Brasilien

São Paulo ist das New York der Südhalbkugel

São Paulo liegt in der Gunst ausländischer Gäste hinter Rio de Janeiro. Dabei hat die 19-Millionen-Stadt Spannendes zu bieten.

Die Bewohner von São Paulo wissen es: In der Gunst ausländischer Gäste hat Rio de Janeiro klar die Nase vorn. Dem Klischee von Samba, Strand und schönen Mädchen kann die schon aufgrund ihres alltäglichen Chaos als beunruhigend geltende 19-Millionen-Stadt schwer etwas entgegenhalten. Denn São Paulo hat keinen Zuckerhut und keine Copacabana, dafür ein massives Verkehrsproblem, sodass eiligen Industriemagnaten nichts anderes übrig bleibt, als per Helikopter von Hochhaus zu Hochhaus zu hüpfen. Das Geld bestimmt den Taktschlag des Lebens; in dieser Stadt werden über 50 Prozent der Industrieproduktion Brasiliens erwirtschaftet.

Kaum verwunderlich also, dass die meisten Brasilienreisenden schnell die Flucht ergreifen: Von Garulhos, dem Großflughafen São Paulos, über den die meisten internationalen Flüge abgewickelt werden, geht es ruck, zuck weiter zu den Küstenregionen in den Norden, hinein in die All-inclusive-Resorts oder zu anderen Top-Reisezielen wie Amazonas, Iguaçu-Wasserfälle oder Pantanal.

Was ein Fehler ist. Denn die Reize von São Paulo erschließen sich erst auf den zweiten Blick, manchmal auch erst auf den dritten. Jenseits aller krassen sozialen Gegensätze, des Lärms und der Hektik in den Straßenschluchten hat diese Stadt eine Menge Attraktionen zu bieten. Insbesondere was Architektur und Design, Kunst und Museen, Shopping und Szene, Gastronomie und Nachtleben betrifft, kommt die Stadt mittlerweile durchaus an New York heran. Sogar eine Art Altstadt mit Bischofskirche und einer historischen Markthalle gibt es.

Spätestens seit sich Landesgouverneur José Serra mit der mächtigen Reklame-Mafia angelegt hat und unter dem Schlagwort „Limpia São Paulo“ (São Paulo säubern) gegen die unkontrollierte Flut riesiger Reklamewände vorgegangen ist, sieht die Stadt heute wie ausgewechselt aus. Serra gilt inzwischen als aussichtsreicher Rivale von Staatschef Lulas Arbeiterpartei bei den Präsidentschaftswahlen 2010. Überall ist der Blick jetzt frei auf prächtige Gebäude und faszinierende Straßenzüge; es wurde massiv Geld investiert in farbenprächtig blühende Rabatten und Bäume. Die offiziellen weißen Taxis sind vielfach sauberer und neuer als die Wagen in deutschen Großstädten.

Einen fantastischen Überblick über das Häusermeer bietet das – recht preiswerte – Panoramarestaurant „Terraço Itália“ im 41. Stock des Edificio Itália. Als Gast kann man hinaustreten auf die Dachterrasse, wo Infotafeln die markantesten Gebäude der sich im Horizont verlierenden Skyline erklären, die sich ebenfalls nicht hinter New York zu verstecken braucht. Besonders auffällig ist das 1966 von Brasiliens Vorzeigearchitekt Oscar Niemeyer erbaute Edificio Coban, ein S-förmiger Gebäudekomplex mit bald 1200 Apartments.

Interessant ist eine Fahrt entlang der Avenida Paulista, Brasiliens wichtigster Geschäftsstraße. Hier konzentriert sich die ökonomische Kraft der Metropole mit ihren Bürotürmen, hier befindet sich mit dem MASP das bedeutendste Kunstmuseum Lateinamerikas. Der markante Kubus mit seinen rot lackierten Trägern besitzt den größten frei schwebenden Stahlbetonboden der Welt. Einen Stopp sollte man ganz in der Nähe im rundum verglasten Pavillon der „Cerqueiria Cesar“ einlegen (Rua Min. Rocha Azevedo 72). Hier trifft sich ein quirliges Publikum aus Geschäftsleuten, Models, Künstlern und anderen Szene-Leuten. Besonders empfehlenswert: die Caipirinha aus roten Beerenfrüchten. Ruhe und den erholsamen Schatten von dicht an dicht stehenden tropischen Pflanzen findet man in dem kleinen, aber unbedingt sehenswerten Parque Trianon gleich nebenan.

