Seitensprünge

Die Franzosen und ihre Liebe zur Untreue

Die Macher einer Seitensprung-Website glauben, Affären würden die Liebe wiederbeleben. Nach ihrem Erfolg in Frankreich wollen sie neue Märkte erobern.

Untreue scheint bei den Franzosen zum guten Ton zu gehören. So sehen es zumindest die europäischen Nachbarn. Und so sieht es auch Teddy Truchot, der seit 2009 eine Website für Seitensprünge in Frankreich betreibt.

„Die Franzosen lieben Untreue. Auch wenn sie nicht immer selbst untreu sind, sind sie sehr gute Beobachter.“ Kein Wunder also, dass Gleeden.com bereits eine halbe Million Mitglieder in Europa hat, fast die Hälfte davon Franzosen. Doch Truchot reicht das nicht. Er will nun auch den Markt in den USA erobern – obwohl er die dortige Gesellschaft für „puritanisch“ hält.

„Der Bedarf ist der derselbe in Frankreich, Italien oder den USA“, sagt Truchot von Los Angeles aus, wo seine Website im Februar starten soll. Seitensprünge hält der Jungunternehmer nicht für etwas per se Verwerfliches. „Das Leben ist anstrengend. Eine Beziehung kann zur Routine werden, für den Mann und die Frau, deshalb ist Untreue nicht so schlecht“, meint der 27-Jährige.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos, die Gleeden in Auftrag gab, stufen 14 Prozent der französischen Männer und sieben Prozent der Frauen einen One-Night-Stand nicht als Untreue ein. 22 Prozent der Franzosen sind sogar der Meinung, dass Untreue eine Beziehung retten kann, „da sie einen Moment der Freiheit“ bedeutet.

Die 32-jährige Chantal, Mutter von drei Kindern, berichtet, dass sie sich aus „Neugier“ bei Gleeden angemeldet habe. Ihr Mann sei viel unterwegs, und der Alltag habe sie aufgefressen. Durch die Website habe sie einen Liebhaber gefunden, der sie aus dem Trott herausgerissen habe. Von ihm sei sie dann besserer Stimmung wieder zurück nach Hause gegangen. „Er erlaubt mir, etwas für mich zu haben. So, wie manche Frauen einkaufen gehen.“

Auch Benedicte Maufrais von der französischen Heiratsvermittlung Anccef will die Website nicht verurteilen. „Die Leute schauen sich woanders um, weil in ihrer Beziehung etwas fehlt“. Manche kehrten nach einem Seitensprung reuevoll zu ihrem Partner zurück.

Der Psychologe Serge Tisseron sieht im Internet die Möglichkeit, seine sowieso schon vorhandenen Eigenheiten auszuleben. „Es ist ein Raum, wo jeder tun kann, was er will“. Der Seitensprung via Internet werde begünstigt von Wandlungen einer Gesellschaft, in der viele Paare erst gar nicht mehr heiraten, „so dass es den Ehebruch gar nicht mehr gibt“.

Truchot ist optimistisch, auch in den USA erfolgreich zu sein. Dort gibt es zwar durchaus bereits ähnliche Websites – sie geben allerdings keine Antworten auf Fragen des Ehelebens, der Sexualität und juristischen Aspekte, wie Gleeden es tut. In Bundesstaaten wie Idaho, Massachusetts, Michigan und Oklahoma könnte es für die Website allerdings riskant werden – denn dort wird Ehebruch noch als Straftat eingestuft.