Das Tiefdruckgebiet, das beharrlich über dem Inselstaat im Nordatlantik kreist, hat vor dem Rest der Welt lange Zeit verschleiert, was der Jahresbericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen UNDP nun enthüllte: Wo noch vor 20 Millionen Jahren Vulkane vor sich hinblubberten und sich später Wikinger die Köpfe einschlugen, hat sich das am höchsten entwickelte Land der Welt etabliert.
Der Studie zufolge, die Lebenserwartung, Bildungsgrad und Einkommen von 177 Ländern analysiert hat, liegt Island an der Spitze des Human Development Index (Index der menschlichen Entwicklung) und überholte erstmals Norwegen, das sechs Jahre lang auf Platz eins stand.
Das Land, das lange zu den ärmsten Europas gehörte, führt jetzt das weltweite Pro-Kopf-Einkommen an. Wie hat die kleine kalte Insel das geschafft?
Wie unsichtbare Wesen die Natur erhalten
Vielleicht haben die Elfen, Trolle und unsichtbaren Wesen, die in Island in Massen heimisch sind, die menschliche Entwicklung voran getrieben. Zumindest sollen die reizbaren Geschöpfen sich ein ums andere Mal für den Erhalt der unberührten Natur der Insel eingesetzt haben, indem sie den Bau von Straßen und Häusern sabotierten.
Statt dreispuriger Autobahnen führen holprige Huckelpisten ins Lava überzogene Inland. Es gibt keine Bahnstreiks, weil die Bahnen fehlen. Der Isländer würde sie sowieso nicht nutzen, dafür fährt er viel zu gerne mit einem von seinen drei Autos. Die Partymeile von Reykjavík entwickelt sich am Wochenende zur Paradestrecke der neusten Landcruiser.
In Deutschland, das es übrigens nur auf Platz 22 schaffte, können Pferde nicht tölten (Tölt ist eine Gangart des Islandponys) und Freibäder machen im Winter zu – ein Alptraum für jeden Isländer, der gerne zu jeder Jahreszeit in heißen Quellen und beheizten Becken planscht und dabei – so sagt man – sogar das ein oder andere Wort spricht. In der übrigen Zeit bevorzugt er die nonverbale Kommunikation. Nur am Wochenende mutiert er nachts zum lallenden Partytiger. Touristen aus Ländern mit niedrigerem Entwicklungs-stand mögen Bierpreise von umgerechnet rund sieben Euro die Tränen in die Augen treiben, der Isländer zückt gelassen seine Kreditkarte – sein liebstes Zahlungsmittel.
Probier's mal mit Gemütlichkeit
Gelassenheit ist vielleicht der Schlüssel zum Glück der Isländer. Geduldig warten sie vor der angesagten Kaffibarinn in Reykjavík auf Einlass ohne sich zu beschweren, während der Türsteher einen VIP nach dem anderen an der langen Schlange vorbei lotst. Auch Naturkatastrophen lassen die Isländer kalt, immer wieder bricht irgendwo ein Vulkan aus. Na und?
Laut der Studie werden die Inselbewohner rund 81 Jahre alt. In Deutschland liegt der Schnitt bei 79 Jahren. Ist das guten Essen der Grund? Eine Delikatesse des Landes ist „Hákarl“: Stark riechender vergorener Haifisch. „Svid“ – einen appetitlich aussehenden abgesengten Schafskopf – kann man sogar am Drive-in-Schalter am Reykjavíker Busbahnhof kaufen.
Geringe Arbeitslosenquote
Oder sorgt die Einsamkeit für das hohe Alter? Island ist etwa so groß wie die neuen deutschen Bundesländer zusammen genommen, hat aber nur rund 300.000 Einwohner – etwa so viele, wie eine mittelgroße deutsche Stadt. Kein Wunder, dass Kinder einen hohen Stellenwert haben.
Die Arbeitslosenquote ist mit 2,6 Prozent im Jahr 2006 verschwindend gering. Ebenso wie die Kriminalitätsrate – auch wenn die Island-Krimis das Gegenteil vorgaukeln. Die Wirtschaft des Landes brummt und das liegt nicht allein an der Fischindustrie: Auch der Tourismus und die Energie- und Aluminiumproduktion florieren.
Keine Krone müssen die Isländer zudem ins Militär stecken: Als einziges Nato-Mitglied hat das Land keine eigene Armee. Das Geld kann der Staat stattdessen in Bildung und Forschung pumpen.
Auch mit der oft unbarmherzigen Natur der Insel haben sich die Isländer nicht nur arrangiert, sie profitieren davon: Den größten Teil des Energiebedarfs können sie direkt aus der Erde ziehen – das ist billig und umweltschonend.
Eigentlich fehlt Island für einen paradiesähnlichen Entwicklungsstand nur noch eins: Gutes Wetter. Laut Statistik regnet es auf der Insel nämlich alle zwei Tage. Bis der Klimawandel das letzte Problem gelöst hat, geht der Isländer in aller Ruhe seiner Lieblingsbeschäftigung nach: Mund halten und warm baden.



