Wer im Osten von Big Island mit einer gefühlt 40 Jahre alten Maschine von Aloha-Airlines auf dem kleinen Flughafen des Städtchens Hilo gelandet ist, wird sofort von Reizen überwältigt: paradiesische Natur, weiche Luft und die entspannte Haltung der Insulaner. Auch wenn das Gepäck verschwunden ist. Dann läuft einfach jemand schnell auf das Rollfeld und holt es.
Big Island müsste eigentlich Biggest Island heißen, denn sie ist die größte Insel des hawaiischen Archipels im Pazifik. Die Insel selbst wird ebenfalls „Hawaii“ genannt, obschon dieser Name inzwischen eher für die gesamte Inselgruppe, also für den 50. US-Bundesstaat verwendet wird.
Big Island, das mehr als dreimal so groß ist wie Luxemburg, weist, wie der gesamte Archipel, keine jahreszeitlichen Klimaunterschiede auf, aber auf der Ostseite ist es feuchter und grüner als auf der Westseite, wo eine sonnige und subtropische Witterung vorherrscht. Jedenfalls an der Küste. In den höheren Lagen ist es kühler und regnerischer.
Das Faszinierende an Big Island ist, dass die Insel gewissermaßen verschiedene Klimazonen auf engem Raum vereint, man kann am Vormittag auf schlafenden, schneebedeckten Vulkanen Ski fahren und sich nachmittags zwischen Suppenschildkröten im warmen Pazifik treiben lassen. Die wichtigsten Ökosysteme der Welt sind hier in einem Mikrokosmos vereint: vom tropischen Regenwald über den alpinen See und Korallenriffe bis zu versteinerten Lavaströmen, zart bedeckt mit erstem Farn.
Übernachten direkt am Kraterrand
Mit den Lavaströmen wollen wir beginnen, und deswegen sind wir auch in Hilo gelandet, in der Nähe des Hawaii Volcanoes National Park. Unsere erste Nacht auf der Insel werden wir sozusagen direkt am Kraterrand verbringen, im „Volcano House“ am Rande des Kilauea, eines der aktivsten Vulkane der Erde und zugleich einer der harmlosesten, als hätte Gott hier eine Touristenattraktion geplant.
Nicht aktiv sind die beiden Vulkane Mauna Kea und Mauna Loa, die von ihrem Fuß am Meeresboden bis zum Gipfel mehr als 9900 Meter messen und damit höher sind als der Mount Everest. Auf dem Gipfel des Mauna Kea erheben sich die größten Teleskope der Welt. Neun Nationen sind hier mit Forschungsstationen vertreten, denn bei einmalig klaren Luft- und Sichtbedingungen gewinnen hier Wissenschaftler unvergleichliche Einblicke ins Universum. Aber auch Touristen können seit Dezember 2006 im Imiloa-Observatorium alles über die Urknalltheorie wie auch über die hawaiische Sichtweise der Erdentstehung lernen.
Bei günstiger Witterung hat man vom „Volcano House“ einen guten Blick auf den Krater, aber als wir ankommen, ist es feucht und neblig, und als wir am nächsten Morgen erwachen, ebenfalls. Trotzdem imposant ist die Fahrt um den Kraterrand (die gute verkehrstechnische und touristische Erschließung hat dem Kilauea den Namen Drive-in-Vulcano eingetragen) und durch eine Art Mondlandschaft bis hinunter zum Strand, wo die Lava zischend in den Pazifik fließt.
Für die Tour durch den Hawaii Volcanoes National Park sollte man auf jeden Fall einen Guide nehmen, denn bei einer geführten Tour mit Fahrer sieht und begreift man einfach mehr in diesem Park mit seinen dampfenden Calderen, üppigen Regenwäldern und anderen Naturwundern wie den unterirdischen Lavahöhlen.
Hotelpapageien und Hängematten zwischen Palmen
Anschließend erkunden wir auf dem Highway No. 19 Big Islands Norden, vorbei an Wasserfällen, pittoresken Buchten und herrlichen Panoramen, bis wir an die Westküste gelangen. Die ist die Heimat einiger exklusiver Ferienresorts, die alles bieten, was man klassischerweise mit Hawaii assoziiert, von Hotelpapageien bis hin zur Hängematte zwischen Palmen.
