Angeln auf Norwegisch ist kinderleicht: Man bucht einen Kutter und fährt in irgendeine Bucht. Dann rollt man die Angelschnur aus, zählt bis zehn, leiert sie wieder auf und pult die fünf Fische ab. Denn fünf Haken sind an der Schnur. Sind es sechs, zappeln auch sechs Fische an der Leine – eine Rechnung, die meist aufgeht, weil der Kabeljau so gierig und so zahlreich ist in den Fjorden der Lofoten. Sagt Jan Erik Jenssen, unser Kutter-Guide. Wir leiern also unseren Fang aus 70 Meter Tiefe und lächeln nachsichtig, als die Haken leer über die Spule rasseln. Mit einer Hand die große, an der Reeling befestigte Kurbel drehen und mit der anderen die Kamera halten, um die erwartete „Fischkette“ zu dokumentieren, war vielleicht doch zu lässig.
Zweiter Versuch: abspulen, ein wenig an der Schnur ruckeln, um die roten Gummiköder zu reanimieren, leiern – wieder nichts. Ein schwerer Fall von Angelversagen. Ein Fall für Wickie. Und weil bekanntlich in jedem Norweger ein schlauer Wickie steckt, dauert es nicht lange, bis ein „Ich hab’s“-Blitzen aus den Augen von Jan schießt. Er startet den Motor – und steuert die nächste Fischzuchtanlage an.
Um es kurz zu machen: Wir dürfen die Angeln zwar nicht direkt hineinwerfen. Aber auch 200 Meter von den riesigen, kreisrunden Netzen entfernt sind die Fische von den Futterresten der Anlage noch so benebelt, dass sie sich selbst um unsere scheintoten Gummiköder balgen. Wie Mägde am Brunnen beim Wasserholen ziehen wir nun Fisch um Fisch hoch.
Willkommen im Wickie-Land, Heimat schlauer Männer mit lustigen Vornamen. Frode ist so ein Beispiel, wobei der Frode in unserer Geschichte auch noch einen interessanten Nachnamen hat. Denn er heißt so wie die Bucht, aus der er stammt: Hov. Von hier, an der Nordseite der Lofoteninsel Gimsøy, sollen die Ahnen Eriks des Roten stammen. Der streitlustige Wikingerheld mischte vor 1000 Jahren erst Island und dann Grönland auf, bis seine entnervte Frau zum Christentum übertrat. Damit konnte sie auf züchtig machen, ihrem Mann den Beischlaf verwehren und ihn so zähmen. Ein Wickie in Frauengestalt.
Auf den Lofoten hätte sie sich das nicht getraut, meint Frode J. Hov. Denn die Inseln sind Männerland: In den geschützten Buchten, zwischen Nordmeer und bis zu 1200 Meter hohen Bergen, gedeihen Vieh und Pflanzen und gibt es immer viel zu tun für die Frauen, die sich damals in ihr Hausfrauenschicksal fügen mussten – abgeschnitten von der übrigen Welt, 200 Kilometer nördlich vom Polarkreis. Ganz anders die Männer, die den Skrei, die Kabeljauschwärme, die im Winter zum Laichen in den Vestfjord wandern, nur abschöpfen mussten. Womit ihnen nach drei, vier Monaten Arbeit noch Muße blieb, Hunderte Seemeilen gen Süden zu rudern, zu handeln oder auch neue Frauen für die viele Hausarbeit zu rauben.
Damit nahm das Drama seinen Lauf. Frauen lieben Luxus – ein Fremdwort im Lofotenmännerland. Also legten sich die Männer wieder in die Riemen, um Nachschub in ihre Buchten zu holen (die damals Vik hießen, daher also Wikinger). Ein Kreislauf, den erst die Pest im 14. Jahrhundert beendete.
Und obwohl der Golfstrom die Lofoten und den sich nördlich anschließenden Vesterålen-Archipel auf 20, 25 Grad Celsius im Sommer wohltemperiert und den Winter milde stimmt, blieben die Inseln dünn besiedelt. Lediglich in der Skrei-Saison kamen Tausende Norweger, produzierten Stockfisch und sorgten so dafür, dass den Katholiken Europas nicht der Appetit auf ihre Fastenspeise verging.
