Brasilien

Rio de Janeiro ist Witz, Charme und Lebenslust

Rio de Janeiro richtet als erste Stadt in Südamerika die Olympischen Spiele aus. Ein Besuch der Metropole lohnt sich aber schon jetzt.

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Was brauchte es eigentlich mehr, als diesen einen Hubschrauberflug über Rio de Janeiro, den das Bewerbungsvideo für die Olympischen Spiele 2016 zeigte, um die Jury zu überzeugen? Der Zauber der Zuckerhutmetropole, bewacht von der Christusstatue; die mit Regenwald bewachsenen Berge, die sich fast bis an den Rand der weißen, weiten Sandstrände ziehen; Samba tanzende Schönheiten; dies alles spricht eine Sprache für sich. So hat Rio de Janeiro jetzt die große Ehre, als erste Stadt in ganz Südamerika die Olympischen Spiele auszurichten.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte es sich nicht leicht gemacht. Groß waren die Sicherheitsbedenken. Und es stimmt ja auch: Die brasilianische Metropole hat Nachholbedarf, muss ankämpfen gegen Korruption, Drogenhandel und Armut. Aber die Stadt hat auch schon viel geschafft. Kleinkriminalität, vor wenigen Jahren noch an der Tagesordnung, ist von der weltberühmten Copacabana nahezu verschwunden dank Videoüberwachung, Streifenpatrouillen, Dauerbeleuchtung. Taschendiebe gibt es natürlich immer noch, aber die sind kein Rio-spezifisches Problem, denn es gibt sie in jeder Großstadt weltweit.

Die Olympischen Sommerspiele 2016 und die damit verbundenen Investitionen werden Rio de Janeiro in jeglicher Hinsicht guttun. Die Planung, eine Lagune hinter den Stränden von Ipanema und Leblon als Sportstätte mit einzubeziehen, wird den Nebeneffekt haben, dass sich Rio nun endlich der Verschmutzung dieses Gewässers annehmen und für ein ordentliches Abwassersystem sorgen muss.

Den größten Jubel wird jedoch auslösen, dass dem täglichen Verkehrskollaps der Stadt zu den Stoßzeiten nun endlich beigekommen werden soll. Allein 5,5 Milliarden Dollar sollen in Transportsysteme investiert werden. Dazu gehört der Ausbau des U-Bahn-Netzes, der seit Jahren vor sich hin dümpelt. Er soll nun „energisch vorangetrieben werden“, sagt Rios Bürgermeister Eduardo Paes. Geplant ist auch der Bau einer Expressbuslinie und der Ausbau der Metro bis nach Barra da Tijuca, dem „In-Viertel“ im Süden der Stadt. Schöne Aussichten.

Aber es lohnt sich, den guten wie schlechten Klischees über Rio de Janeiro ein paar mehr Aspekte, ein paar mehr Bilder, ein bisschen mehr Realität hinzuzufügen. Rio ist nicht nur Samba und Schießen. Rio ist Witz und Charme, Lebenslust und Genuss. Was Rio nicht ist? Krise, Ordnung und das Denken an morgen und den Tag danach.

Laufsteg Copacabana: Nicht umsonst heißt Rio de Janeiro im Volksmund „A Cidade Maravilhosa“ – übersetzt: die wundervolle Stadt. Ein einziger Nachmittag an der Copacabana wird bei jedem Besucher ein Gefühl von Privilegiertheit auslösen: baden zwischen Zuckerhut und Ipanema, beschützt von der mächtigen Christusstatue hoch droben auf dem Corcovado-Berg und später, beim Sonnenbad, umlagert von Schönheiten aller Hautfarben. Es ist ein Klischee – aber nicht immer muss das ja schlecht sein.

Die Cariocas, wie sich die Einwohner in Rio nennen, lieben und verehren ihre Stadt. Im immerwährenden Wettstreit mit den Paulistas (Einwohnern von São Paulo) geht es in den Diskussionen schon mal deftig zu. Aber irgendwie stehen die Cariocas auch in einer Art Dauerkonkurrenz zu ihrer eigenen Stadt, fühlen sich ob deren Schönheit von der Natur benachteiligt. Völlig zu Unrecht natürlich – aber das ändert nichts daran, dass Rio sich den Ruf einer Welthauptstadt der Schönheitsoperationen erworben hat. Böse Zungen behaupten, bei jeder dritten Carioca seien die Porundungen eine gute Portion runder, als der Gencode und das Fitnessstudio es eigentlich zuließen. Das Gute daran: Wer selber nachhelfen will, ist in Rio in den besten Händen. Die Ärzte dort zählen zu den besten der Welt.

