Wer sich vor dem Untergang des Abendlandes fürchtet, muss in diesem Sommer den Frauen auf die Füße schauen. Jede dritte trägt Schnürsandalen. Griechische Göttinnen schreiten über das sonnenheiße Berliner Pflaster gleich im Rudel, als wäre die antike Wiege Europas in der deutschen Hauptstadt ausgekippt worden. Da ist kein Untergang, wo so viele göttlich geschnürte Frauenfüße sind und Fußnägel in allen Farben stolzieren. Besonders bunt sind die Füße amerikanischer Studentinnen, die im Monbijoupark in Mitte gegenüber der Museumsinsel die Liegestühle belegen. Da haben die Mädchen einen guten Ausguck. Links führt die Brücke über die Spree zu den Schatzkammern der abendländischen Kultur. Rechts unter der S-Bahn durch kommt man zum Monbijou-Bad, das für Mütter und Kleinkinder reserviert und so voll ist, dass man sofort an Massentierhaltung denkt.

Dabei liegt doch der Einrichtung ein menschen- und insbesondere frauenfreundlicher Gedanke zugrunde. Man will den jungen Müttern einen Raum geben, in dem sie sich ohne erotische Statussorgen ungestört der Brutpflege hingeben können. Allerdings geht diese Rechnung nicht mehr richtig auf, seit immer mehr Männer Elternurlaub nehmen und brutpflegend ins Mütterrefugium eindringen. Die amerikanischen Studentinnen jedenfalls mit ihren Schnürsandalen und bunten Nägeln haben, während sie an der Wasserflasche nuckeln, vor Augen, was ihnen alles noch blühen kann: Pergamon und Pampers.

In der U-Bahn ist es nicht so leicht, den Frauen auf die Füße zu schauen, obwohl es gerade im Gedränge schicklich wäre, den Blick gen Boden zu senken. Aber man muss ja irgendwie nach Luft schnappen und gleichzeitig Hautkontakt mit wildfremden Menschen vermeiden. Und so guckt man um Entschuldigung heischend um sich herum. Da kann es dann schon einmal passieren, dass der Blick an weiblichen Oberarmen hängen bleibt, die auch als Oberschenkel gut ihre Dienste täten. Der eine Arm trägt als Tätowierung einen Löwenkopf, der andere einen Schmetterling auf einem Rosenzweig. Die Besitzerin der Arme möchte damit wohl ausdrücken, dass sie einerseits ein kämpferisches Herz hat, andererseits aber ein zartes, der Schönheit aufgeschlossenes Wesen ist, das von einem Schmetterling besucht oder wie eine Rose gepflückt werden will.

Der wilde Knabe, der das tun wollte, darf allerdings nicht allzu schmächtig sein, sonst könnte die Sache ganz anders ausgehen als bei Johann Wolfgang von Goethe. Im Sommer zeigen sich die Frauen in Berlin von all ihren Seiten, den dunklen und den hellen, den vorderen und den hinteren und vor allem den besten. Wer Frauen nicht mag, sollte Berlin im Sommer meiden.

Es gibt allerdings Menschen, die im Sommer nach Berlin kommen der Sehenswürdigkeiten wegen. Im Juli und August haben wir zu Hause praktisch immer Gäste. Der Ruf der Stadt als Sommerstadt ist gewaltig, die Verwandten und Freunde kommen aus allen Himmelsrichtungen des Vaterlandes. Da kann es dann vorkommen, dass man als Gastgeber und Stadtführer an Orte kommt, an denen man selbst noch nie oder seit langer Zeit nicht mehr war. Zum Beispiel zum Bärenzwinger am Märkischen Museum. Dort werden zwei echte Exemplare des Berliner Wappentiers gehalten, Maxi und Schnute, zwei für Bärenverhältnisse schon ziemlich ältliche Damen.

