Kapitel 1 : Sie interessieren sich für Wien? Woran denken Sie? An Mozart, an Walzer, an die blaue Donau? An Lipizzaner, Operetten und Schönbrunn? Nun, als ich vor zwanzig Jahren am Westbahnhof eintraf – ich befand mich auf der Suche nach einem neuen Wohnsitz –, vermutete ich zwar auf der Stelle, dass ich hier bleiben könnte, aber von Wien selbst wusste ich eigentlich nichts. Ich kannte ein paar wenige Begriffe: „Burgtheater“ zum Beispiel und „Sachertorte“. Aber mir war noch nicht einmal die Existenz eines Stephansdoms bekannt.
Ich fand ihn und den Stephansplatz, den Graben, die Kärntner Straße und den Stock im Eisen erst am vierten Tag, weil ich es nicht für nötig erachtet hatte, einen Stadtplan zu erwerben. Stattdessen verschlug es mich am ersten Abend und während aller Nächte danach in eine Kneipe namens „Santo Spirito“. Für mich war das damals der aufregendste Ort.
Es handelte sich um ein Lokal, dessen Wirt Philosoph war und der sich brüstete, mal ein paar Wochen in Stammheim eingebuchtet gewesen zu sein. Vom Beginn des Abends bis in die Morgenstunden hinein legte er ausschließlich klassische Musik auf, Mozartopern vor allem und natürlich das Requiem. Es gab hochfliegende Gespräche, Balztänze, ruppige Streitereien; und Volltrunkene, die emphatisch die Philharmoniker dirigierten samt Karajan.
Dieser winzig kleine Ausschnitt aus dem Leben einer Stadt, die dabei war, ihre Zukunft zu entdecken, aber die Vergangenheit trotzdem nicht lassen mochte, war für einen wie mich der bestmögliche Beginn.
Und so, wie der Verliebte jede Kleinigkeit am Körper und in der Seele der Geliebten kennenlernen will, so wollte auch ich dieses Wien bis in all seine kleinsten Verästelungen hinein begreifen und gab keine Ruhe, bis ich nicht jeden einzelnen der 23 Stadtbezirke und deren exotischere Örtlichkeiten – das Schloss Neugebäude etwa, das Elektropathologische Museum und natürlich den Friedhof der Namenlosen – aufgesucht und besichtigt hatte.
Ich entdeckte Gegenden, die schwefeligen Ostblockmief atmeten, und Gebiete, die schon zum Balkan zu gehören schienen. Ich traf auf Gesellschaften, die imperiales K.-u.-k.-Gehabe verewigten, und auf Gruppen, die noch immer an der nationalsozialistischen Vergangenheit des Landes litten. Ich fand Grantler, Sonderlinge, Szenetypen und glaubte, über allem einen besonderen, ganz eigenen, wienerischen Hauch wahrzunehmen, der sich am ehesten mit einer ausgeprägten Musikalität der Menschen und ihrer Sprache begründen lässt.
Ja, eine einzige große Begeisterung, ein Rausch waren diese ersten sechs, sieben Jahre.
Kapitel 2 : Das „Santo Spirito“ gibt es in dieser Form schon lange nicht mehr, und es hat sich viel verändert seither. Wir Fremden merkten es zuerst. Länger brauchten die Wiener, bis sie feststellten, dass ihre Stadt die Klischees vom Makaberen und Morbiden nur noch widerwillig erfüllte. Aber es war eine spannende Epoche. Wien erwachte, um sich zu einer modernen Metropole zu entwickeln.
Die sichtbarsten Zeichen sind jene der Architektur. Aus denkmalpflegerischen Gründen finden sie sich weniger in der Innenstadt als an der Peripherie. Die Hochhauskomplexe in Transdanubien, der schlanke, elegante Millenniumtower vis-à-vis; die beiden Glastürme auf dem Wienerberg und die Gasometer, diese vier gewaltigen Backsteinkessel, die in eine moderne Wohnanlage verwandelt wurden. Dann das erzverhasste Fernwärmewerk Spittelau, das Hundertwasser behübschte und welches als Metapher steht für das uralte Menschenverlangen, aus Dreck Gold zu machen.
