Land & Leute

Blind Date zum Dinner – bei Fremden in Wales

"Home Hosted Dinner" heißt eigentlich Abendbrot zu Hause bei Menschen, die man gar nicht kennt. Diese unterhaltsame Form des Gourmet-Roulettes stammt aus den USA. Wir haben in Wales die Probe aufs Exempel gemacht und uns zu einem kulinarischen Blind Date getroffen. Köstlich – in jeder Hinsicht.

Die Straße ist menschenleer, der Himmel grau, die Häuschen sind es auch. Eine schlichte Siedlung in Caernarfon, zehntausend Einwohner, einer der größeren Orte im Nordwesten von Wales. Hier irgendwo muss sie sein, die Verabredung zum Dinner, zum Drei-Gänge-Menü bei völlig unbekannten Leuten. 25 Pfund im Voraus hat es gekostet, der Einsatz fürs Gourmet-Roulette.

Die Tür ist offen, und Gastgeberin Dilys Jones hat den Fremden draußen sofort gesehen. Herzliche Umarmung auf der Türschwelle, hello, welcome. Dilys, ein sprudelnder Quell der Warmherzigkeit, nimmt den Besucher wie einen schmerzlich vermissten Sohn in die Arme. Dafydd kommt dazu, ihr Mann, kompakter Typ, weiße Mähne, 65 und pensioniert. Fünf Schritte bis ins Wohnzimmer, keine Zeit für peinliches Herumdrucksen angesichts der Tatsache, dass man gerade Irgendjemandem die Privatsphäre klaut. Das Sofa ist besetzt, Verwandte sind da und ein Nachbar, um den Unbekannten zu empfangen. Sherry wird gereicht. Ein Toast geht im Klirren der Gläser unter. Der Bann ist gebrochen, die Stimmung ruckzuck wie beim Wiedersehen alter Freunde.

Die Idee des Home Hosted Dinner kommt aus den USA. "Zuhause ausgerichtete Abendessen" sind dort populär. Donna Goodman, die in Caernarfon als Tourguide arbeitet, fand es bestechend, Touristen, die im Urlaub von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hasten, im Hotel wohnen und keine Ahnung haben, wie die Menschen, deren Land sie gerade besuchen, eigentlich leben, die Tür zu ihnen zu öffnen. Wenn auch nur für einen Abend. Ein Blind Date zum Dinner, ein Experiment.

Unvermeidlich: Lamm in Minzsoße

Die ovale Tafel ist festlich gedeckt, das Porzellan glänzt. Dilys und Karen, ihre Tochter, servieren Lauchsuppe, dann Lamm in Minzsoße, zwei Klassiker Waliser Küche. Lauch ist eines der Nationalsymbole im Land der Kelten. Und Schafe - wer einige Tage durch das oft menschenleere Nordwales reist, dem brennen sich Legionen der blökenden Wollknäuel dauerhaft in die Netzhaut.

Lecker essen und trinken – natürlich ist es ein Erlebnis, irgendwo unerwartet wie bei Muttern zu völlen. Aber der unvermittelte Stoß mitten hin-ein in den Alltag bis dato nie gesehener Menschen fordert Speed-Dating-Fähigkeiten. Die Jones' sind darin unschlagbar. Ihr Dauerjob als Statisten in einer bekannten TV-Seifenoper, die Lebensgeschichte von Hund Gelert, das Glück, als sie ihr Mietshaus schließlich für nur siebentausend Pfund kaufen konnten - im Tempo eines Filmtrailers entfaltet sich das Leben einer Waliser Mittelschichtsfamilie. Und wo sonst erführe der Urlauber, dass im besonders traditionell geprägten Nordwesten viele noch immer nur ausnahmsweise Englisch sprechen. Der hagere Peter, Karens Mann, ist da am eloquentesten, da er im Stadt-rat arbeitet. Aber Dilys mit ihrem harten welsh accent sucht schon mal nach Worten.

Dabei gibt es in dem jahrhundertelang von England beherrschten Land erst seit 1993 wieder einen Anspruch auf Zweisprachigkeit. Seitdem er-fährt das keltische Walisisch einen Boom. So überzieht das für unsere Augen hoffnungslos mit Konsonanten überfrachtete Idiom konsequent alle Straßenschilder mit kaum entzifferbaren Buchstabenfolgen. In den Schulen lernen Kinder wieder die Sprache ihrer Vorfahren. Donnas Tochter Eve und deren Bruder Billy sprechen gern und fließend walisisch, obwohl englische Freunde sie gelegentlich verständnislos fragen, warum sie eine tote Sprache lernen.

Das Home Hosted Dinner öffnet Türen

Auch Donna und ihr Mann Phil bewirten Fremde bei sich. Beim Gin Tonic schweift der Blick über die Menai Strait, die das Festland von der Insel Anglesey trennt. Fünfzehn Dinner-Gastgeber zwischen Caernarfon und der Kreisstadt Bangor nehmen inzwischen an Home Hosted Dinners teil. Donna hat sie alle selbst ausgesucht und auf Vielfalt geachtet. Klar, für eine Konversation auf Englisch sollte es bei den Gästen schon reichen. Dann öffnen sich ihnen viele Türen, sei es zu Stadtwohnungen, einer Farm oder dem Festsaal der distingierten Dame, deren Herrenhaus sonst nur Tagesbesuchern zur Besichtigung offensteht.

Noch steckt im Ganzen viel Improvisation. Donna könnte sich ebensogut vorstellen, auch zur Teatime zu bitten, zum Cocktail im Garten. Letztens wollte eine Gruppe Japaner unbedingt mal ein ganz normales walisisches Haus von innen sehen. Phil sammelte Teetassen in der Nachbarschaft, und Kamera schwingende Asiaten schossen begeistert Fotos von alter Wäsche, ungemachten Betten und der Hauskatze, die sich im Sessel räkelte.

Und der Prince of Wales?

Bei Dilys und Dafydd wird mittlerweile der Nachtisch gereicht. Zu Bara Brith, dem kernigen hausgemachten Früch-tekuchen, gibt es Nachbar Al-lens Auftritt. Der Hobbyfotograf war vor fünfundzwanzig Jahren zur Stelle, als Lady Diana Caernarfon besuchte. Seine Schnappschüsse, mit Liebe im Album verklebt, zeigen eine blühend junge Königin der Herzen, die auch in Wales äußerst beliebt war. Amerikaner sind stets hingerissen, wenn sie die Bilder sehen, versichert Dilys. Prince Charles hat es da immer noch schwer. Obwohl immerhin Price of Wales, schlägt ihm im Reich der Kelten oft noch gepflegte Abneigung entgegen.

Alles Geschichte, versichern aber die gut gelaunten Gastgeber nach drei Flaschen Wein am Ende des Abends. Schließlich seien wir jetzt alle Europäer. Dann wird der Dinnergast herzlich verabschiedet. Hinaus in ein Land, das ihm auf einmal irgendwie vertraut vorkommt.

Auskunft

Home Hosted Dinners für vier bis acht Personen und 25 Britische Pfund pro Person können angefragt und gebucht werden bei: Donna Goodman, Turnstone, Caernarfon, Wales, eMail: info@turnstone-tours.co.uk.

Allgemeine Infos zu Wales unter www.visitwales.com