Partnerschaft

Wenn aus der großen Liebe pure Mordlust wird

Wer verliebt ist, beweist in seinem Verhalten erstaunlich viel Ähnlichkeit mit einem Suchtpatienten. Die chemische Verwirrung im Kopf ist Grund zahlreicher Studien. Doch was passiert, wenn aus Liebe Hass wird – oder noch schlimmer: Mord? Psychologen und Forscher liefern Antworten.

Foto: picture-alliance / Helga Lade Fo / info@helga-lade.de

Mit einem Fleischklopfer schlug die Frau ihrem Exfreund den Schädel ein. Zwei gemeinsame Jahre, die schöne Zeit zu zweit, all ihre Zukunftspläne hatte er zerstört. Wegen einer anderen. Mord aus Leidenschaft – das Motiv aus zahllosen Krimis wird in Deutschland einige Hundert Mal pro Jahr Realität. Wer unmäßig liebt, der kann auch unmäßig hassen.

Neuropsychologen wie Helen Fisher von der Rutgers-Universität in New Jersey haben die Chemie der Leidenschaft erforscht. Mit Hirnscans, Bluttests, mit Fragebögen, Tierversuchen und Verhaltensstudien haben sie zu verstehen versucht, wie leidenschaftliche Liebe molekularbiologisch aussieht. Und wieso daraus abgrundtiefer Hass entstehen kann. Die Forschung hat zig Stunden verschlungen, einige Diplomanden und Doktoranden beschäftigt – und kurz gesagt: Was chemisch abläuft, wenn ein Mensch sich von einem Tag auf den anderen wild verliebt, ist mittlerweile hinreichend bekannt. Bestimmte Botenstoffe im Gehirn, Dopamin und Noradrenalin, werden in bestimmten Hirnbereichen vermehrt ausgeschüttet. Die Serotoninproduktion hingegen läuft langsamer. Dieses Muster erstaunte die Hirnforscher: Es stimmt mit dem bei Suchtkranken überein.

Psychologen hingegen waren entsprechend weniger erstaunt über die Erkenntnisse ihrer Kollegen. Denn die Symptome, das nervöse, rastlose Verhalten, die ständig um den geliebten Menschen kreisenden Gedanken, das Nicht-mehr-Schlafen- und Nicht-mehr-Essen-Müssen, kurzum die romantische Liebe – diese Symptome sind die gleichen wie bei Abhängigen. Der eine denkt eben nur noch an Alkohol oder Heroin, der andere nur noch an den neuen, den einzigartigen und einzigen Menschen in seinem Leben.

„Diese erste Phase des frisch Verliebtseins verfliegt allerdings nach einigen Wochen oder Monaten“, sagt Rudolf Egg, Psychologe und Direktor der Kriminologischen Zentralstelle des Bundes und der Länder. „Danach pendelt sich eine Beziehung ein.“ Und bei diesem Einpendeln finden die Partner ihre Rollen. „Ist die Beziehung von Vertrauen, Toleranz und gegenseitigem Respekt geprägt, so spricht man von einem sicheren Bindungsstil“, erklärt Egg. In dieser Zeit der Bindung beruhigt sich auch die chemische Verwirrung im Kopf.

Ist das aber nicht der Fall, entsteht eine unsichere Bindung, und es kann zu Abhängigkeiten kommen. „Die Unsicherheit des Partners führt dann leicht dazu, dass er den anderen kontrollieren will“, sagt Egg. Der Mann meint, seine Frau müsse stets für ihn erreichbar sein, dürfe nicht mehr mit Freundinnen ausgehen und schon gar nicht mit Arbeitskollegen.

Männer drehen öfter durch

Trennt sich die Frau nun, so denkt und spürt der Mann nur eines: „Das darf sie nicht!“ Er wird wütend und zornig. Zum Glück führt die Wut meistens nicht zum Griff nach dem Messer. Damit es so weit kommt, dazu müssen zwei Menschen mit unsicherem Bindungsstil aufeinandertreffen. „Es gab einen Fall, bei dem hat sich ein Pärchen immer wieder getrennt, um dann doch wieder zueinanderzufinden“, sagt Egg. Beide hatten einen unsicheren Bindungsstil. Sie kamen nicht voneinander los. Es passte nicht, und sie machten sich gegenseitig das Leben schwer, aber sie kamen immer und immer wieder zusammen. Sieben Mal zusammen, sieben Mal getrennt. Nach der letzten Trennung zückte der Mann auf offener Straße ein Messer.