Also wieder Frauen. Und an der Mauer des Zwingers Mütter mit Kindern. Die Mütter sind innerlich zerrissen. Einerseits wollen sie den Kindern den Spaß an den Bären nicht verderben. Andererseits meinen sie, ihnen klarmachen zu müssen, dass das nicht sein darf: eingesperrte Bären mitten in der Stadt. „Eigentlich leben Bären im Gebirge und im Wald“, sagt eine zu ihrem Lars, der quengelt, weil die Tiere nicht das tun, was er von ihnen erwartet. Sie brüllen nicht, sie springen nicht in den Wassergraben, sie drohen auch keineswegs mit den Tatzen. Sie tapsen in der Hitze höchstens mal herum und schnüffeln in den Ecken. Die meiste Zeit dösen sie.

Der Berliner Tierschutzbeauftragte verlangt, dass der Bärenzwinger geschlossen wird und seine Insassen in einen Bärenpark an der Müritz gebracht werden. Das Bezirksamt Mitte ist dagegen. Tierschutz steht gegen Tradition. Und die ökologisch korrekten Mütter haben einen echten erzieherischen Zielkonflikt. Der Vater, der mit seinem Söhnchen etwas abseits auf einer Bank sitzt, hält sich da nach Männerart raus. Der Kleine spielt mit einem Schlüsselbund hingebungsvoll Zusperren und Aufsperren. Männer waren schon zu allen Zeiten digitalisiert. Auf und zu, rein und raus, hin und her, null und eins – so streicht ihr Leben dahin, und wenn es köstlich gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen. Frauen aber zählen mindestens bis drei. Das ergibt nicht nur einen beschwingteren Lebensrhythmus, sondern ist überhaupt grundlegend für den sozialen Zusammenhalt, der ja keine Zukunft hätte, wenn die Frauen nicht immer wieder etwas Drittes hervorbrächten.

Wir sind erhitzt. Man müsste nun eigentlich einen der vielen kühlenden Seen aufsuchen, für die Berlin so berühmt ist. Eine einsame Bucht am Müggel- oder Wannsee, über einem der hohe märkische Himmel und um einen herum nur der Sommerwind, der durch das Schilf und die Kiefern streicht. Davon träumt man jetzt, und dass die Bilder dieses Traums aus Robert Siodmaks und Billy Wilders Stummfilm „Menschen am Sonntag“ von 1929 stammen, das macht den Traum nicht weniger schön. „Menschen am Sonntag“ ist der schönste Sommerfilm, der je über Berlin gedreht wurde. Man wünscht sich direkt einmal einen Regentag herbei, an dem man kein mehr als merkwürdiges Gefühl haben muss, wenn man in einem dunklen Zimmer oder Kino vier jungen Berlinern – Brigitte, Christl, Erwin und Wolfgang – dabei zuschaut, wie sie vor 80 Jahren versuchen, das Leben zu genießen, mit der S-Bahn zum Wannsee fahren, sich über Kreuz küssen, streiten und wieder versöhnen.

Uns schrecken allerdings der Gedanke an volle S-Bahnen und die kaum noch erfrischend zu nennenden Wassertemperaturen der Seen ab, es ihnen gleichzutun. Auch mitten in Berlin gibt es Kühlung, für die man sich noch nicht einmal nass zu machen braucht. Man muss sich nur in die absolute Hochburg der neuen Mütter, in die generative Turbozone Deutschlands vorwagen, wo die Gefahr, von einem Zwillingskinderwagen überfahren zu werden, im Bereich des statistisch Messbaren liegt.

In jedem zweiten Laden gibt es gebrauchte Babysachen zu kaufen. Nirgendwo lassen sich vielfältiger die Stile des Stillens studieren. Unüberschaubar in seiner Vielfalt ist auch das Sommerequipment für Babys. Interessant ist, dass in den Sonnenmützen mit Nackentuch eine beliebte Kopfbedeckung der Fremdenlegion in neuem kulturellem Kontext fortlebt. Was früher im Wüstenkrieg den Hals von Galgenvögeln aus aller Herren Länder gegen die Sonne schützte, spendet heute zartem Babyspeck den nötigen Schatten.

