Harley-Trip

Colorado, einfach perfekt für Asphalt-Cowboys

Wer an Colorado denkt, hat Cowboys und riesige Ranches mit Rinderherden und Pferdekoppeln vor Augen. Alles richtig. Doch wie wär's, den Pferdesattel mit dem Sattel einer kultigen, knatternden Harley zu tauschen? Meilen machen und grandiose Landschaften hautnah erleben. Etwa den kleinen Bruder des Grand Canyon.

Zugegeben, die Brücke selbst ist ja ganz hübsch und der Weg über sie nicht ohne Reiz. Aber das ganze Drumherum wirkt doch befremdlich. Das hat der mit Naturattraktionen gesegnete US-Bundesstaat Colorado nun wirklich nicht nötig: „Tägliches Hängen und Erschießen“ prangt da auf Schildern einer nachgebauten Westernstadt, die man passieren muss – will man denn zur Royal Gorge Bridge, der „höchsten Hängebrücke der Welt“.

Um die Brücke herum, deren Betreten und Befahren selbstverständlich Eintritt kostet, hat sich über die Jahre eine regelrechter Kirmes angesammelt: Souvenirläden mit allem Möglichen und Unmöglichen, Skurrilem und Unnützem, das sich in irgendeiner Form auch mit dem Wilden Westen, mit Cowboys und Indianern in Verbindung bringen lässt. Dazu Imbissbuden, Elektrobimmelbahn, historische Eisenbahn, Helikopterrundflüge, Planwagen und Western-Town-Fassaden zum Anfassen, kleine Gehege mit nachgezüchteten Bisons und schläfrigen Bighorn Sheep. Nicht zu vergessen die weithin sichtbare Riesenschaukel, die als „höchster Skycoaster der Welt“ Schwindelfreien auf der Suche nach dem besonderen Kick bei Tempo 80 Ausblick auf den Arkansas River und Einblick in die 320 Meter tiefe Felsenschlucht namens Royal Gorge ermöglicht.


Nein, das hier ist nicht wirklich Colorado, diese Show ist so authentisch wie die verkleideten Soldaten am nachgebauten Checkpoint-Charlie-Wachposten in der Berliner Friedrichstraße und die endlosen – zu zweifelhaften Souvenirs entwickelten DDR-Grenzsoldatenmützen, die fast fabrikneu aussehen, weil sie selbiges wohl auch sind. Das hier ist nur ein mit allem Kitsch und Tand aufgerüschtes Abziehbild für Besucher, die offensichtlich nur wenig Zeit haben und meinen, hier ein Wild-West-Konzentrat vorzufinden.

Es ist ja nicht so, dass der „höchstgelegene Staat der USA“ (doch, doch, auf Superlative wird hier schon Wert gelegt) ansonsten nichts Sehenswertes mehr zu bieten hätte. Verdrehen wir mal die ganze Angelegenheit ins Gegenteil und behaupten schwärmerisch: Man muss Colorado mit seinen fast 270.000 Quadratkilometern (Deutschland misst etwa 360.000 Quadratkilometer) gar nicht verlassen, um seinen Hunger auf Canyons und Cowboys zu stillen.

Die Prärie – so platt wie ein Ostfriesenwitz

Zum Umherreisen ist der in rechteckig verlaufende Grenzen gepackte Staat, dessen Hauptstadt Denver bereits 1600 Meter hoch liegt, geradezu prädestiniert. Vorausgesetzt, man mag rustikale Natur im Allgemeinen und sehr hohe Berge im Besonderen. Denn davon gibt es westlich von Denver reichlich. Östlich der „Mile-High City“ allerdings ist die Prärie so platt wie ein Ostfriesenwitz – man kann sich die Bisonherden dennoch gut vorstellen, die hier noch vor nicht allzu langer Zeit grasten, bevor sie abgeschlachtet wurden. Aber das ist eine andere Geschichte (von der man sich ja im Colorado History Museum in Denver ein Bild machen kann).

Ein bisschen fühlen wir uns auch als Cowboys, allerdings als die „good guys“. Jeden Abend fallen wir wie eine Gang in einem anderen Ort ein und schütteln den Staub von Jeans und Lederstiefeln, der bereits von den großartigen Erlebnissen des Tages erzählt. Nach einem üppigen Steak und einer guten Nachtruhe nehmen wir am nächsten Morgen dann wieder Platz in den Sätteln. In den Sätteln unserer kultigen Harleys.


Electra Glide, Lowrider, Road King und Fat Boy sind die PS-starken Modelle, die uns durch den Wilden Westen Colorados führen, an urigen Bikertreffs wie „Kermitts“, „The Moose Jaw“, „Woody Creek Tavern“ oder „141 Saloon“ halten lassen, vor denen wir die Maschinen abstellen wie „unsere“ Vorfahren ihre Pferde.


