Parodie Ade

Bully macht mit dem Kinderfilm "Wickie" Ernst

Bisher hat er in seinen Kinofilmen die Klassiker der Fernsehunterhaltung durch den Kakao gezogen, nun wartet Michael „Bully" Herbig mit einer echten Überraschung auf: Sein neuester Streich „Wickie und die starken Männer" ist die erste Auftragsarbeit des Komikers – und ein unerwartet ernsthafter Film.

Foto: constantin Film

Vergesst Bully. Oder besser: Vergesst alles, was man mit ihm in Verbindung bringt: die gleichnamige Parade, den „Schuh des Manitu“, das „(T)Raumschiff Surprise“, die „Sissi“. Der Humor des Michael „Bully“ Herbig schien sich darin zu erschöpfen, Reliquien seiner Kindheit – die alten Karl-May- und Sissi-Filme und die „Raumschiff Enterprise“-Serie – mit reichlich Homo-Humor zu parodieren.

Wofür er, im Falle des „(T)Raumschiffes“, sogar eine mustergültige Formel fand: hei-hei-heititei. Diese Melodie sangen die tuntigen Astronauten, sie decodiert quasi die Zauberformel des Herbigschen Oeuvres: die Heitisierung frühkindlicher Fernseherfahrungen.

Ähnliches glaubte man denn auch schon vorauszusehen, als man von seinem jüngsten Projekt hörte: „Wickie und die starken Männer“. Auch das eine Serie, die 1974 anlief, da Michael Herbig sich noch als Fünfjähriger auf dem Flokati-Teppich vor der Glotze rekelte und keine Folge verpasste.

Und als er den Film vor einem Monat in München und Berlin präsentierte, da sah man eigentlich zwei Jungs nebeneinander sitzen: den Berliner Jungen Jonas Hämmerle, der die Titelrolle spielte, und das ewige Kind Herbig, das sich an seinen TV-Kindheitserinnerungen abarbeitet.

Doch weit gefehlt. „Wickie und die starken Männer“ ist keins dieser „Leib- und Magenthemen“, die Herbig schon in seiner Bullyparade immer wieder durch den Kakao zog. Es ist vielmehr die erste Auftragsarbeit des Komikers. Nicht er, die Firma Constantin hatte sich die Verfilmungsrechte gesichert – und war auf ihn gekommen.

Und so ist „Wickie“ sein erster Kinofilm, in dem er nicht alte Glotzezeiten parodiert. „Wickie“ ist vielmehr ein ganz und gar ernsthafter Versuch, aus der Trickfilmserie einen so genannten Realfilm mit echten Schauspielern zu machen. Keine Parodie. Kein heititei. Kein tuntiges Gebaren.

Dabei konnte man die Serie doch immer auch in diese Richtung interpretieren. Ein kleiner Junge mit auffallend langen Haaren, den nicht nur unser Nachbarjunge immer für ein Mädchen hielt (wofür auch die weibliche Endung von Wickie sprach), der mit einem Schiff voller rauer Kerle (und ohne Frauen) in die große, weite Welt zog. Und immer wieder kreuzte der Schreckliche Sven ihren Weg, mit seinen triebhaften und spärlich bekleideten Piraten – wie direkt aus der S/M-Lederszene herübergespült.

Doch nein, all diese sich im Nachhinein geradezu aufdrängenden Assoziationen lässt Herbig verstreichen. Sein „Wickie“ ist der erste reine Kinderfilm aus seiner Hand, mit von seiner Seite äußerst überraschendem Ernst betrieben.

„Wickie und die starken Männer“ bezieht sich ganz auf die Ebene, die man schon als Kind so verstanden hat: Hier ein paar hinterwäldlerische, plumpe Wikinger, die irgendwie auch unsere Vater-Generation repräsentierten. Da der kleine Knirps, der – drei Mal die Nase gerieben, ein Mal den Finger geschnipst und dann regnet es einen Sternenregen aus Geistesblitzen – mit witzigen und historisch völlig anachronistischen Ideen die Seinen immer aus dem schlimmsten Ärger rettete.

In der ersten halben Stunde des Kinofilms wird denn auch fast eins zu eins die erste Folge der Trickserie nachgestellt. Wobei die klassische Figurenkonfigurationen heruntergebetet werden: der knurrige Vater Halvar, das Dauergezänke zwischen Snorre und Tjure und der „Ich bin entzückt“-Luftsprung von Gorm.

Auch der Gag, von zwei Robben gezogen eine prämoderne Form des Wellenreitens zu entwickeln, darf nicht fehlen. Und natürlich muss auch der Schreckliche Sven aufkreuzen (großartig verkörpert von Günter Kaufmann).

Das Ganze wird herrlich altmodisch erzählt, ohne all die Computertricks, die möglich gewesen wären und die die heutigen Kinderfilme so erdschwer dominieren. Da zeigt ein Kind gebliebener Erwachsener, wie man damals noch Kinderfilme erzählt hat und wie das einen ganz eigenen Charme hat, gerade durch das Unvollkommene, Unperfektionierte von damals.