Als Diät-Destination können wir leider weder die Wachau noch das Weinviertel empfehlen. Zu groß sind die Verlockungen, die hier in jedem Gasthaus lauern: Marillen-Pofesen, Schnitzel vom Weinviertler Strohschwein, Veltliner-Risotto - man könnte natürlich tapfer Nein sagen, aber wer weiß, wann man wiederkommt. Nach halben Portionen brauchen Sie hier erst gar nicht zu fragen, denn kein Wirt glaubt, dass man davon satt werden kann, und außerdem: Sie sind in Österreich!

Es ist Kellergassenfest im Weinviertel, genauer in Haugsdorf, dort wo sich in der "Kellergassen" Keller an Keller reiht, langsam der Abend kommt und mit ihm das Fachsimpeln über den Wein, das Hoffen der Winzer auf baldigen Regen. Und das Warten auf eine der beliebten Lesungen, dieses Mal von Peter Turrini ("Rozznjogd", "Alpensaga"), einem der besten Dramatiker Österreichs. Bei gutem Wein.

Mehr als 800 Weinfeste

In Niederösterreich gibt es immer einen Grund zum Feiern. Es gibt mehr als 800 große und kleine Weinfeste, vor, während und nach der Weinlese. Das Weinviertel wirkt wie eine heile, in jedem Fall auf spröde Weise ehrliche Welt, dort oben, nordwestlich von Wien: Bis zum Ende des Eisernen Vorhangs war dort das Ende der Welt. Sagen die Einheimischen. Zonenrandgebiet würde ein deutscher Reisender sagen. Eine schöne, leicht langweilige Landschaft mit sanften Hügeln, Feldern und Weinbergen. Hier ist wirtschaftlich wenig los. Derzeit wird eine Autobahn gebaut, die Wien mit Brünn verbinden wird - und mehr Touristen anlocken soll.

Nach Niederösterreich fährt der Wiener eigentlich nur, wenn er seinen Wein von seinem Lieblingswinzer holt oder wenn er am Sonntag einfach mal heraus will aus der Stadt, ins verlässliche Grüne. Um sich mit Spezialitäten wie Jausentellern oder Kaiserschmarrn die Zeit zu vertreiben.

Das klingt kulinarisch spontan nicht wirklich aufregend; zum guten Wein braucht es allerdings auch nicht viel mehr, solange die Qualität der Produkte so gut ist wie im Weinviertel.

Denn wir befinden uns auf dem Lande, wo man noch darauf vertrauen darf, dass die Bauern Tiere respektvoll halten. In diesem Landstrich sind Wirte noch Menschen, die sich freuen, wenn andere Menschen hungrig und erwartungsvoll die Speisenkarte studieren, und der Mann in der Gaststube fühlt sich durch die Anwesenheit anderer Personen nicht seiner persönlichen Freiheit beraubt.

Liptauer, natürlich aus einem Geheimrezept

Nehmen wir Gebratenes, vielleicht eine "Blunz'n" (Blutwurst)? Oder doch lieber Fisch oder den Schafskäse oder den "Liptauer", einen der Klassiker der kalten österreichischen Küche? Der Liptauer ist ein pikanter Quarkaufstrich, bei dem jede österreichische Hausfrau, die auf sich hält, natürlich im Besitz eines Geheimrezeptes ist, im Idealfall natürlich von der Urgroßmutter väterlicherseits, die aus Ungarn oder Tschechien stammte. Wie viele Kapern hineinmüssen, kann zur Glaubensfrage ausarten (vielleicht lassen deshalb manche Köchinnen die Kapern dann gleich ganz weg).

Zauberhaft zum Einkehren, weil ohne Schnickschnack, dafür romantisch, ist zum Beispiel der "Retzbacher Hof" in Unterretzbach, hier wachsen die Kräuter gleich nebenan im Garten, und es gibt so wunderbare, beinahe vergessen geglaubte Gerichte wie Erdäpfelgulasch.

Dieses Gulasch aus Kartoffeln ist sozusagen der ärmere Verwandte des Rindergulaschs. Auf der Karte steht auch das Schnitzel vom Weinviertler Strohschwein. Die Tiere werden hier nicht lieblos mit Dutzenden Artgenossen gehalten, sie liegen weich auf Stroh, daher der Name.

Noch etwas liegt hier, wenn man mit dem Auto oder dem Fahrrad die Gegend erkundet, herum, zu Abertausenden: Aus den Kürbissen macht man im "Retzbacher Hof" herrlichen Salat oder eine Suppe. Und die Semmelknödel sind in Unterretzbach kein in Plastik eingeschweißtes Nahrungsmittel eines multinationalen Konzerns, sondern - Ehrensache des Küchenchefs - hausgemacht. Das es so etwas noch gibt!

Weinbäder mit Traubenkernöl

Im "Hotel Veltlin" in Poysdorf wiederum erlebt man das "arme" Weinviertel von seiner Luxusseite, es gibt einen 18-Loch-Golfplatz, die Hoteliers offerieren Weinbäder mit Traubenkernöl, Weinblütentee, und auf der Speisenkarte stehen Gerichte wie Veltliner-Risotto. Zum Dessert beschwichtigt dann geeister Veltlinersekt das schlechte Gewissen wegen der vielen Kalorien, denen der Reisende hier vielfach völlig hilflos ausgeliefert ist.

