Scilly

Englands milde Inseln vor der Küste Cornwalls

Auf den Isles of Scilly wachsen exotische Pflanzen und zwitschern tropische Vögel. Die Inselgruppe liegt jedoch nicht in der Südsee, sondern gehört zum regnerischen, kühlen England. Sein mildes Klima verdankt der Archipel vor der Küste Cornwalls dem warmen Golfstrom.

"No puffins today" (Keine Papageientaucher heute) steht auf der Tafel vor dem Touristeninformationsbüro, denn es ist bald August. Die Papageientaucher sind nur bis Anfang Juli auf den Isles of Scilly. Auf der Hauptinsel St Mary's ändern die Bootsmänner täglich ihr Tourprogramm. Sie kommen in die Frühstückssäle der Hotels an der Strandpromenade und verkünden im typisch breiten Akzent Cornwalls, wo es hingeht: "Heute geht's nach St Agnes, ähh, Tresco, Rückfahrt ist am Nachmittag."

Gerade auf der äußersten Spitze Cornwalls, dort wo sich Fuchs und Rosamunde-Pilcher-Kamerateams Gute Nacht sagen, sechs gute Autostunden von London entfernt, liegt Penzance. Und von dort aus fährt die Fähre zu den Isles of Scilly, einer Inselgruppe mit den fünf bewohnten Inseln St Mary's, Tresco, Bryher, St Agnes und St Martin's sowie unzähligen unbewohnten Eilanden wie den Eastern Isles.

Kleine, traditionell englische, viktorianische Häuschen drängen sich auf der Hauptstraße des Hauptortes Hugh Town auf St Mary's. Und den Gärten ist der Stolz ihrer Besitzerinnen anzusehen. Anstelle von Hortensien und Buchsbaumhecken bestimmen hier Kakteen und Palmen das Bild, und es ist nicht Moos, das zwischen dem gelben Sandstein hervorquillt, sondern eine kleine Aloe-Art.

Palmen im Vorgarten und ein Klima wie in der Südsee

Wie angekündigt, fahren die Bootsmänner heute von St Mary's nach Tresco mit dem berühmten "Abbey Garden". Hier sind angeblich mehr als 5000 subtropische und exotische Pflanzen zusammengetragen worden. Seit dem 18. Jahrhundert steuern Kapitäne und Marineoffiziere zur Sammlung mit Funden aus Neuseeland, Australien oder Südafrika bei. Wie diese im regnerischen Land überleben? Dank des Golfstroms, der die Bewohner der Scilly Isles liebevoll umschwappt und der für ein Klima wie in der Südsee und für die Palmen im Vorgarten sorgt.

Weiter geht's zu den unbewohnten Eastern Isles, wo das bis zum heutigen Zeitpunkt letzte, äußerst interessante neolithische Grab der Region gefunden wurde. Im kleinen Heimatmuseum in St Mary's sind die Fotos von der Ausgrabung ausgestellt: cornische Bauern, die beim Pflügen des Ackerlandes auf Ruinen gestoßen waren, um dann mit Siegesmiene vor dem Fotografen für das inzwischen angegraute Bild zu posieren.

Seit dessen Freilegung fragen sich archäologisch Interessierte vergeblich, was es denn nun mit dem Spiegel und dem Schwert auf sich hat. Warum sind beide mitvergraben worden? Wissenschaftler greifen auf archaische, chauvinistische Erklärungsmuster zurück. Der Spiegel deute auf eine Frau hin. Aha, eine Frau wurde hier begraben! Bevor sie dann zugeben müssen, dass Frauen in ihrem Geschichtsverständnis gar nicht erst begraben wurden. Also habe man es sicherlich mit einem Magier zu tun: Nur sie und Frauen können schließlich mit dem Zauber des Widerspiegelns des eigenen Antlitzes etwas anfangen.

Neben dem Tourismus ist der Haupterwerb die Zucht von Narzissenzwiebeln, die zwei bis drei Wochen früher blühen als herkömmliche Narzissen. Wie man sich vorstellen kann, ist aber mehr Geld mit Tourismus zu holen. Dies ist nur begrenzt möglich. Dank der Größe der Inseln - ungefähr 16 Quadratkilometer ist die größte, St Mary's, klein - herrschen strenge Bauvorschriften: kein Gebäude, das höher ist als drei Stockwerke, keine Ferienhaussiedlung, die den Blick auf die Küste versperrt. Die Inselgruppe ist zu klein für so etwas. Neu gebaut werden darf schließlich nur für "Einheimische, die mit dem Bau einen nachweisbaren heimischen Bedarf und Zweck erfüllen", so lautet das Gesetz.