Es sind diese grünen Oasen, die in São Paulo den zentralen Kontrast bilden zum allgegenwärtigen, in kühne Konstruktionen gegossenen Beton. Besonders der architektonisch von Oscar Niemeyer und gärtnerisch von Roberto Burle Marx gestaltete Parque do Ibirapuera mit vielerlei schönen Perspektiven lohnt den Besuch; er ist für São Paulo ähnlich bedeutsam wie der Central Park für New York.

Nicht weit entfernt liegt der Nobelstadtteil Jardins: Hier befinden sich die besten Geschäfte der Stadt, alle wichtigen brasilianischen Mode- und Interiordesigner sind an und um die Rua Oscar Freire herum vertreten. Dort kann man sich getrost zu Fuß bewegen. Ein Traditionshaus auf der Oscar Freire ist die Kneipe „Frevo“, wo es tolle Sandwiches, süffiges Bier und frisch gepresste Säfte gibt. Man findet unzählige Restaurants in allen Preisklassen im Viertel, doch am meisten beeindruckt das „Figueira Rubaiyat“ (Rua Haddock Lobo 1738), berühmt nicht nur für seine Grillspezialitäten, sondern vor allem wegen des riesigen, 300 Jahre alten und 14 Meter hohen Feigenbaums, um den herum die Gäste unter einem Glasdach sitzen. Für einen Absacker danach bietet sich das Hotel „Unique“ an, ein markanter Bau in Form einer riesigen Salatschüssel mit Bullaugenfenstern: Von der Dachterrasse der „Skye Bar“ lässt sich das nächtliche Lichtermeer der Metropole genießen, oder man wagt den schwindelerregenden Blick durch den gläsernen Boden des Pools bis hinunter in die Lobby.

Weniger pompös geht es zu in dem Künstlerviertel Vila Madalena mit seinen Bars, Straßencafés, Ateliers und Antiquitätengeschäften. Unbedingt lohnt sich der Blick in das Atelier des Möbeldesigners Carlos Motta (Rua Aspicuelta, 121), der mit machtvollen Sitzmöbeln und Tischen aus altem, aus Abbruchhäusern stammendem Tropenholz international Furore macht. Ein paar Ecken weiter durften sich die besten Graffiti-Künstler São Paulos austoben und die Hinterhofwände einiger verschlungener Gassen zu einer atemberaubenden Freilichtgalerie umfunktionieren. Gelebte Urbanität und eine oft anarchisch wirkende Kultur der Straße finden hier ihren Kulminationspunkt. Dazu passen die Streetwear-Kollektionen des krassen Modeschöpfers King 55, in dessen Kreationen Kitsch und Revolte symbiotisch verschmelzen (Showroom in der Rua João Cachoeira, 1244). Ebenfalls im Viertel Vila Madalena liegt eines der besten japanischen Restaurants der Welt, das „Jun Sakamoto“ – edles Ambiente, authentische Küche, interessantes Publikum (Rua Lisboa, 55).

Sie sehen: São Paulo ruht niemals, ganz wie New York. Aufbruch, Innovation und Überraschung finden hier auf perfekte Weise zueinander.

Anreise: Nonstop von Frankfurt nach São Paulo mit Lufthansa oder TAM, Umsteigeverbindungen zum Beispiel mit Air France oder British Airways.

Unterkunft: „Sofitel São Paulo“, ideal für Stopover-Reisende, ruhig und sicher, moderner Stil, aufmerksamer Service, DZ ab 267 Euro, www.sofitel.com ; Hotel „Unique“, ambitioniertes Designhotel, DZ ab 262 Euro, www.hotelunique.com.br

Auskunft: Fremdenverkehrsamt Brasilien, Tel. 069/96238733, www.braziltour.com