Rio ist ein idealer Ort, um von der europäischen Zivilisation geschürte Ängste ad acta zu legen. Zum Beispiel, wenn es um die Idealfigur geht und darum, ob man mit mehr als zwei Speckrollen am Bauch tatsächlich noch Bikini tragen darf. In Rio gilt: je knapper, je lieber. Übergewicht wird mit Stolz präsentiert – auch im knappsten Bikini. Die winzigen Fetzchen Stoff, gehalten von ein paar Schnürchen, sollen lediglich das Allerallernotwendigste bedecken. Mehr Funktion wird nicht erwartet und ist nicht erwünscht (Trotzdem gilt: Oben ohne ist an den Stränden absolut verpönt und eine Demonstration schlechtesten Geschmacks).

Mit dem Bus durch Rio: Allen Touristen, die sich vor rüttelnden Achterbahnfahrten fürchten, sei von Busfahrten in Rio dringend abgeraten. Andererseits bietet das sehr gut ausgebaute, wenn auch für den ungeübten, nicht Portugiesisch sprechenden Gast zunächst völlig undurchschaubare System Zugang auch zu den entlegensten Winkeln der Millionenmetropole. Stets ist irgendwo immer ein Bus zur Verfügung, das ist ungeheuer praktisch. Wartezeiten in dem Sinne, wie wir sie aus Deutschland kennen, ja gar einen Fahrplan, gibt es nicht.

Folgende Regeln sind beim Busfahren zu beachten: Immer das abgezählte Kleingeld parat zu haben verhindert böse Blicke des Kassierers und garantiert schnelles Passieren des zwischen Bustür und Passagierraum angebrachten Drehkreuzes. Das wiederum ist absolut sinnvoll, will man noch vor der Schleuderfahrt, die einem bevorsteht, einen Sitzplatz ergattern. Wirbelsäule-schonend ist ein Sitzplatz in der vorderen Hälfte des Busses. Hinten tanzen die Bandscheiben Samba.

Steaks, Obst und Caipirinha: In der Rindfleisch-Metropole Rio (Argentinien würde hier energisch Einspruch erheben), wird selbst in der schmuddeligsten Bude eine 1-A-Qualität serviert. Rindfleisch am Spieß, Rindfleisch gebraten, oft serviert mit Reis und Bohnen. An diesen Gerichten kommt man in Rio kaum vorbei.

Die Obstmärkte der Stadt sind ein Festival für die Geschmacksknospen. Generell gilt: Alles sollte probiert werden, denn wer hat schon einmal exotische Palmfrüchte wie Buriti, Babaçu, Açai oder Obst wie Camu-Camu und Graviola probiert?

Komplett vergessen sollte man bei einer Reise nach Rio alles, was in Europa unter dem Titel „Caipirinha“ verkauft wird. Brauner Rohrzucker und scharfer Schnaps gehören nicht zwingend in eine echte Caipi, genauso wenig wie Limetten als Grundfrucht.

Vielmehr ist eine Caipirinha in Rio die Qual der Wahl zwischen Hunderten Cachaça-Sorten – übrigens auch gut allein zu verkosten – und der tropischen Fruchtvielfalt. Abgesehen vom heimischen Prosecco sollte man auf alles, was aus brasilianischen Trauben hergestellt wurde, lieber verzichten und auf Weine aus Chile und Argentinien ausweichen.

Samba, was sonst? In Rio de Janeiro ist ein Tag ohne Musik ein verlorener Tag. Es ist in dieser Stadt unmöglich, dem Rhythmus auszuweichen. Sei es Bossa nova (bekannt geworden durch den Song „Garota da Ipanema“), der aus dem Nordosten stammende Forró oder eben der allgegenwärtige Samba. Dabei ist vor allem Samba viel mehr als das, was die großen Sambaschulen zum Karneval aufführen. Ein Sambatanz kann auch ganz leise sein – und geht trotzdem ins Bein.

Überall in Rio wird getanzt, und zwar nach alter Schule: als Paar. „Allein tanzt man eben nicht“, lautet die Antwort auf die Frage, warum das eigentlich nicht geht. Und es geht, wie immer in Brasilien, völlig unkonventionell zur Sache. Große Frauen tanzen mit kleinen Männern, Dicke mit Dünnen, Ausländer mit Cariocas, Anfänger mit Meistern ihres Fachs. Alles, was Spaß macht, ist erlaubt. Weshalb die Welt sich schon jetzt auf eine großartige Olympia-Party freuen kann.

Anreise: Mit Lufthansa ( www.lufthansa.de ) oder TAM Airlines ( www.tam.com.br ) ab Frankfurt über São Paulo, mit Air France ( www.airfrance.de ) über Paris nach Rio.

Unterkunft: „Santa Teresa Hotel“, DZ ab 245 Euro, www.santateresahotel.com ; „Hotel Mirador“ , DZ ab 67 Euro, www.hotelmirador.com.br

Auskunft: Brasilianisches Fremdenverkehrsamt, Frankfurt, Tel. 069/97503251, www.braziltour.com