Auf Campingplätzen begann so manche Scilly-Karriere

Also passen die findigen Inselbewohner aufgrund der hohen Nachfrage die Preise für das Angebot an. Die teuersten Zimmer gibt's im alten Schloss, mit Meeresblick. Die zahlreichen kleinen "Bed and Breakfasts" orientieren sich preislich an Hotels. Aber auch zahlreiche Ferienwohnungen und Campingplätze gibt es auf den Inseln. Und viele der Engländer, die jedes Jahr wiederkommen und letztlich zu den Inseln auswandern, starten auf solch einem Campingplatz ihre Scilly-Karriere.

So auch Linda, die im Touristenbüro arbeitet und deren Akzent ihre Yorkshire-Herkunft verrät. Sie zog vor 25 Jahren auf die Inseln, aus Liebe zu den Inseln und wohl auch zu einem Mann. Sie hat Kinder, die sie auf der Insel großgezogen hat.

Nicht einmal die Einheimischen bekämen einen Sondertarif, der den Flug oder die Fahrt mit der Fähre zum Festland erschwinglich macht, berichtet sie. Und im Winter fühle man sich ganz schön weit ab vom Schuss, drei Stunden Bootsfahrt entfernt vom Festland. Die Bootsfahrt hat auch auf die Lebensmittel eine Auswirkung, in Form von Transportkosten, die auf die Preise aufgeschlagen werden. "Man muss es hier schon wirklich lieben, denn die Löhne entsprechen den Preisen, die sich durch Tourismus und Transport ergeben, nicht", stellt Linda fest.


Da ist es nur gut, dass dann und wann ein Frachtschiff vor den Inseln kentert. Das vorletzte, so erinnert sich Linda, hatte Kinderturnschuhe an Bord. Ihre Tochter war damals zum Sport erschienen, und alle Inselkinder trugen dieselben schwarz-weißen Kinderturnschuhe. Das letzte, das gekentert war, hatte Pullover an Bord, und an dem Tag sei im Supermarkt der Insel das Waschmittel ausverkauft gewesen: Die Kleidung musste ja vorm Tragen noch mal gewaschen werden.

Das Gespräch mit dem auf St Mary's heimischen und im englischen Fernsehen allseits bekannten Ornithologen Will Wagstaff erklärt die verschwundenen Papageientaucher. Sie überwintern auf den Isles of Scilly, im Juli wandern sie weiter nach Südafrika.

Der Grund für die relative Berühmtheit der Inseln unter Vogelliebhabern sind aber nicht die Papageientaucher. Jedes Jahr "verirren" sich viele Vögel auf dem Weg über den Atlantik. Wie der gelbe Kuckuck, der eines Tages in einem Blumengarten auf St Mary's gesichtet wurde. Angeblich scharten sich binnen weniger Stunden mehr als tausend Ornithologen um das arme Tier, das den ganzen Tag apathisch auf einem Baum saß, dann über Nacht herunterfiel und starb. Kurzer Ruhm für den Kuckuck, aber ein Triumph für die Ornithologen, die den Kuckuck sonst nur in Afrika zu Gesicht bekommen hätten.

Der Aufenthalt auf den Inseln wäre aber nicht vollendet ohne das obligatorische T-Shirt, das man von seinem Urlaubsort Freunden und Feinden mitbringt. Mit eigenen Marken wie "49 Degrees" und "Foredeck" machen sich die Modemacher vor Ort diese Unsitte zunutze und verkaufen stilsichere und witzige Kapuzenpullover und Shirts. Die stilisierte Silhouette der Ruderinnen, die die Meere durchqueren, um die Inseln zu erreichen, macht sich gut als Aufdruck. Und sie eignet sich vielleicht als Vorbild fürs nächste Mal, wenn die teure Fähre nicht erschwinglich ist. Die vorlauten T-Shirt-Macher würde eine solche Herausforderung auf jeden Fall nicht scheuen: "What's up river boy, afraid of catching a wave? - Was ist Flussjunge, hast du Angst, eine Welle zu erwischen?"