langweilig, provinziell, spießig – das Hannover-Bild schien gemeißelt.
Hannovers Eilenriede – Ein Wald mitten in der Stadt
Ruhe. Es ist sieben Uhr morgens, in der Eilenriede, dem Wald, der sich durch die Stadt zieht. Hannover erwacht. Nur frühlingsfrisches Grün der Bäume ist zu sehen, versteckt zwitschern ein paar Vögel auf. Ein Läufer federt über den Boden des Weges am kleinen Bach bei Waldhausen, das Fell seines Hundes streift die Sträucher sanft. Sie begegnen Gerhard Schröder, am Weg entlang der Adolf-Ey-Straße. Der Altkanzler holt mit Hund spazierend Brötchen in sein Haus am Waldesrand. Man lässt sich, man kennt sich, ein kleines Nicken nur. Auch Mousse T. mit seinen Hunden und neuerdings Christian Wulff haben hier am Wald ihr Zuhause gefunden.
Nach Klagen über die biedere Provinz wurde Hannover nach der Jahrtausendwende, nach Wahl- und Grand Prix-Erfolgen zum "Hotspot Deutschlands" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") erklärt. Der Bär steppte plötzlich an der Leine. Aufmerksam machte die Prominenz, die Hannover als Heimat vereinte. Gerhard Schröder, Margot Käßmann, Klaus Meine, Lena Meyer-Landrut, Philipp Rösler, Ursula von der Leyen, Carsten Maschmeyer., die "Hannover-Connection" – Herkunft und/oder Ankunft konnte doch kein Zufall sein? "Hannover ist das bessere Berlin", tönte gar die "Zeit". Plötzlich erschienen die Superlative der Stadt, größter Stadtwald Europas, größtes Schützenfest der Welt, Europas Themen-Tierpark Nummer 1 mit dem Erlebnis-Zoo Hannover.
"Kastens Hotel Luisenhof" bietet Mischung aus Tradition und Moderne
Ein paar Kilometer weiter, an der Luisenstraße im einzigen Fünf-Sterne-Haus der Stadt, gibt es Frühstück. Violinen klingen aus den Boxen, leise klappert Besteck an den Tischen, schiebt sich ein Stuhl nach hinten. Die Gespräche sind gedämpft, möchten sie Tee, Kaffee, ein Omelett? Der Service, zwei Männer in weißen Hemden, schwarzer Weste, Krawatte mit goldenem Namensschild fragt nach Wünschen. Unter Sonnenlicht des nachträglich eingebauten Atriums gibt es Käse, Wurst, Lachs, Rührei, Säfte, Marmeladen – alles, was sich gehört.
In der Lobby liegt internationale Presse aus, junge und sehr freundliche Mitarbeiter fragen in der hellen Lobby aus Rot- und Cremetönen, was sie für den Gast tun können. Flachbildschirme und Regenwasserduschen auf den in vier verschiedenen Pastelltönen gehaltenen Zimmern und ein nachträglich geschaffener 220 Quadratmeter großer Wellness- und Fitnessbereich im sechsten Stock kontrastieren zu Speisen unter der Silberglocke am Abend und Ölgemälden vergangener Könige an der Wand. Einzig Karte und Darbietung im hauseigenen Restaurant Luise sollten noch einmal überdacht werden: Sahnehaube auf Suppe und Gemüse vom Silbertablett haben leider nicht mal Retro-Charakter. Insgesamt jedoch bietet das "Kastens Hotel Luisenhof" im Zentrum der Stadt die perfekte Mischung aus Tradition und Moderne.
Im seit 1856 familiengeführten Fünf-Sterne-Superior-Hotel ist es gelungen, das Haus pro Epoche immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Bereits der zweite Besitzer, Heinrich Kastens' Sohn Friedrich, ließ die zahlreichen Erweiterungen seines Vaters renovieren. Nach rund 50 Jahren hatte sich der "Luisenhof" von einer Gaststätte für das Dinner nach der nahen Oper zu einem 150-Betten-Haus und Gästen aus Prominenz und Adel gemacht. Paul von Hindenburg, später Henny Porten, Theodor Fontane, Gustav Stresemann, Willy Fritsch, Marika Rökk übernachteten.
2008 erhielt das „Kastens Hotel Lusienhof“ den fünften Stern
Auch Inflation und Weltkrieg beeindruckten die Nachkommen nicht – das Gebäude nebenan wurde erworben, als Luisenhof erweitert. Die letzte Renovierung liegt kaum ein Jahr zurück, 2008 erhielt es den verdienten fünften Stern. 20 Prozent der Mitarbeiter sind seit mehr als zehn Jahren im Haus. Wie Jörg Hammann, Barchef. Jeden Tag fährt der 50-Jährige mit dem Fahrrad zur Arbeit, seit 22 Jahren. Er mixt keine Mädchen-Cocktails – der Mann kann noch mit Tanqueray. Dazu serviert er seinen häufig Hannoveraner-Gästen trockene Sprüche und echte Herzlichkeit. Man habe kein Geld für ein Taxi – kein Problem, er legt natürlich aus.
