Stadtrundfahrt

Berlin für einen Tag mit fremden Augen sehen

Im Regierungsviertel stehen Liegestühle, im "Tierjarten" läuft Musik vom Band und am Checkpoint Charlie posieren als Soldaten verkleidete Schausteller mit Touristen – wer sich als Einheimischer auf eine Rundfahrt zu den Sehenswürdigkeiten Berlins begibt, erlebt die Stadt mal von einer ganz anderen Seite.

Foto: picture-alliance/ dpa / pa/dpa

Zimmerstraße, Mitte. Ein Velotaxi schnurrt am Mahnmal für den getöteten DDR-Flüchtling Peter Fechter vorbei. Auf dem Rücksitz ein großer Mann in rotem T-Shirt und ein kleiner Junge in Shorts. Die Sonne scheint, der Fahrer schwitzt, er deutet auf das Mahnmal und sagt in singendem Schweizer Tonfall: „... und er lebte noch…“ Der große Mann nickt, seltsam ernsthaft für einen Sommertag wie diesen, flirrende Hitze liegt über der Stadt, Ferienstimmung. Ein Wetter wie am 17. August 1962. Dem Tag, an dem hier Peter Fechter starb. Angeschossen von DDR-Grenzern, unerreichbar für die Helfer auf der anderen Seite, ein öffentlicher Tod vor den Kamera-Augen der freien Welt.

Es dauert nur etwa eine Minute, um diesen Tod wieder zu vergessen. Eine Minute Fußweg bis zu Berlins derzeit lustigstem Ort, Checkpoint Charlie. Meistbesucht, meistfotografiert, vielleicht der heißeste Ort der Stadt, zu jeder Tageszeit schieben sich hier gut gelaunte Menschen aneinander vorbei, die Blicke starr auf Stadtpläne in ihren Händen gerichtet oder auf die Displays von Fotohandys. Fotografiert werden die großen Porträts des amerikanischen und des russischen Soldaten, die vor elf Jahren hier aufgestellt wurden. Darunter werben als Soldaten verkleidete Schausteller für sich selbst: „Foto 1 Euro“.

Disneyland mit Erinnerungsfunktion

Ein DDR-Grenzer legt professionell einen Arm um eine riesige Blondine. Neben ihm schmollt eine russische Soldatin mit feuerrot bemalten Lippen. Die Sandsäcke des Grenzübergangs hinter ihnen sind aus Beton. Das Grenzerhäuschen sah nie so putzig aus wie heute. Eine dänische Schülergruppe verzweifelt bei dem Versuch, Münzen in einen Prägeautomaten zu stecken, um sich Erinnerungsmünzen an einen Ort zu prägen, an dem sie nie wirklich gewesen sind – Checkpoint Charlie.

Berlin, Friedrich- Ecke Zimmerstraße 2009: eine in sich geschlossene Welt, in der Abbilder von Abbildern gemacht werden und der Mensch sich selbst begegnet in seiner entspanntesten Form – als Tourist. Die Berlingäste werden in Cabrio-Bussen vorbeigefahren, in klimagekühlten Fahrzeugen, sie entsteigen historischen Vehikeln, Pferdekutschen und Fahrradrikschas. Ob auf Stadtrundfahrt, Weltreise oder Safari, egal, alle müssen hier vorbei. An einer Ecke wartet ein roter Bus aus Vorpommern, in der Windschutzscheibe ein Schild: „Pressedienst des Bundestages“ und der Name einer Abgeordneten. Was führen die Politiker ihren Gästen hier vor? Was führt Berlin der Welt vor? Bauchfreie Nachwuchsdäninnen diskutieren die Menüwahl im „Snackpoint Charlie“: Pizza, Sushi oder Burger. Französische Jugendliche streiten in gutturalem Banlieu-Dialekt. Passanten legen reflexartig ihre Hände auf die abgegriffenen Mauerstücke an der Fassade des Mauermuseums wie auf heilige Reliquien. Zwei grauhaarige Damen schreiten andächtig den Schriftzug im Bürgersteig ab: „Einheit in Freiheit“. „Speak english?“ fragen bettelnde Frauen.

