Rock 'n' Popmuseum

Ein bisschen Woodstock in Westfalen

In Gronau, der Heimat von Udo Lindenberg, steht Europas einziges Rock 'n' Popmuseum. Doch es geht nicht nur um ausgestellte Memorabiliien wie in jedem gut sortierten Hard Rock Café. Die Jugend von heute muss sich auch durch den Stoff der Geschichte hören.

Udo Lindenberg war nicht immer nett zu seiner Heimatstadt. "Das Beste an Gronau", schrieb der gebürtige Gronauer in seiner Autobiografie, "ist die Ochtuper Straße, denn sie führt aus dem Kaff heraus." Offenbar aber sind die Gronauer nicht nachtragend und haben dem berühmtesten Bürger ihrer Stadt trotzdem einen Udo-Lindenberg-Platz gewidmet. Mitten im Stadtzentrum. Und darauf thront das Rock 'n' Popmuseum.

Nach gründlicher Sanierung wurde die ehemalige Textilfabrik zum Museum umfunktioniert und im Juli 2004 eröffnet. Scherenschnittartige Bilder berühmter Popstars und unvergessener Rocklegenden schmücken die Glasfassade des Museums: Elvis mit Tolle, die Beatles auf der Abbey Road, Joe Strummer von The Clash beim Zertrümmern einer Gitarre und natürlich Udo - mit Kippe und Hut.

Beim Betreten des ersten Raumes allerdings fühlt sich die Schulklasse, die heute zu Gast ist, als wäre sie im falschen Museum. Er ist plüschig eingerichtet und mit Piano, Cello und Geige ausgestattet. Aus einem unsichtbaren Lautsprecher perlt sentimentale Klaviermusik. "Da müssen die Kids durch", sagt Sabine Deupmann, zuständig für Projektentwicklung und Kommunikation. An die langen Gesichter hat sie sich inzwischen gewöhnt. Es gibt Aufklärungsbedarf.

Hörgewohnheiten verändern sich

Ohne Hausmusik gebe es heute weder Rock noch Pop, weder Herbert Grönemeyer noch Eminem, lernen die Kinder. "Erst mit dem serienmäßigen Notendruck begann die Entwicklung der Popmusik", erklärt Deupmann. Das schwülstige Salonstück "Gebet einer Jungfrau" von Thekla Badarzewska, das unverändert seicht durch den Raum klingt, war Ende des 19. Jahrhunderts trotz oder gerade wegen seiner musikalischen Dürftigkeit extrem populär. Hörgewohnheiten verändern sich also, lernen die anwesenden Kinder.

Der nächste Saal liegt in gedämpftem Licht. Die passende Beleuchtung für eine Zeitreise. Und die beginnt direkt neben dem Eingang mit der erstklassig dokumentierten "Black Music" und endet mit elektronischem Sound an der Stirnseite des Raumes. Ein Ehepaar in den besten Jahren zieht gerade eine große Schublade auf, aus der die kratzige Stimme Louis Armstrongs ertönt. Ein paar Meter weiter tanzen einige Kinder zu den Scorpions, während andere eine Sammlung antiquierter Volksempfänger und alter Musikboxen sowie moderne Musikanlagen bestaunen.

In gläsernen Schaukästen ruhen Instrumente und andere Memorabilia großer Stars. Die Handschuhe von Marlene Dietrich gehören dazu. Und die Haschisch-Dose von John Lennon. Bill Wyman, Mitglied der Rolling Stones, war auch schon hier, fand das Museum "fantastic" und hinterließ seinen Bass als Souvenir. Der nimmt nun einen Ehrenplatz unter den vielen Exponaten ein. Große Beachtung finden auch ein bonbonfarbener Blouson von Jimi Hendrix sowie das Bühnenkostüm von Rammstein.

Die Popsongs des Heinz Rühmann

Die Schulklasse hat sich inzwischen vor einem Monitor versammelt, auf dem ein wild gestikulierender Adolf Hitler zu sehen ist. Auf Knopfdruck ertönt die Stimme des Diktators, der eine Rede an sein Volk hält. Gelegentlich unterbrochen von Heinz Rühmann, der fröhlich trällert: "Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt." "Auch das war in der Kriegszeit ein Popsong", sagt der Lehrer und erklärt, wie mittels Rundfunk und Schallplatte seinerzeit Millionen Menschen manipuliert wurden.

Hinten im Saal verfolgen die Jugendlichen auf einem riesigen Bildschirm Ausschnitte aus dem legendären Woodstock Festival von 1969, gefolgt von Elvis Presleys hüftschwingendem Auftritt und einem ohrenbetäubenden Konzert der Rolling Stones. Gleich nebenan ist das größte Exponat der Ausstellung zu bestaunen - die Bühnendekoration der Scorpions: ein riesiger Skorpion aus Stahl.

Vier mal vier Meter misst er und sollte als Dekoration für die US-Tour der Band dienen. Kurz vor Tourneestart entschied die Band jedoch, dass der Transport zu teuer sei, und stiftete den Riesenskorpion ohne Umwege direkt dem Museum.

Weiter geht es in den Soundtunnel. Das ist ein schwarz gestrichener Raum, der nichts für Leute mit empfindlichen Ohren ist. Die Beschallung schwillt hier drinnen bis zur Schmerzgrenze an. Manche Besucher haben schon Ohropax gefordert, den Kindern dagegen kann es nicht laut genug sein.

Die nächste Ausstellung dreht sich ums Can-Studio

Im Obergeschoss des Museums finden wechselnde Ausstellungen statt. Ein Publikumsmagnet war im letzten Sommer die Hommage auf Udo Lindenberg mit dem Titel "Alles klar ... das Phänomen Udo Lindenberg". Die nächste Ausstellung beginnt am 9. November und heißt "Can-Studio - ein Ort der Magie und Inspiration".

Die Kölner Band Can gilt als eine der innovativsten und einflussreichsten Krautrock- beziehungsweise Psychedelic-Rock-Bands. Anfangs probte sie im Speisesaal von Schloss Nörvenich. Ab 1971 verwirklichte sie dann die Idee vom "idealen Studio" in einem ehemaligen Kino in Weilerswist bei Köln. 1500 Bundeswehrmatratzen gewährleisteten den ruhigen Schlaf der Nachbarn. Mit einer Hammondorgel, Sofas und einer privaten Ecke für jeden Musiker inmitten seiner Instrumente setzte das "Inner Space Studio" Standards für Proben und Tonaufnahmen.

Das Wichtigste: Die Trennscheibe zwischen Tontechniker und Band fehlte. Der Techniker konnte damit heimlich die Proben mitschneiden und so die für Can so typische Spontaneität aufs Magnetband bannen. Zahlreiche Künstler haben in Weilerswist ihre Platten aufgenommen, darunter Marius Müller-Westernhagen, Joachim Witt, Stefan Remmler oder Fury in the Slaughterhouse. Nun wird das voll funktionstüchtige Studio im Rock 'n' Popmuseum wieder aufgebaut. Und es soll so lebensecht wirken, als wären die Musiker nur mal kurz eine Zigarette rauchen gegangen, verspricht Sabine Deupmann.