Vor allem – und das ist das Wichtigste – hat Wien das Wasser entdeckt. Entgegen landläufiger Meinungen liegt die Stadt nicht an der Donau, sondern ist von ihr weg gebaut. Wien ist versteinertes Zeichen einer uralten Angst vor Überflutung. Die zweite große Donauregulierung, die mit der Aufschüttung der über zwanzig Kilometer langen Donauinsel einherging, hat zu einem grundlegend neuen Verständnis geführt. Inzwischen lieben die Wiener ihre Donau und wollen die warmen Jahreszeiten nur noch an ihren Ufern verbringen und auf der Vergnügungsmeile, die der Volksmund „Copa Cagrana“ nennt.
Aber nicht nur die Stadt veränderte sich, sondern auch meine Wahrnehmung, mein Gefühl. Ich entdeckte das Sumpfhafte, und sah, wie viele in meiner Umgebung trotz der hellen Farben und des Lichts, das jetzt das Stadtbild prägte, in der Seele düster blieben und das Verzweifeln mit Boshaftigkeiten tarnten. Wie gemein ist der viel gepriesene Wiener Schmäh im Kern! Wie konfliktscheu sind die Wiener, wie gnadenlos ziehen sie über jene her, die gerade abwesend sind!
Ich glaubte, dieses Wien verlassen zu müssen. Nur: Wohin hätt’ ich mich wenden wollen? Ich kannte prächtige Plätze, aber keiner schien mir eine Alternative darzustellen, weil nichts im gleichen Maße über das verfügte, was mir wichtig ist: diese Kaffeehauskultur zum Beispiel oder eine Innenstadt, die dem Menschen gehört und nicht dem Auto. Dann der Sprachwitz der Wiener, die Schnelligkeit im Denken. Jedenfalls glich mein Verhältnis zu Wien immer mehr einer Beziehung, die schwere Krisen durchläuft. Aber Wien war für mich zur Droge geworden. Das Verlangen nahm nicht ab, sondern zu, und ich merkte, dass Wien eine Stadt ist, die man eher lieben und hassen als verstehen und verlassen kann.
Kapitel 3 : Wieder waren sechs Jahre durch die Straßen gehuscht. Als ich mich allerdings in A. verschaute, sie heiratete und mit ihr Kinder bekam, wurde mir Wien zur echten Heimatstadt. A. ist Österreicherin, und wenn ich selber auch nie ein richtiger Wiener werde: Meine Kinder sind es, und durch sie wurde die Stadt für mich wie neu.
Vor allem begann sie zu schrumpfen. Hatte sie sich lange Zeit wie ein expandierendes Universum verhalten, wurde sie nun klein, überschaubar, zum Dorf. Das mag auf jene lähmend wirken, die den Rhythmus großer Metropolen brauchen. Mir wurde die Beschränkung auf das Wesentliche lieb.
Unser „Dorf“ ist ein Teil der Leopoldstadt im Zweiten Bezirk, da, wo einst das jüdische Ghetto lag, dessen historische Mauer nun unseren Garten begrenzt. Hier hat sich Wien besonders lange allen Neuerungen widersetzt. Es gibt noch die Seilerei, die Eisenhandlung, das altmodische Zuckerlgeschäft, und es gibt den koscheren Fleischhauer, den Altwarentandler, die Likörstube und die Spitzenklöpplerin.
Klein ist diese Welt, aber faszinierend und groß für einen, der die Genüsse des Lebens schätzt. Die Wiener Küche zum Beispiel! Was für ein weites Feld. Allein der schier endlose Rindfleischkosmos. Der berühmte Tafelspitz ist nur der leuchtendste Stern neben vielen anderen wie dem Kavalierspitz, dem Hüfel, Fotzmaul und Zapfen, der dicken Schulter, dem Beiried, dem Lungenbraten. Die Wiener Küche ist vielfältig und von unterschiedlichsten Einflüssen geprägt.
Wenn das Werk gelingt, und wir mit unseren Wiener Freunden tafeln, wenn wir essen, trinken, plaudern, lachen und lästern, dann verstehe ich, wieso ich in Wien geblieben bin. Die Wiener sind zwar nicht immer herzlich und charmant; aber sie können aus dem nichtigsten Anlass eine rauschende Feier machen.
Sie interessieren sich also für Wien? Dann rate ich Ihnen: Nehmen Sie viel Zeit mit für Ihren Besuch. Denn Zeit ist, sosehr die ersten Eindrücke blenden mögen, der eigentliche Schlüssel zu dieser Stadt, die nicht nur ein Ort ist, sondern vor allem ein Gefühl.