Hier, im Stadtteil Prenzlauer Berg, steht in der Nähe des Kollwitzplatzes ein alter Wasserspeicher, der jetzt als Kunstraum dient und der beste Kühlraum ist, den man sich vorstellen kann. Sein labyrinthisches Inneres hat gigantische Ausmaße. In engen Gängen kommt man wie in einem Schneckengewinde immer tiefer hinein, und es wird immer kälter. Die „Singuhr-Hörgalerie“ zeigt hier zurzeit Klang- und Lichtinstallationen des amerikanischen Künstlers Paul Demarinis. Es wummert und knackt und flackert. Das kommt von den Aquarien an der Wand, in denen korrodierendes Kupfer und Aluminium elektrische Signale erzeugen, die in Klang und Licht umgewandelt werden. Die Installation soll an die im vergangenen Jahr abgestürzte Air-France-Maschine erinnern, deren Metalltrümmer vom Grund des Atlantiks heute noch Signale senden. Den langsam ins Frösteln kommenden Besucher regt sie zum Nachdenken über rätselhafte Botschaften und das Verhältnis von Natur und Kunst an.

In der Kulturmetropole Berlin stellen sich einem eben immer und überall intellektuelle Herausforderungen. Auch wenn man nur etwas Abkühlung sucht.

Der Wasserspeicher ist ein Monument der Backstein-Baukunst, ohne die es Berlin nicht gäbe. Die Schlösser, die Kirchen, die Mietskasernen – alles Backstein. Der isoliert gut. Aber er speichert auch die Hitze. Wenn er einmal heiß ist, heizt er lang. Die Stadt wird dann zum Glutofen. Eigentlich müsste das öffentliche Leben dann ersterben und der Mensch sich in schattige Refugien zurückziehen. In Berlin gibt es nie Ruhe. Deshalb kann man die Stadt auch nicht mediterran nennen. Ihr fehlt die Siestafähigkeit, ein entscheidendes Merkmal mediterraner Kultur also. Solange die Berliner nicht Siesta halten, bleiben sie Nordlichter, die sich südländisches Lebensgefühl nur einreden und es verbissen kopieren, fast mit preußischem Pflichtgefühl. Der Sommer ist ein Event, von dem man bloß nichts verpassen darf. Das wäre ja beschämend, wenn man die Hitliste der besten Badestrände, Strandbars, Eisdielen oder Biergärten nicht abgearbeitet hätte.

Wie erholt man sich vom Berliner Sommer? Natürlich indem man ihn nutzt. Das Wichtigste an der Jahreszeit ist nämlich nicht die Wärme, sondern das Licht. Es wird früh hell und spät dunkel. Vor allem Ersteres eröffnet die Chance, dem Sommerkoller vorzubeugen. Morgens um sechs ist noch nicht viel Verkehr, und man kommt schnell hinaus aus der Stadt. Eine Viertelstunde, höchstens 20 Minuten braucht man, um von Prenzlauer Berg nach Norden hinaus zu den Wäldern, Wiesen und Roggenfeldern von Karow, Buch oder Blankenfelde zu kommen. Das gehört alles noch zum Bezirk Pankow, man hat Berlin jetzt also noch längst nicht verlassen.

Aber man ist auf dem Land. Am Himmel schweben die ersten Flugzeuge nach Tegel ein. Der Fuchs beendet seinen Jagdzug und verschwindet ebenso wie das Wildschwein mit seinen Frischlingen im hohen Raps. Der Hund stöbert einen Hasen auf. Es ist noch unter 25 Grad. Der Tau nässt die Füße. Es gibt sogar krähende Hähne. In der Ferne glitzert der Fernsehturm. Bald wird einen das Backsteinmeer wieder schlucken, wo die Füße der Frauen und die Felle der Bären ihr Sommertheater spielen. Zum richtigen Sommer aber gehören seit Kindertagen Kornfelder und Morgentau auf den Wiesen. Auch das findet man in Berlin, und wenn man früh genug aufsteht, hat man es fast für sich allein.