Hamid tritt aufs Pedal. Die Tachonadel pendelt bei hundert Stundenkilometern. Der Motor faucht, die Federn rasseln, der Toyota schwankt - und droht aus der Bahn zu fliegen. "Wackelt wie auf einem Kamel, was?" fragt der schmächtige Mann in der weißen Dishdasha, dem für die arabische Halbinsel typischen Umhang, und drückt das Gaspedal zum Bodenblech durch.

Mal sanft geschwungen, mal wild und aufgewühlt durchziehen die goldroten Sandberge das Sultanat Oman. Wir rasen durch die Dünen und kommen auf einem besonders großen Exemplar zum Stehen. Zweihundert Meter mag es hinabgehen, die zerzausten Büsche unten sind nur schemenhaft zu erkennen. "Lust auf mehr?" fragt Hamid. Trotz Klimaanlage kullern dem 32-Jährigen Schweißperlen über die Stirn. "Keine Sorge, der Sand ist weich, ist alles gut gepolstert."

Mit einem Ruck setzt sich der Wagen wieder in Bewegung. Doch statt geradeaus zu fahren, schlingert das Auto gegen die Laufrichtung der Räder zu Tal. Jetzt ein Strauch, und wir würden seitwärts hinunterkullern. Doch der Strauch bleibt aus, und Hamid bringt uns sicher an den Fuß der Düne.

"Dune-Bashing" nennen die Einheimischen ihr Offroad-Vergnügen

Die Wahiba-Wüste, jener gigantische Sandkasten mitten in Oman, ist ein Spielplatz für Offroad-Fans. "Dune Bashing" nennen das die Einheimischen, "Dünenschlagen". Und seit sich Oman vor einigen Jahren dem Tourismus geöffnet hat, finden auch viele Besucher Gefallen daran. Noch 1970 waren Stammesfehden, Analphabetismus und Krankheiten im Südosten der arabischen Halbinsel weit verbreitet. Doch binnen drei Jahrzehnten entwickelte sich das Sultanat zu einem der modernsten Länder Arabiens.

Zu verdanken hat der Wüstenstaat das vor allem der umsichtigen Politik seines Regenten Sultan Qabus, der seine Petrodollars statt in teure Paläste in Schulen steckte, in Bildung und in Krankenhäuser. Geht das Öl in 15, vielleicht 20 Jahren zur Neige, soll der Tourismus als Geldquelle sprudeln, so der Plan des Sultans.

Tausende Tonnen Sand bläst der Wind in der Ramlat al-Wahiba mal von Nord nach Süd, mal von Ost nach West. Doch Sand ist hier nicht alles. Über 200 Vogel-, Säugetier- und Reptilienarten und mehr als 16.000 Arten wirbelloser Tiere leben in der Wüste. Kleine Käfer saugen am Morgen das Kondenswasser auf, das der Küstennebel heranträgt, Geckos huschen über die glühenden Dünenkämme.

Beduinen ziehen durch die endlose Weite

Und auch Menschen gibt es hier seit Jahrhunderten: Beduinen ziehen mit ihren Kamelen, Ziegen und mobilen Palmzweighütten durch die endlose Weite. Einige leben noch wie zu Zeiten des Propheten Mohammed, andere verdienen ihr Geld bereits mit dem Tourismus.

Wir sitzen auf der Terrasse des Alraha-Wüstencamps von Ali Bin Zaher Bin Salim al-Hajari. Eingebettet im Sand liegt die kleine Ansammlung von Bungalows am Fuß eines 200-Meter-Dünenkamms. Es wird Abend. Ein Bediensteter hat Tee und Datteln gebracht. Die Sterne funkeln am Firmament, die Wasserpfeife blubbert, im Hintergrund zirpt der Lautenspieler.

"Gefällt es euch hier? Ich will es wissen, denn ich möchte, dass die Gäste sich bei mir wohlfühlen, dass sie die Wüste genießen und kennenlernen." Al-Hajari will sein Angebot ausbauen. Von seinem Camp aus will er demnächst Kamelritte und Sandboarding veranstalten, irgendwann auch Quad-Bike-Touren und Ballon-Safaris.

Kleine Tourismusunternehmen wie das al-Hariris gibt es in Oman immer mehr. Neben Offroad-Touren im Sand ist vor allem Tauchen an der Golfküste im Kommen. Da ist zum Beispiel die Insel Fahal, nur vier Kilometer von der Hauptstadt Maskat entfernt mit ihren Höhlen und Schiffswracks. Da sind die Daymaniyat-Inseln, ein Naturschutzgebiet 50 Kilometer nordwestlich von Maskat, das für seine riesigen Korallengärten bekannt ist. Und nicht zu vergessen die Halbinsel Musandam mit ihren Fjorden und der farbenprächtigen Unterwasserwelt.

Traditionen werden gepflegt

Trotz allen Fortschritts und der Devisen, die allein rund 100.000 Deutsche 2005 ins Land brachten: Traditionen werden in Oman gepflegt. Unzertrennlich mit dem Land verbunden ist vor allem eine uralte Ware: Weihrauch. Der Handel mit dem kostbaren Baumharz brachte der Provinz Dhofar ganz im Süden Omans und dem Wadi Hadramaut im benachbarten Jemen einst großen Reichtum ein - und den Beinamen "arabia felix", glückliches Arabien.

Seine Blütezeit erlebte der Weihrauchhandel zwischen dem fünften Jahrtausend vor und dem ersten Jahrhundert nach Christus. Die alten Hochkulturen stellten aus dem Baumharz Salben und Medizin her. Oder sie verwendeten es, um den Göttern Rauchopfer zu bringen. Viele der Stätten von einst sind bis heute gut erhalten. Die uralten Weihrauchbäume im Wadi Dawqah beispielsweise zählen zu den größten und ältesten ihrer Art.

Auch die Überreste der Karawanenstadt Shisr sowie der alten Häfen von Khor Rouri und al-Balid sind ein Zeugnis dafür, wie bedeutend Weihrauch hier einst war. Zwar wird er längst nicht mehr mit Gold aufgewogen, er spielt im Leben der Omaner aber noch eine große Rolle, etwa als Aroma für Trinkwasser oder zur Linderung von Darmbeschwerden. Die Frauen Dhofars sind berühmt für ihre Räuchermischungen aus Weihrauch, Myrrhe, Sandelholz und Blütenessenzen. Die Rezepturen sind geheim, sie werden von Müttern nur an ihre Töchter weitergegeben.

Wir rollen über gut ausgebaute Straßen zurück in Richtung Maskat

Zum Abschluss der Reise will uns Hamid noch einen der Höhepunkte des Landes zeigen: das zerklüftete Akhdar-Gebirge. Zuerst führt der Weg durch Dattelpalmenplantagen, dann windet sich die Piste in steilen Kurven bergauf. Immer wieder passieren wir in den engen Schluchten kleine Oasen mit Palmenhainen. An den Felsen kleben malerische Bergdörfer wie Bienenwaben. Zum Aussteigen ist allerdings keine Zeit. "Vor Sonnenuntergang müssen wir hier draußen sein, sonst finden wir nicht mehr zurück", mahnt Hamid und heizt das Tempo noch einmal an, fährt mit Vollgas durch kleine Furten. Links und rechts stiebt das Wasser im hohen Bogen davon, bis schließlich die Teerstraße nach Maskat erreicht ist. Durchgeschüttelt, verstaubt, aber glücklich rollen wir auf festem Untergrund in Richtung Hauptstadt. Das Wadi hat uns wieder ausgespuckt.