Er unternimmt, wenn er ehrlich ist, aber auch nur wenig gegen Verlockungen wie Apfelstrudel oder Marillen-Pofesen, die "armen Ritter" der österreichisch-ungarischen Monarchie: zwei Weißbrotschnitten, gefüllt mit Marillenmarmelade (Aprikose), zusammengeklappt, paniert und in Fett gebraten. Mit erstklassigen Zutaten gemacht, sind sie ein Dessert-Traum.

An manchen Orten des Veltliner-Ursprungsgebietes gibt es so viele Wein- und Kulturangebote, dass dem Reisenden schon schwindelig werden kann, bevor er das erste Glas getrunken hat.

Vor der Weinlese heben die Winzer, seit je wetter- und gottesfürchtig, jeden Morgen erwartungsvoll den Blick gen Himmel: Wird es hoffentlich noch regnen, bevor die mühevolle Ernte beginnt? In diesem Jahr wird sie so früh wie schon seit Jahren nicht beginnen, aber es fehlt den Trauben, die später dann als Grüner Veltliner oder Riesling in der Flasche sein werden, noch an der Kraft der Sonne und der Süße.

Wo der Winzer lieber auf Weinbauer hört

Auch in der Region nebenan, der aus den Wein-, Dirndl- und flirtseligen Nachkriegsfilmen hierzulande viel berühmteren Wachau, die zum Welterbe der Unesco gehört, haben die Winzer so ihre Sorgen mit dem Wetter. Die Angst, dass es zu viel oder zu wenig regnen könnte - sie ist so alt wie der Wein und kümmert den Trinker natürlich nicht, lässt den Winzer (in der Wachau nennt er sich lieber Weinbauer, weil man das im 18. Jahrhundert so gemacht hat und es elegant klingt) hingegen bangen und weinen.

Oft ist es ein kleines Tal, wir sind ja noch nicht in den Alpen, sondern in den sanften Bergen an der Donau, dem der Hagel die Trauben und damit die Hoffnungen und Einnahmen vernichtet. Dann blieb früher wenig bis gar nichts zum Leben, heute sind viele Winzer hier Nebenerwerbsweingärtner, die ihre Weingärten aus Liebe zu den Trauben und aus Verantwortung der Natur gegenüber betreiben. Und wenn ein wenig Geld damit hereinkommt, ist es auch nicht verkehrt.

Hoch oben über den Reben thront, von weithin sichtbar, das im Jahr 1083 gegründete Benediktinerstift Göttweig. Ist der Himmel postkartenblau, seufzt der Tourist selig: Ja, hier ist Österreich genau so, wie man es sich als Reisender vorstellt. Und hat man Glück, und Pater Justus Reichl bittet zur Führung, öffnet er den schönsten Balkon und lässt die Besucher ins Land blicken, weit ins Land.

"Das ist mein Lieblingsplatz im Kloster, dieser Balkon ist für mich die Verbindung zwischen Himmel und Erde", sagt er, und dann fehlt zur Touristenglückseligkeit eigentlich nur noch eine anständige Jause (eigentlich für Wanderer erfunden, aber auch Bustouristen und Autoreisende haben ein anstrengendes Leben).

Ein Gutteil des Messweins hier im Stift Göttweig und in den meisten anderen österreichischen Kirchen ist Grüner Veltliner. Er ist sozusagen der Paradewein Österreichs, die am weitesten verbreitete Traube, 36 Prozent der Weingesamtanbaufläche des Landes gehören ihm, und gut 30 Prozent der Produktion werden exportiert.

König der Veltliner

Im Idealfall bezaubert er durch frische Säure, den Geschmack Pfirsich, einen Hauch Pfeffer und was der Genießer sonst noch schmecken mag - von Mango bis Grapefruit. Heute gibt es international ausgezeichnete Spitzen-Veltliner, besonders die US-Amerikaner lieben diesen "Austrian Wine", den Genießer in die drei Qualitäten "Steinfeder", "Federspiel" und "Smaragd" (sozusagen der "König der Veltliner") unterteilen.

Das Prädikat "DAC-Weine" (Districtus Austriae Controllatus") dürfen seit 2002 nur jene auf ihre Flasche schreiben, die sich nach dem Konzept zu Ehrlichkeit und - weil man die immer besser überprüft - strengen Kontrollen verpflichtet haben. DAC soll regionaltypische Herkunftsweine aus Österreich klassifizieren.

Mit Wein und Ehrlichkeit haben die österreichischen Winzer leidvolle Erfahrungen gemacht: 1985 erschütterte der sogenannte Weinskandal die Winzerwelt, damals hatten Produzenten dem Traubensaft das Frostschutzmittel Diethylenglykol ("Glykol") in großen Mengen beigemischt, um den Wein zu süßen und sein Aroma zu verbessern. Einige Ösi-Winzer landeten im Gefängnis, die anderen dachten lange nach, und heute hat die Alpenrepublik eines der strengsten Weingesetze der Welt.

Und wenn, wie in der Wachau, ein Lokalpolitiker den Kosenamen "Restzucker-Toni" trägt, ist das keinesfalls Herablassung, sondern ein Zeichen der Anerkennung, denn dieser Mann hat sich unermüdlich für die Wiedererlangung der Weinqualität in Österreich engagiert.

Mehr über Weinfeste und Spezialitäten:
www.wachau.at
www.weinviertel.at

Buchtipp : Darum nerven Österreicher , von Walter Lendl
(Eichborn, 176 Seiten, ISBN 3821849622, Preis 12,95 Euro).