Forscher kennen einen klaren Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Liebesmördern: Männer töten, weil sie verlassen wurden. Es ist für sie eine tiefe Kränkung, ein Machtverlust. Frauen töten, weil ihr Expartner sie nicht in Ruhe lässt. Sie sehen keinen anderen Ausweg, um den ständigen Besuchen, Telefonanrufen, E-Mails und Briefen zu entkommen. „Frauen töten in der Regel nicht, weil sie verlassen wurden“, sagt Egg. „Sie töten, weil sie den Mann sonst nicht loswerden.“

Ein weiterer Unterschied: Männer töten häufiger. „Fünf Untersuchungen auf drei Kontinenten haben ergeben, dass es in 55 bis 89 Prozent aller Fälle Männer waren, die Gewalt gegen frühere Intimpartner ausübten“, sagt die Neuropsychologin Fisher. „Etwa 32 Prozent aller weiblichen Mordopfer in den USA sterben von Hand des Ehemanns, Exmannes, Exfreundes oder Freundes.“ Die US-amerikanische Kriminalstatistik des Jahres 1998 zeige zudem, dass nur vier Prozent der männlichen Mordopfer von (Ex-)Partnerinnen getötet wurden. „Das liegt vermutlich daran, dass Frauen weniger zu Gewalt neigen und dass sie auch die Voraussetzungen nicht haben. Sie können einen Mann nicht einfach erdrosseln, erstechen oder erschießen“, erklärt der Psychologe Egg. Tun sie es dennoch, so nutzen sie die Waffen, die ihnen zur Verfügung stehen – in dem eingangs erwähnten Fall eben auch mal einen Fleischklopfer.

Ob eine Partnerschaft nur noch mit Mord oder Totschlag zu lösen ist, ist biologisch angelegt. Manche Menschen sind aggressiver und handeln eher im Affekt. „Es hängt aber auch sehr viel von der Umwelt, den sozialen Bedingungen und der Erziehung ab“, sagt Egg. Einen Mord aus verletzter Liebe als unabwendbares Schicksal oder reine Chemie abzustempeln ist zu einfach gedacht.

Aber warum kann Liebe in Hass umschlagen? Psychiater um Thomas Lewis erklären das Umschlagen der Gefühle als eine Protestreaktion. Sie sei bei fast allen Säugetieren zu beobachten, sobald irgendeine Form der sozialen Bindung zerstört wird. Rattenkinder oder Welpen, die man von der Mutter trennt, springen hektisch umher und schlafen weniger. Offenbar ein körperlicher Mechanismus, um die Trennung zu verarbeiten.

Einen Sinn scheint solch ein Verhalten zunächst nicht zu haben. Wer verlassen wird, kann eigentlich nicht mehr tun, als dies zu akzeptieren. In den 1960er-Jahren stellte der Psychiater John Bowlby die These auf, dass die Wut über den Verlust ein physiologischer Mechanismus sei, der dazu diene, die verlorene Liebe zurückzugewinnen. Die Wut sporne den Verlassenen an, noch einmal alles zur Rettung der Beziehung zu geben. Helen Fisher bezweifelt dies allerdings. Wer will schon zu einem Partner zurück, der schäumend vor Wut ständig an der Türe klingelt? Sie glaubt eher, dass die Wut dazu diene, sich aus der verlorenen Beziehung zu befreien. Die Wut könne helfen, sich vom Ex zu lösen und sich nach besseren Möglichkeiten umzusehen.

„Wenn eine frisch verliebte Frau mir erzählt, ihr Liebster habe ihr gesagt, sie sei sein Ein und Alles, seine ganze Welt, dann antworte ich immer ‚Hoffentlich meint er es nicht ernst!'“, sagt Egg. Denn eine ganze Welt kann niemand für einen anderen sein. Und wenn eine Bindung zerstört wird und der Liebesdrang auf Ablehnung stößt, verwandelt das Gehirn diese starke Kraft womöglich in Zorn.

Erkennt man einen Partner, dessen Leidenschaft irgendwann in falsche Bahnen gerät, dessen romantische Liebe in einer unsicheren Bindung mündet, die dann im schlimmsten Falle in Gewalt eskaliert? „Auffälligkeiten zeigen diese Menschen manchmal schon. Sie neigen eben zum Kontrollwahn“, sagt Egg. E-Mails und Briefe sind vor ihnen nicht sicher, sie betrachten den Partner eher als Besitz denn als eigenständigen Menschen. Unmäßige Eifersucht ist ein Warnsignal. Bei Männern wird sie meist durch eingebildete oder tatsächliche sexuelle Untreue geschürt. Frauen haben eher Angst davor, emotional und finanziell im Stich gelassen zu werden. Ein fixes Krankheitsbild des „Liebesmörders“ gibt es allerdings nicht.