Dieser Kreislauf funktioniert zwar noch immer (der Trockenfisch verzückt vor allem Italiener, die mumifiziertes Fleisch ja sogar anbeten, wenn es als Reliquie dargeboten wird). Doch statt ehemals 30.000 Saisonarbeiter sind es nur noch 3000, die den Export in Gang halten. Und so hätte sicher auch der aus einer alteingessenen Fischerfamilie stammende Frode die Bucht verlassen, wenn ihm nicht eine Wickie-schlaue Idee gekommen wäre: Golfen am Golfstrom.
Seit zehn Jahren betreibt der 38-Jährige auf dem 68. Breitengrad den nördlichsten Golflinksplatz der Welt. Womit mindestens zwei Gründe für den Neun-Loch-Parcours sprechen, der geschickt der felsigen Dünenlandschaft am Meer folgt und von Jeremy Turner nur rudimentär manikürt wurde: Im Sommer geht die Sonne acht Wochen lang nicht unter. Golfer können dann rund um die Uhr spielen und in 16 Runden bis zu 144 Löcher gehen, sagt Frode J. Hov. Und nur hier gibt es die echten Basecaps mit der Aufschrift „LofotenGolf“, was in ihrer snobistischen Symbolik vielleicht mit Manolos für den Mann übersetzt werden kann.
Schließlich ist da auch noch der deutsche Koch Jörn Dörfel, der im Golfplatzrestaurant aus Walfleisch zarten Sauerbraten zaubert. Vor seinem ersten Lofotenarbeitseinsatz 2007 hatte der 24-jährige Sachse wie alle Deutschen reflexartig Walfleisch abgelehnt. Norweger reagieren darauf übrigens nicht minder plump: „Wenn wir Delfine hätten, würden wir auch die töten“, verkündet ein unter Einheimischen beliebter T-Shirt-Spruch. Tatsache ist aber, dass Norwegen heute „nur“ noch Jagd auf 1000 Zwergwale jährlich macht, deren Population mit 120.000 Tieren als stabil gilt. Es ist ein Zugeständnis an die Tradition, die mehr und mehr in den Hintergrund tritt, seit die Norweger mit Whale-Watching-Touren Geld verdienen. So lobt die renommierte „Whale and Dolphin Conservation Society“, das Vesterålenstädtchen Andenes betreibe das „beste Walzentrum Europas mit einer einzigartigen Kombination aus Tourismus und Umweltbildung“.
Nur zehn Seemeilen vor Andenes fällt der Meeresboden steil auf 1000 Meter ab, ein Tiefseebecken, in dem sich vom 20 Meter langen Pottwal bis zum kleinen Schweinswal alles tummelt, was Touristen in Ekstase versetzt, selbst wenn sich auf der fünfstündigen Tour nur eine Schwanzflosse zeigt, die nicht wirklich anders aussieht, als in all den Tierfilmen, die mangels Einschaltquoten nur noch Arte zeigt.
Bodo, die schmucklose Provinzhauptstadt des Nordlandes, hat es sogar geschafft, mehr als 12.000 Mitglieder für seinen Seeadlerclub zu gewinnen ( www.havornklubben.no ). Einzige Aufnahmebedingung: Man muss in Bodo einen Greifvogel erspäht haben. Was praktisch alle paar Minuten passiert, da die Seeadler hier nisten.
Der Schmied von Sund auf der Insel Flakstadøy hat sich auf Kormorane verlegt. Jeden Tag steht er zehn Stunden vor seiner kleinen Esse und fertigt eiserne Wasservögel. In der Hauptreisezeit von Mai bis September, wenn die Hurtigruten-Schiffe täglich Hunderte Touristen auf die Inseln bringen, kommt er mit der Produktion kaum nach. Nicht, dass die Kormorane besonders zierlich sind: ein Stück Eisenrohr, auf der einen Seite leicht gebogen (das ist der Kopf), auf der anderen breit geklopft (der Schwanz), zwei Flügel. Fertig ist die Kunst, die sich so nennen darf, seit König Olav V. mit einem Kormoran auf der Titelseite der „Aftenposten“ prangte. 1963, bei einem Besuch des Monarchen auf den Lofoten, war ihm der Schmied Hans Gjertsen so lange nachgelaufen, bis dieser den Vogel in die Hand nahm – und einen Run auf den Staubfänger auslöste.
