Le Freak c'est chic

Und plötzlich wollen alle Freaks sein

Einst am Rande der Gesellschaft, heute mittendrin – Exzentriker wollen Auffallen um jeden Preis, und das kommt an.

Wenn einer in Manhattan auffallen will, dann muss er sich etwas einfallen lassen. Eine übergroße Glitzerbrille tragen beispielsweise, den fülligen Bauch unter einer glänzenden Tunika verstecken. Und künstliche Wimpern tragen sowieso. Als den hübschesten Jungen aus New York bezeichnet sich Malik Sterling, besser bekannt als Malik so chic, selbst. „Ich gehe auf Partys, auf die du nie gehen wirst und kenne Leute, die du nie kennenlernen wirst“, schreibt er auf seinem Twitter-Profil.

Der Mann, der sein Alter so bedeckt hält wie sein Einkommen, ist „Socialite“. Ein Mensch, der davon lebt, auf angesagte Events eingeladen zu werden. Sein Talent: Die Unterhaltung bieten zu können. Es waren Clubbesitzer und Designer, die auf den Exzentriker aus Ohio aufmerksam wurden. Sie versprachen sich viel von ihm. Denn aus der Masse herauszustechen, ist in New York die wertvollste PR. Der Anwaltssohn wurde bereits auf der High-School von seinen Mitschülern zum „best dressed“ des Jahrgangs gewählt. „Sie gaben mir meinen Spitznamen“, sagt Malik so chic. Nicht jeder nannte ihn so, sondern rief ihn schlicht: „Hey Freak!“ Er selbst mag diesen Begriff nicht, fasst ihn gar als Beleidigung auf. Denn Freak, bedauert Malik so chic, wird mittlerweile fast jeder genannt.

Tatsächlich ist es in Mode gekommen, sich möglichst abgedreht zu geben. Talent, Charisma und Schönheit genügen in unserer reizüberfluteten Welt nicht mehr, um in Erinnerung zu bleiben. Das haben Schauspieler und Musiker erkannt. Es gilt mehr denn je, sich ein Markenzeichen zu erschaffen. Und das muss ausgeflippter sein, als alles je Dagewesene.

Lady Gaga macht es vor – andere wie Aura Dione, Kesha und die einstige Pop-Prinzessin Christina Aguilera wollen ihr gleichziehen. „Ich möchte, dass die Leute mich in einem magischen Licht wahrnehmen, als verrückten Freak“, sagte US-Sängerin Kesha. Doch auch abseits der Showbühnen gehört der Begriff zum festen Sprachgebrauch – und hat dabei seine negative Konnotation fast gänzlich verloren. Es schwingt letztlich eine Bewunderung für die Fähigkeit mit, anders zu sein.

Im 19. Jahrhundert war das anders. Da hatte das Wort noch seine ursprüngliche Bedeutung: Verrückter, Unnormaler, Krüppel. So genannte Freakshows zogen über Jahrmärkte, in denen Kleinwüchsige und bärtige Frauen regelrecht ausgestellt wurden. Seit den 60er-Jahren wurden gesellschaftliche Aussteiger und Anhänger einer alternativen Lebensweise als Freaks bezeichnet.

Heute, erklärt Soziologin Dr. Felicitas Dörr-Backes, sind Freaks längst keine destruktiven Störenfriede mehr, sondern kulturelle Helden und Avantgardisten. „Sie sind Motoren des Fortschritts“, schreibt sie in ihrem Buch „Exzentriker – Die Narren der Moderne“. Frank Zappa sah das ähnlich: „Ohne Abweichung von der Norm ist Fortschritt nicht möglich.“ Sein erstes Album hieß „Freak Out“. Und es klingt auch so: Sehr laut, sehr vulgär, frei von aller Flower-Power-Harmonie der 60er-Jahre. Zappa schrieb Titel wie „I promise not to come into your mouth“ – und nicht, wie bei den Beatles, „Love me do“. Er selbst sah sich nicht als Exzentriker. Im Gegenteil. Die vermeintliche Avantgarde und gesellschaftliche Gegenbewegung der Hippie-Kultur waren für ihn Mainstream. Der Sänger wollte immer außerhalb des Zeitgeistes stehen. Gern zitierte er deshalb Schauspieler Groucho Marx: „Ich weigere mich, einem Club beizutreten, der jemanden wie mich aufnehmen würde.“ Und damit verkörpert er den ursprünglichen Freak-Gedanken: Bloß anders sein. Oder wie Jarvis Cocker es auf dem Covertext des Pulp-Albums „Different Clan“ schreibt: „We dont't want any trouble, we just want to be different.“ Trotzdem – es würde ihnen nicht gefallen – prägten sie den Geist seiner Zeit mit, waren ihrer sogar weit voraus.

Malik so chic ist das sicher nicht. Sein Styling ist außergewöhnlich, sein Auftritt künstlerisch perfekt. Er verhält sich anders, weil es sein Beruf ist. Nicht seine Berufung. Er hat, wie viele mehr, den Trend zum Schrägen erkannt. Und vermarktet das. Das Freaksein wird so zur Corporate Identity. Fernsehshows wie „Das Model und der Freak“ auf ProSieben zeugen davon. Tocotronic begrüßt sein Publikum mit dem Song „Hi Freaks“. Und in seinem Roman „Freaks“ feiert Joey Goebel die Freiheit der Maniker, pubertären Satanisten und sexbesessenen Rentnerinnen. Seine Geschichte über die Freundschaft zwischen Außenseitern der Gesellschaft wurde zum Erfolg.

Genau solche werden in Berlin von der Agentur Autseider vermittelt. Es sind Models der anderen Art: Punks, skurrile Typen, Exzentriker. Eine Anfrage kann hier schon mal so aussehen: Bordellbetreiberin gesucht, 150 bis 200 Kilo schwer, Asiatin, für ein Musikvideo des britischen Sängers Tox. Freakiges Styling gibt es sogar für normal Aussehende zu kaufen. Die Nerd-Brillen, von Superman Alter Ego bekannt, erleben eine Renaissance, genauso wie Hochwasserhosen und Pottschnitt.

Es ist gerade angesagt, möglichst schräg zu sein. Doch das wird immer schwerer. Soziologin Dörr-Backes prognostiziert deshalb eine völlig neue Form der Exzentrik: „Das wirklich Exzentrische besteht bald darin, total normal zu sein.“ Malik so chic wird dann vergessen sein – oder extrem normal.