Honda hat eines, Ducati ebenfalls, BMW natürlich auch und sogar Zweirad-Winzling Moto Guzzi nennt eines sein Eigen. Nur Harley-Davidson, mit 105 Jahren bei weitem ältester Motorradhersteller der Welt, hat keines.
Gehabt – muss es ab sofort heißen. Denn Mitte Juli eröffnete der augenscheinlich weltgrößte Hersteller schwerer Motorräder nun endlich sein Werksmuseum. 75 Millionen Dollar und eine jahrelange Vorbereitungsarbeit waren nötig, um 170 Motorräder und tausende Dokumente, Plakate, Ausrüstungsgegenstände und persönliche Erinnerungsstücke dekorativ in neu errichteten Hallen zu platzieren.
Firmenpatriarch Willie G. Davidson: "Es geht uns nicht alleine um die Produkte, die in nunmehr 105 Jahren hier in Milwaukee entstanden sind. Es geht uns auch darum, das Lebensgefühl zu dokumentieren, das Harley-Fahrer in der ganzen Welt verbindet.“
Das Museum passt sich dem amerikanischen Grundgedanken vom "Schöner-besser-größer“ an. Doch nicht alleine die Geländefläche von fast 81.000 Quadratmetern ist beeindruckend, auch ihre Gestaltung besticht.
Auf dem nahe dem Stadtzentrum von Milwaukee (eine Metropole am Michigansee) gelegenen Areal erhebt sich ein in drei Blocks gegliederter zweistöckiger Museumsbau aus Stahl, Ziegeln und Glas. Drumherum befinden sich mehrere Gebäude, die Archive (unter anderem für weitere 370 Motorräder!), Spezialflächen für Zusatzausstellungen, ein Restaurant, ein Café und eine Event-Fläche enthalten; hier werden Veranstaltungen für bis zu 1000 Personen möglich.
Alles begann mit der "Serial Number One"
Selbstverständlich beginnt die Darstellung der 105-jährigen Firmengeschichte mit der berühmten "Serial One“, die 1903 in einer barackenähnlichen Garage in Milwaukee von drei Davidson-Brüdern und William Harley erbaut worden ist. Wie eine Ikone thront sie in einem Glaskasten, kann von allen Seiten betrachtet werden. Allerdings wohl kaum in Ruhe, denn der Andrang auf das Museum dürfte beträchtlich werden; 800 Besucher pro Tag gelten als Untergrenze der Erwartungen.
Die ideenreich gestalteten Ausstellungsflächen erstrecken sich auf zwei Stockwerken, die Exponate sind teils chronologisch, teils nach Themenschwerpunkten gegliedert. So gibt es einen Raum, in dem sämtliche je gebauten Motorentypen zu finden sind. Auf Knopfdruck entwickeln sie ihren jeweils individuellen Sound, bestimmt ein Hochgenuss für viele Fans der Marke. In einem anderen Raum sind die sportlichen Aspekte der US-Traditionsmarke dargestellt, die schon 1916 zu Bahnrennen angetreten ist. Ein weiterer Raum präsentiert eindrucksvolle Beispiele aus dem Willie G. Davidson-Entwicklungszentrum, in dem mittlerweile alleine über 500 Ingenieure arbeiten.
Eine E-Glide mit mehr als 200 Lampen
Kein Wunder ist natürlich, dass eine ganze Reihe extrem veränderter Harleys den Weg ins Museum gefunden hat. Während "Captain America“ aus dem Mythen bildenden Peter-Fonda-Film "Easy Rider“ allgemein bekannt ist, kann man das von "King Kong“ oder "The Rhinestone Harley“ nicht sagen. Beide sind von Privatleuten in jahrelanger, besessener Arbeit aufgebaute Einzelstücke. Mit "King Kong“ baute der Amerikaner Felix Predko ab 1948 das längste Motorrad der Welt; es besitzt zwei Motoren, zwei Tanks und zwei Lenker, alles in einen einzigen Rahmen integriert. "The Rhinestone Harley“ war von Russ Townsend aus Northampton, Pennsylvania in einer Rehabilitationsphase nach einer schweren Krankheit umgestaltet worden. Russ verzierte die 1200er Electra Glide mit gläsernen Edelstein-Imitationen; er investierte mehr als 3000 Dollar in die oftmals winzigen Glassteinchen und verschönerte die E-Glide zusätzlich mit mehr als 200 Lampen.
Wie Serial Number One, so hat auch die 1981 entstandene Heritage Edition FLH 80 einen Ehrenplatz erhalten. Sie ist die erste Maschine, die gebaut worden ist, nachdem Harley-Davidson aus dem AMF-Konzern ausgegliedert und für 80 Millionen Dollar wieder zum Privatunternehmen geworden ist. Bekanntlich zu einem äußerst erfolgreichen: Der Börsenwert der Motor Company ist in den letzten 27 Jahren ums etwa 170-fache gewachsen.
Fans können ein "Rivet" erstehen
Ideenreich beim Geldmachen ist man bei Harley-Davidson selbstverständlich auch heute noch. Als kleines Beispiel sei nur auf die "Rivets“ genannten Metalldeckelchen hingewiesen, mit denen Harley-Fans ihre Zuneigung zur Marke demonstrieren können. Für 250 Dollar kann man im Internet ein Rivet mit 7,5 Zentimeter Durchmesser kaufen, in das ein Text nach Wahl eingraviert wird. Diese Rivets werden am Museumsgelände auf einer stählernen Kommunikationswand montiert, die Platz für tausende solcher Deckel bietet. Die 15 Zentimeter-Rivets gibt’s für 1500 Dollar. Mehr als 400 von ihnen zieren bereits eine Plaza der Museums-Außenanlagen.
Wer glaubt, im Rahmen der 105 Jahres-Feier Ende August auch gleich das Museum "mitnehmen“ zu können, hat sich getäuscht. Zugang finden nur jene, die in einer Eintrittskarten-Verlosung Glück haben. So will man hunderttausendfacher Enttäuschung vorbeugen, denn für eine halbe Million Harley-Fans an einem einzigen Wochenende ist kein Platz im neuen Museum. Sooo groß ist es nun auch wieder nicht ...