Und weil Tor Morkved, der Nachfolger des inzwischen verstorbenen Hans Gjertsen, auch Wickie-schlau ist, sagt er beim Schauschmieden vor deutschen Besuchern wie beiläufig: „Die Stanze ist aus Deutschland. Gute Qualität.“ Bleiben die Zuschauer unbeeindruckt, schlägt er schmeichelnd schon mal den ganzen Maschinenpark deutscher Ingenieurkunst zu. Tote Vögel zu verkaufen erfordert halt mehr Werbeaufwand.
Dann gibt es auch jene Lofotinger, denen die Touristen von allein die Tür einlaufen – sofern sie zu einer Rorbuer gehört. Diese roten, am Wasser aufgeständerten Hütten, in denen noch vor 50 Jahren Saisonfischer ihre Netze flickten, mussten nur etwas mit Ikea-Schick aufgemöbelt werden, und Hobby-Angler, Surfer, Biker, Wanderer, Kletterer hatten eine perfekte Heimstatt. Inzwischen sind die Rorbuer auch bei einer Klientel angesagt, die so nahe am Nordpol (etwa 2400 Kilometer sind es bis zur Polkappe) noch Exotenstatus haben: Badeurlauber: Mit seinem weißen, feinen Sand und Wassertemperaturen um die 15 Grad Celsius kann es etwa der Strand von Ramberg locker mit etlichen Ostseebädern aufnehmen. Hier tragen die Baseballkappen die Aufschrift „LofotenBeach“. Auch sehr schön.
Sehnsuchtsort für Freunde der Rorbuer-Gemütlichkeit ist jedoch Nusfjord, ein Fischerdorf im Herzen der Lofoten, das sich ganz dem Tourismus verschrieben hat. Und auch hier gibt es einen Schmied, der allerdings Schmuck herstellt. Michele Sarno ist gebürtiger Italiener, lebt aber schon 20 Jahre auf den Lofoten. So ist er Wicki-schlau genug, ebenfalls Tiere im Sortiment zu haben. Als Südländer müssen seine Fische aber mindestens einen Busen haben – äußerst propere Meerjungfrauen sind das Ergebnis.
Während bei seinen Kettenanhängern sofort klar ist, wo vorn und hinten ist, haben wir hingegen große Mühe, all die versteinerten Brüste in den Bergen rund um Nusfjord auszumachen, die uns die Fremdenführer nicht müde werden zu zeigen. Was für uns nur zwei rundlich geformte Felsvorsprünge sind, ist für den Lofotinger mindestens eine Jungfrau und meist Anlass für lange, verworrene Geschichten, in denen teils lüsterne Wikinger und teils verschlagene Trolle vorkommen.
So entstehen die Strudel im berühmten Saltstraumen, einem Sund nahe Bodo, selbstverständlich nicht, weil beim Gezeitenwechsel das Wasser mit enormen 40 Stundenkilometern durch den schmalen Durchlass gepresst wird, sondern weil Suppentrolle fleißig am Meeresgrund den Löffel rühren. Und als wir nach Helgeland fliegen, eine den Lofoten ähnliche Landschaft, aber direkt am Polarkreis gelegen und touristisch eher noch am Anfang, sind drei Steine das Erste, was uns die Guides zeigen. Der üblichen Troll-Geschichte bleiben sie uns jedoch schuldig. Die Quader liegen erst seit Kurzem auf der Wiese. Es sind Kunstwerke. Doch es wird sicherlich nicht lange dauern, bis aus den Steinen Feen und Prinzen geworden sind. Wickie-schlaue Norweger gibt es hier schließlich auch.
Anreise : Mit SAS via Oslo nach Bodø, weiter mit Wideroe . Die Airline fliegt die Lofoten, die Vesterålen, Helgeland und Bodø direkt an.
Unterkunft
: „Thon Hotel Lofoten“, Svolvaer, Doppelzimmer ab 150 Euro, Telefon 0047/76.04.90.00,
www.thonhotels.no/lofoten
Rorbuer in Nusfjord für 2 Personen ab 150 Euro,
www.nusfjord.no
Auskunft : Norwegisches Fremdenverkehrsamt, Telefon 040/229 41 50, www.visitnorway.com , www.visitnordland.no