Von der Eilenriede geht es nordwärts Richtung Zentrum, den Maschsee unter Linden hinunter. Links ziehen Ruderer des am Wasser gelegenen Schülerbootshauses ihre Bahnen durch den See, rechts schwebt mit Wochenmarkt und Bismarckschule die Südstadt vorbei, am Ende wartet das Nordufer mit NDR-Funkhaus, Sprengelmuseum und Maschpark. Es ist ein Freitag im Mai, 15 Uhr, in der Eingangshalle des wilhelminisch imposant gebauten Neuen Rathauses verlieren sich ein paar Touristen, schießen Fotos der vier Stadtmodelle, die in der Halle aufgebahrt von Vor- und Nachkriegszustand Hannovers erzählen. Die steinerne Rundtreppe führt zum Oberhaupt der Stadt hinauf: Bernd Strauch, der in seiner Funktion als Erster Bürgermeister noch bis November Oberbürgermeister Stephan Weil vertritt, der nun Niedersachsens Ministerpräsident ist.
Hannovers unauffälliges Profil
Ja, Hannover habe ein "unauffälliges Profil in Deutschland", sagt Bernd Strauch. Dabei habe es so viel zu bieten. Die Grünfläche aus Wald und Wiesen so groß wie der Central Park in New York, Hochdeutsch, die Geschichte von der Personalunion, den Wurzeln des heutigen englischen Königshauses über Leibniz bis Kurt Schwitters und Theodor Lessing. Außerdem musikalisch weltweit Bedeutung, Stichwort Scorpions, Lena und Mousse T., 172 Nationen verteilt auf 521.000 Einwohner, 40.000 Studenten, die Herrenhäuser Gärten, Messen wie Cebit und Industrie und: "die hübschesten Mädchen". Einfach von allem etwas. Und dabei einen hohen Lebensstandard. Aber: "Der Hannoveraner genießt diskret", sagt Bernd Strauch.
Man geht modern ins "11A" in Linden oder traditionell ins "Teestübchen" am Ballhof (der beste Apfelkuchen der Welt), tanzt auf Maschseefest und im Steintorviertel, reitet in Isernhagen oder fährt per Rad den Grünen Ring ab. Und isst vom besten Brot Deutschlands zum Vor-Ort-Preis – von Jochen Gaues (der schon die Präsidenten vor Christian Wulff beliefert hat). "Wir haben hier so viele kleine, lauschige Rückzugsorte", sagt Rainer Hahn, der an freien Tagen durch die Herrenhäuser Gärten führt. Die 150 Hektar Garten, mitten in der Stadt, sind für ihn persönliche Angelegenheit. Der Gartenhistoriker führt ehrenamtlich. "Hannover ist Großstadt im Grünen", sagt er. "Und wie sagte es schon Sophie von der Pfalz, Kurfürstin von Hannover? Le jardin qui est ma vie.' Der Garten, der mein Leben ist." Laut dem kürzlich erschienen Lagebericht zur Stadtentwicklung behauptet Hannover seinen Spitzenplatz als grünste Großstadt Deutschlands. Der Anteil der öffentlichen Grün- und Erholungsflächen, auch aufgrund der Barockgärten im Nordwesten der Stadt, liegt bei 13 Prozent. Der von anderen Großstädten nur bei durchschnittlich neun Prozent. Hier gibt es sie, die Entschleunigung, nach der in der heutigen mobilen, burn-out-geplagten Welt so viele suchen. Und das, obwohl es eine Großstadt ist.
Viele junge Menschen ziehen nach Hannover
Saadet Copuroglu ist 1972 aus der Türkei gekommen. Und geblieben. "Ich wollte nicht zurück", sagt die Inhaberin der Modeboutique Vivace, direkt neben dem "Luisenhof". "Ich hatte in Hannover von der Freiheit gekostet." Sie hat sich von ihrem türkischen Mann getrennt und ein eigenes Leben aufgebaut, von der Maßschneiderin für Hannovers Prominenz über das Modedesign-Studium bis zum eigenen Geschäft heute.
Dennis Degener hat das Pfefferhaus, seinen "scharfen Laden", vor acht Jahren aufgemacht, mit Freunden. Die Saucen stellen sie selbst her, längst gibt es eine Dependance in Berlin, einen Online-Auftritt mit Versand. Das Pfefferhaus – ein Startup der jüngsten Generation. Der Lagebericht zur Stadtentwicklung Hannovers hat 15 Großstädte Deutschlands verglichen. Ergebnis: Nach Hannover ziehen besonders viele junge Menschen. Mit durchschnittlich 6,50 Euro pro Quadratmeter ist Wohnen vergleichsweise preiswert, der Wirtschaftsstandort mit Continental und Bahlsen attraktiv.
Der Hype um Hannover gefällt nur einigen nicht: den Hannoveranern selbst. Der Ort, von dem sie schon längst wussten, wie schön er ist, soll eines bleiben: Eine kleine Flucht, die Ruhe vor Rummel. Ja, Hannover ist provinziell – und genau das ist so unfassbar schön daran. Der Hannoveraner weiß das – und bleibt weise bescheiden. "Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen", so lautet es im Landeslied. Und wer war jetzt noch gleich Harald Schmidt?
Anreise Von Berlin aus ist Hannover über die A 2 nach rund 280 Kilometern erreicht. ICE und IC fahren direkt von Berlin in die niedersächsische Landeshauptstadt. Fahrtzeit: 1 Stunde 40 Minuten.
Unterkunft Einfach: "Bed'n Budget City Hostel", ab 18,50 Euro pro Person im Mehrbettzimmer, Tel. 0511 / 36 06 107. Luxus: "Kastens Hotel Luisenhof", DZ ab 99 Euro, Tel. 0511 /30 44 0.
Info Hannover Marketing & Tourismus, Tel. 0511/12 34 51 11.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Hannover Marketing & Tourismus und "Kastens Hotel Luisenhof". Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie hier.