„Bikes, Beers & Babes“ ist so ein Motto, das man im Harley-Shop als gepresstes Aluschild erwerben kann, um es in die heimische Garage zu hängen. Auf den Bikes bewegen wir uns tatsächlich den ganzen Tag, ein leichtes amerikanisches „beer“ kippen wir auch mal am späten Nachmittag, ausnahmslos serviert von, nun ja, wie könnte es anders sein, einem „babe“, das mit ach so harten Kerlen wie uns umzugehen weiß.

Warme Nachos für matte Machos

In Kneipen wie dem „Kermitts“ sind Wände und Decken vollständig mit Dollarnoten tapeziert. Im „141 Saloon“ blicken Hirschköpfe aus Kunstfell von den Wänden auf die durstige Kundschaft, die etwas prollige, aber zuvorkommende Bedienung serviert zum Bier noch ein paar erwärmte Nachos für die ermatteten Machos.

Die Bikes rollen tadellos, sie scheinen wie gemacht für die einsamen, eindringlichen Straßen mit den gelben Mittellinien, deren Kurvenradien so viel größer, ausladender, ja bequemer sind als etwa in den Alpen. Jeden Morgen das gleiche Ritual: Nach dem Frühstück landen die Reisetaschen im Begleitfahrzeug, und dann gibt es ein kurzes Briefing, Günter, der Tourguide, verteilt Farbkopien eines Landkartenausschnitts, auf dem die ausgekundschaftete Route eingezeichnet ist. Um die 200 bis 250 Meilen (320 bis 400 Kilometer) knattern wir täglich, mal langsamer, mal schneller – manch einem hier und da zu langsam, dem anderen womöglich zu schnell. So ist das Fortbewegen in der Gruppe. Das erging den Pionieren auf ihren Pferden auch nicht anders.

Was an Colorado verblüfft, ist nicht nur die landschaftliche Schönheit. Es ist der stete Wechsel von Geländeformen und Gesteinsfarben, von Höhen und Weiten. Eben noch in einem engen Tal, das entlang eines Flussbettes üppig grün und kühl erscheint, dann mit ein paar flott durchfahrenen Serpentinen in die Höhe geschraubt, in der die Luft dünner und noch frischer wird, und schon auf einmal in einer wüstenartigen Ebene mit rotgelben Sandhügeln, sengender Hitze und endloser Weite.

Grandiose Landschaften und kaum was los

Noch verblüffender sind die hohe Anzahl der Naturschönheiten und die geringe Schar derer, die sich an ihr erfreut. Das Colorado National Monument bei Grand Junction, ganz im Westen des Staates, ist ein Musterbeispiel für dieses angenehme Missverhältnis: In dieser grandiosen Fels- und Schluchtenlandschaft, die getrost als kleiner Bruder des Grand Canyon durchgeht, gibt es auch einen Campingplatz. Das heißt ein ausgewiesenes Gebiet zwischen Felsen und Büschen, in dem man sein Zelt aufschlagen darf, einen fest installierten Grill und in Laufweite Trinkwasser und Toilettenhäuschen vorfindet. Selbst an einem Feiertagswochenende in der Hochsaison, so erzählen Einheimische begeistert, ist der Campingplatz zu maximal 60 Prozent belegt. Man kann sich ausmalen, wie leer das gute Dutzend Wanderwege jederzeit ist – und die Vorstellung, dass man hier sogar wild campen darf, lässt Naturfreundeherzen höherschlagen.

Und dabei sind die Einwohner und wohl auch Besucher Colorados recht unternehmungslustige Freizeitgenießer. Auf den Flüssen wie dem Colorado (der weiter westlich den Grand Canyon durchströmt) oder Dolores River, dem Gunnison oder Uncompahgre River sehen wir Rafter (zum Teil mit Hund und Baby an Bord) und Kajakfahrer, an den Ufern stehen Angler und hoffen auf ihr Glück. Mountainbiker und Wanderer durchpflügen die Trails in den Bergen, auf wunderschön gelegenen Golfplätzen wird Jagd auf Birdies gemacht, und am Himmel nimmt der eine oder andere, dem das Irdische wohl zu eng geworden ist, Flugunterricht.

Und wir, wir knattern, sprotzen und blubbern auf unseren 1600-Kubikzentimeter-Harleys durch „Colorful Colorado“ – und können uns nicht sattsehen an dem, was sich hier in XXL-Cinemascope-Format permanent vor unseren Augen abspielt.