Ein fliegender Ticket-Händler verkauft Stadtrundfahrt-Karten, einer dreht den Kunden Ganztagestickets an, obwohl in zehn Minuten der Halbtagstarif beginnt: „Da warten! Zehn Minuten!“ Dann ist er weg. Eine Dame erkundigt sich scheu auf Englisch: „Ist das hier das Ende der Museumsschlange?“ – „Nein!“ möchte man ihr zurufen, „nein, meine Dame, das ist nur das Ende Berlins. Hier beginnt das globale Disneyland gleichen Namens. Mit Erinnerungsfunktion, wenn Sie so wollen. Nehmen Sie den Bus, fliehen Sie, wenn Sie Berlin sehen wollen.“

Eine große japanische Zeitung hat gerade von der „Flucht der japanischen Touristen aus Rom“ berichtet. In den Taxis der italienischen Hauptstadt würden Japaner abgezockt, in Restaurants zu überteuerten Menüs genötigt, von nervigen Madonnenverkäufern und geldgierigen „Gladiatoren“ am Kolosseum verfolgt. Nun sollen Bußgelder Besserung bringen.

Berlin hat zum Glück keine Gladiatoren. Berlin hat nur Busfahrer. Unserer macht sich nach fünf Minuten bemerkbar. „Im Oberdeck keine Stehplätze!“, bellt es aus den Lautsprechern, doch die Schweden, die gemeint sind, bleiben standhaft. Die Durchsage kam auf Deutsch. Die anderen Gäste lauschen per Kopfhörer auf Italienisch, Französisch oder Japanisch der Geschichte Berlins. Auf Deutsch wird der Text von einer männlichen und einer weiblichen Tonbandstimme gelesen. Während der Sprecher eine automatenhafte Aussprache hat, bemüht sich die weibliche Stimme um Lokalkolorit. Zumindest ein bisschen. So bezeichnet sie den Kudamm geziert als „Kurfürstendamm“, der Tiergarten dagegen wird zum „Tierjarten“ degradiert. Ein Idiom, das selbst eingefleischte Berliner in Ferienstimmung versetzen dürfte – so fremd klingt es.

Bus-Durchsagen auf Sächsisch

Am Alexanderplatz springen im Oberdeck die Familienväter mit Fotoapparaten in den Händen auf. Denn unten stehen zwei ambulante Würstchenverkäufer mit tragbaren Grills und umgeschnallten Sonnenschirmen. Belustigte Kommentare bei den Spaniern und Franzosen. An der nächsten Ampel donnert es in reinstem Sächsisch: „Keine Stehplätze am Oberdeck, hab' ich gesagt!“ Der Fahrer ist diesmal persönlich erschienen. „What did he say?“, erkundigt sich eine ältere Dame flüsternd bei ihrer Sitznachbarin. Sie sei aus Melbourne, Australien, erzählt sie dann, zu Besuch bei ihrem Sohn, der in Berlin studiert. Die Stadt gefalle ihr sehr, die Menschen seien freundlich, „nur mit dem Englischen tun sie sich schwer“. Und wann denn das „Gate“ endlich komme, das Brandenburger Tor?

Wir passieren Zeughaus, Oper, Neue Wache. Die Familienväter fotografieren Kutschen und den Bücherflohmarkt vor der Humboldt-Uni. Am „Tor“ leert sich der Bus, die Gäste enteilen. Es locken Musik und Tanz. Der Tanz entpuppt sich als kreisförmiger Protestmarsch iranischer Regimegegner. Die Touristen marschieren weiter, angelockt von einer Menschentraube. In deren Mitte turnen vier junge Akrobaten mit bloßen Oberkörpern zu Musik. „Mei, is des geil!“, eine Gruppe bayerischer Abiturientinnen schaut mit großen Augen zu. „Mist, der Herr Drissel winkt“, sie reihen sich brav wieder um den Lehrer. „Wo is' jetzt des Tor?“, fragt ein Mädchen, als sie zum zweiten Mal hindurchlaufen, die anderen kichern. Später, am Holocaust-Mahnmal, gibt der Lehrer ihnen 15 Minuten Zeit. Sie spielen ein bisschen verstecken. Immerhin. Ihre italienischen Altersgenossen sitzen da längst an den Pizza-Kiosken am Rand und schreiben SMS.