Das traditionsreichste dieser Resorts ist das „Kona Village“. Eröffnet 1965 an der westlichen Kohala-Küste auf dem Platz eines alten Fischerdorfes, ist das Kona mit seinen 125 Stelzenbungalows in typisch polynesischer Architektur ein herrliches Refugium quasi für Luxus-Barfuß-Ferien. Will sagen: Die Bungalows sind komfortabel und großzügig, doch es gibt (noch) keine Fernseher und keine Telefone und kein Internet; Mobiltelefone sind nur innerhalb der Bungalows gestattet. Dafür gibt es köstlichen Kona-Kaffee und eine schillernde kleine Eidechse in unserem Wohnzimmer, bevor Richie, mein treuer Lebenspartner, anfängt, sich zu beklagen, dass wir keinen Fernseher haben. Aber selbst wenn es zunächst ein wenig ungewöhnlich ist, dass man anstelle von Larry King von schreienden exotischen Vögeln geweckt wird – man nimmt sehr schnell den Rhythmus des Lebens im „Kona Village“ an.
Es gibt ein gut ausgestattetes Fitness- und Wellnesscenter, aber wer muss auf der Rudermaschine sitzen oder sich massieren lassen, wenn man genauso gut ins Kanu krabbeln kann oder auf einer Hängematte liegen, die am Strand zwischen zwei Palmen gespannt ist? Viele Gäste hier sind Stammgäste, und bei der Preisklasse des „Kona Village“ sind dies vor allem Festland-Amerikaner und auch Japaner, denn obschon der hawaiische Archipel die isolierteste Inselgruppe der Welt ist, ist Japan bekanntlich nicht so weit.
Die Einheimischen sind stolz auf ihr Erbe, und zweimal in der Woche findet im „Kona Village“ das traditionelle Luau-Dinner statt, bei dem Fleisch und Fisch verzehrt werden, zubereitet im hawaiischen Erdofen. Dazu werden traditionelle Tänze aufgeführt.
Eine der letzten Tempelanlagen von Hawaii
Das Selbstbewusstsein der Inselbevölkerung beschränkt sich aber schon lange nicht mehr auf Tänze zur Touristenbelustigung. Die Hawaiianer blickten auf eine gut tausendjährige Kultur zurück, bevor Captain Cook 1779 an der Kona-Küste landete. An der Nordspitze der Insel findet sich Lapakahi State Historical Park, ein teilweise wieder hergestelltes 600 Jahre altes hawaiisches Fischerdorf. Pu’ukohola nahe Kawaihae dagegen, 1791 erbaut unter König Kamehameha, ist eine der letzten Tempelanlagen von Hawaii.
Die Tempelanlagen der modernen Zeit heißen Golfplätze, und durch eine riesige manikürte Golfanlage führt der Weg ins „Four Seasons Resort Hualalei“. Es ist wie ein luxuriöses Dorf mit 30 bungalowartigen Gebäuden, die mit viel ortsüblicher Folklore überaus komfortabel eingerichtet sind. Unsere Unterkunft hat eine Außendusche inmitten eines tropischen Gartens und eine private Veranda mit Blick auf den Pazifik, an dessen Strand sich tagsüber Schildkröten ausruhen. Wer noch mehr Meerestiere sehen will, kann eine Runde im Schnorchelbecken drehen, das mit exotischen Fischen reichlich gefüllt ist, die den Hobbytaucher weniger einschüchtern als die Muränen, denen man dann und wann im Ozean begegnen kann.
Am nächsten Tag verlassen wir das Paradies. Wir fahren zum Flughafen, vorbei an Tälern voll tropischer Blüten, die auf der ganzen Welt nur hier vorkommen. Die Lava bahnt sich ihren Weg ins Meer, und vor der Küste formiert sich schon die nächste Insel, Loihi. Aber die wird erst im nächsten Jahrtausend auftauchen. Und solange wollen wir nicht warten.




