Die Waschräume – das klingt für mich immer nach lichtdurchfluteten Badeanstalten, nach mehreren aneinandergereihten Spa-Suiten mit Wannen und Duschen, vor allem klingt es nach Raum, sogar nach mehreren Räumen. „Wir bitten Sie, die Waschräume jetzt nicht mehr aufzusuchen …“ – so lautet die feierliche Ansage gegen Ende eines jeden Fluges, bei der es für mich immer ein bisschen nach Grandhotel klingt. Gut – ich werde diese diversen Räume nicht mehr aufsuchen. Vielleicht könnte ich mich ja darin verlieren.
Das durchschnittliche Flugzeugklo ist deutlich mehr Nasszelle als Waschraum. Es ist eine Welt für sich, eigentlich eine Hülle voll technischer Vorrichtungen, die genau einen einzigen Menschenkörper umschließt. Man kann sich genau einmal drehen, wenden, setzen, stellen und hat zu jeder Wand dieser Kapsel einen Abstand von zehn Zentimetern. Es ist eher ein Plastik-Ganzkörperkondom mit Verdauungsmöglichkeiten als ein Raum. Kennen Sie die eiserne Jungfrau, das Foltergerät aus dem Mittelalter? So kommt mir oft das Flugzeugklo vor, nur ohne eiserne Nägel nach innen. Stattdessen hat es andere Foltermöglichkeiten.
Hier der vielleicht wichtigste Tipp für Vielflieger: Schauen Sie nach einem mehrstündigen internationalen Flug mit Überschreitung der Tag-Nacht-Grenze niemals in den Spiegel eines Flugzeugklos. Glauben Sie mir: So sehen Sie nicht aus! Dieser ausgetrocknete, aufgequollene Zombie mit Druckstellen im Gesicht – das sind nicht Sie! Das will ihnen das Foltergerät „Flugzeugklo“ nur vorgaukeln.
Noch ein Tipp: Benutzen Sie keine Produkte, die Ihnen in einem Flugzeugklo angeboten werden! Auch nicht in der Businessclass. Die Produkte dürften aus der gleichen Fabrik wie die Erfrischungstücher mancher Airline stammen – ich tippe auf alte Ostbestände der Plaste-und-Elaste-Produktion Südrumäniens: Das Zeug ist toxisch! Die Seife stinkt und schafft es obendrein, Ihre sowieso schon ausgetrocknete Haut noch weiter auszutrocknen. Es gibt diese Seife meiner Meinung nach in Dry und Extra Dry. Da können Sie Ihr Gesicht auch gleich in eine chemische Reinigung geben.
Und dann die grauen Papierblätter aus dem „Spender“: Erstens ist es kein „Spender“, sondern ein „Rupfer“, denn man rupft immer mindestens drei Lagen gleichzeitig raus. Zweitens schrubbt das recycelte Machwerk (ja, auch ich bin Öko, aber es gibt Grenzen) die Hände so ab, als hätte man zum Handabtrocknen gleich noch ein Peeling bestellt. Und drittens: NIEMALS DIE GRAUEN SCHRUBBELSCHEIBLETTEN IM GESICHT BENUTZEN! Frauen kamen vom Flugzeugklo zurück und wurden von ihren eigenen Kindern nicht wiedererkannt.
Aber beginnen wir beim Anfang: Man betritt im Flugzeug die „Waschräume“, schließt die Tür – und erschreckt sich. Menschen mit Platzangst gehen sofort wieder raus. Menschen mit einer Extragurtverlängerung haben Angst, stecken zu bleiben. Nie kam einem eine Zugtoilette der Deutschen Bahn so attraktiv vor; dort könnte man ja geradezu Partys feiern.
Danach beginnt das, was ich Air-Toilet-Akrobatik nennen möchte. Absolute Körperbeherrschung oder ein mehrjähriges Yoga-Praktikum helfen. Deckel öffnen, sich drehen, Hose öffnen, niederlassen, ausatmen. Ich finde immer, nach dieser Übung könnte es schon mal Applaus geben. Nun hat man immerhin Ruhe und Zeit, diesen begehbaren Toilettenschrank genauer anzugucken. Oder sogar sich selber – wenn es eine dieser Toiletten ist, wo an der Tür von innen noch ein großer Spiegel angebracht ist. Wer denkt sich so etwas nur aus? Ich höre noch den Designer bei der Präsentation mit dem Satz: „Dadurch wirkt der Raum größer!“
Erstens: nicht wirklich – und zweitens: Dafür muss ich mir bei Sachen zusehen, bei denen ich mir nicht zusehen möchte! Und das unvorteilhafte Licht macht selbst bei kurzen Inlandsflügen aus mir eine Mischung aus Francis-Bacon-Porträt und menschlicher Altkleidersammlung. Egal, wir atmen durch, aber nicht zu sehr, und konzentrieren uns auf das Wesentliche: möglichst schnell fertig werden und nichts wie raus hier!