Nur die Akrobaten bleiben am Pariser Platz. Zu Abbas „Money, Money, Money“ zählen sie ihre Kollekte, einen großen Haufen Kleingeld. Sie stellen sich vor: „Wir sind echte Berliner Jungs“, sie stammen aus Vietnam, Sibirien, der Ukraine – und Berlin.

Wer das wahre Berlin kennenlernen möchte, sollte es so machen wie Florian Felle (25) und Anouschka Kremler (20) aus dem Allgäu. Sie sitzen mehr zufällig neben dem spontanen Tanz-Event, das auch ihnen gefallen hat, und lauschen aufmerksam auf das, was die Jungs erzählen. Sie zwinkern in die Sonne, Berlin, sagen sie, habe einfach eine wunderbare Atmosphäre. Sie sind Studenten und nicht mit dem Stadtrundfahrt-Bus unterwegs. Vier Tage haben sie sich Zeit genommen, „ich war schon in Brasilien, aber noch nie in meiner Hauptstadt“, sagt Florian. Eigentlich hätten sie Spanien geplant, „war aber zu teuer.“ Einen Reiseführer haben sie, sagen sie, „aber wir fragen lieber die Leute. Ich habe mir neben unserem Hostel in Friedrichshain die Haare schneiden lassen und mir dort Tipps geben lassen“, Florian grinst. Die Geheimtipps der Friseurin seien ein voller Erfolg: „Allein die Bootsfahrt mit einem kleinen Boot war wunderschön“, sagt Anouschka. Auch die Hackeschen Höfe hätten ihnen sehr gefallen. „Aber wir sitzen auch gern einfach im Café und schauen uns die Menschen an.“ Auch wenn, wie es scheint, in der Stadtmitte momentan ausschließlich ihresgleichen unterwegs sind – Touristen.

Andere werden wohl auch nicht erwartet. Der Pariser Platz bietet, neben Artistik, Tanz und Pantomime, allerlei Mitfahrgelegenheiten wie Fahrräder mit sechs Sätteln. Bewacht wird auch dieser Platz von „Soldaten“ wie am Checkpoint Charlie. Eine Dame erkundigt sich am Hotel Adlon verwirrt, wo denn nun, bitte, der „Westen“ sei.

Der nächste Stadtrundfahrt-Bus kommt. Von Oberdeck stürzen erlebnishungrige Familien, unten warten die Schweden, Spanier, Franzosen von vorhin. Am Schloss Charlottenburg, das wir nun ansteuern, wird auch der rote Abgeordnetenbus wieder warten. Man sieht sich, in Berlin.

Um es kurz zu machen: Der Berliner Westen ist etwas zum Ausruhen. Vom Oberdeck gesehen wird das Regierungsviertel beherrscht von Liegestühlen (Spreeufer), Liegewiesen (Reichstag) und Kindern, die Drachen steigen lassen. Im „Tierjarten“ läuft Musik vom Band. In Charlottenburg stehen wir im Stau. Am Schloss steigt niemand aus. In der Schloßstraße zwitschern die Vögel und spielen Menschen Boule, während die Tonbandstimme die Geschichte der Berliner Mauer herunterrasselt wie ein Maschinengewehr. Inzwischen habe ich ein Bild von ihr vor Augen: eine Volkspolizistin mit streng zurückgekämmtem Haar. Oder auch eine Trümmerfrau in Schwarz-Weiß. Im Mauermuseum habe ich gelesen, dass diese, wie die Deutschen überhaupt, mit ihrer Gründlichkeit zuweilen die Welt erschreckt hätten. Ach ja. Am KaDeWe steigen Paare mit Einkaufstüten ein. Am Potsdamer Platz seufzt ein italienischer Familienvater „bellissimo!“ Aufregung an der Niederkirchnerstraße: Mauerreste.

Schlussbild des Ausflugs ist Checkpoint Charlie. Der aktuelle DDR-Soldat sieht türkisch aus und telefoniert am Handy, kritisch beobachtet von einem Herrn in blauer Uniformhose und weißem Poloshirt. „Ordnungsamt“ steht darauf. Der Ordnungsmann holt eine Zigarette aus einer Schachtel: „Kabinett“, eine ehemalige DDR-Marke. Er zündet sie an und schließt für einen Moment die Augen.