Trotzdem schießen uns einige Gedanken durch den Kopf: Wo geht das eigentlich alles hin? Ist nicht wirklich schon mal jemand von einem herunterfallenden Block gefrorener Ausscheidungen erschlagen worden? Und wer kommt neuerdings bei Air Berlin auf die Idee, WERBUNG in Flugzeugklos anzubringen? Für eine Zahnversicherung! Wenn schon, dann doch bitte für Schönheitschirurgie.
Und warum tönt diese Glocke jetzt schon wieder so aufdringlich? Was passiert, wenn ich es nicht zurück auf meinen Platz schaffe und in DIESER Position abstürze? Hat schon jemals jemand einen Absturz IN einem Flugzeugklo überlebt? Obwohl – vielleicht schützt mich ja dieses graue Kabinen-Kondom, und ich schwimme darin gemütlich auf dem Ozean und habe so mein eigenes Rettungsbötchen? Und was, wenn ich beim Absturz gar nicht mehr vom Sitz hochkommen sollte?
Ein paar Fakten an dieser Stelle zu diesen Gedanken: Ja, es hat sich schon einmal ein Passagier – auch ohne Absturz – in so einem Klo „festgesaugt“, das heißt, es entstand ein Vakuum in der Kloschüssel, und der Passagier konnte sich nicht mehr rausbewegen. Und ja, er musste so bis zum Ende des Fluges sitzen bleiben (nachdem er die Notklingel betätigt und die Crew ihn in diesem Zustand gefunden hatte) und wurde dann erst nach der Landung „abgeschraubt“ – ob er bei der Landung angeschnallt war, ist nicht überliefert.
Nein, die Fäkalien werden nicht „in Blöcken“ abgeworfen – dann hätten wir am Boden eine ganz schöne Sauerei. Es gibt aber das „Blue Ice“-Phänomen: Wenn das Auslassventil am Toilettentank undicht ist oder sich Fremdkörper festgeklemmt haben (die Lufthansa erwähnte einmal ausdrücklich Teebeutel), tritt Flüssigkeit samt blauem Desinfektionsmittel aus und gefriert sofort zu Eisklumpen. Diese schlagen dann durchaus mal ein Hausdach ein, in den USA passiert das zum Beispiel einmal pro Jahr. Also aufgepasst, wenn mal im Duty-free „Blue Ice“ angeboten wird: Es ist kein Herrenduft.
Eine der absurdesten Vorstellungen – in Hinblick auf die Durchschnittsgröße der Waschräume über den Wolken – ist die Idee, in und an einem solchen Ort Geschlechtsverkehr zu haben. Immer wieder hört man ja Geschichten von heißem Sex auf Flugzeugtoiletten (vielleicht sind das auch nur meine Bekannten?) und wie auf diese Weise ein langer Nachtflug aufgewertet wurde. Es soll ja sogar einen „ Mile-High-Club “ geben für Leute, die über den Wolken Sex hatten. Meine Frage: WIE SOLL DAS GEHEN? Die Vorstellung, dass sich ZWEI Leute in diese Einmannzelle schieben und darin irgendwelche Positionen einnehmen, übersteigt meine Vorstellungsmöglichkeiten (wer will, kann mir Skizzen zuschicken), außer es handelt sich um das Behinderten-WC im mittleren Teil einer Boeing bei United Airlines. Wie ich aus gut unterrichteter Quelle weiß, ist da wohl Platz genug.
Der Erfinder des Mile-High-Clubs war übrigens der Pilot und Konstrukteur Lawrence Sperry, der angeblich im November 1916 seine Mitgliedschaft „erwarb“, als er während eines Fluges in einem Curtiss Flying Boat über New York einen selbst konstruierten Autopiloten testete und Sex mit einer Mrs Waldo Polk hatte. Und im November 2007 berichtete BBC online unter dem Titel „Airline verbietet den A380 Mile-High-Club“ (original: „Airline bans A380 mile-high club“) über eine Maßnahme von Singapore Airlines. Die Fluglinie bat kurz nach der Einführung ihres neuen Airbus A380 ihre Erste-Klasse-Passagiere, die Gesetze zu beachten. Die zwölf Erste-Klasse-Abteile böten zwar ein Doppelbett, seien aber nicht schallisoliert …
Und noch ein kleines spielerisches Experiment, das man auch mal selber im Flugzeug durchführen kann, wenn einem langweilig ist: Legt man das eine Ende einer normalen Rolle Klopapier in die Flugzeugtoilette, rollt den Rest durch den Gang des Flugzeugs aus und drückt dann die Spülung, saugt die Toilette auf einen Rutsch die gesamte Rolle auf! Einfach mal ausprobieren!
Zum Schluss aus gut unterrichteter Quelle noch eine weitere Geschichte, die ich nicht für möglich gehalten habe. Anscheinend versuchen Raucher auf Nichtraucherflügen den Rauchmelder auf dem Klo zu umgehen, indem sie eine BUNTEGALA zusammenrollen, sie durch die Klappe hindurch ins Klo stecken und dort in die Zeitschriftenrolle hineinexhalieren. Ich hoffe, das schmeckt – das ist dann wohl wirklich der Geschmack von Freiheit und Abenteuer.





