Die Menorquiner sagen, es sei der einzige Berg auf der Insel. 357 Meter hoch erhebt sich der Monte Toro in den blauen Sommerhimmel in der Inselmittel etwa zwischen den beiden größten Städten Mahon und Ciutadella gelegen. Eine Jesusfigur mit ausgebreiteten Armen – eine kleinere Version der Figur von Rio de Janeiro – blickt beschützend aufs Land herab. Alvin Delanghe – der Belgier lebt seit mehr als 20 Jahren auf der Insel – erzählt, der Name „Balearen“ stamme von dem Begriff Steinewerfer ab. Diese hätten es zu Zeiten Hannibals zu großer Kunst gebracht und sich bei diversen Kriegen als Söldner in „Eliteeinheiten“ der Armeen damaliger Herrscher verdingt.
Wir glauben ihm die Geschichte. Ohnehin lebt Menorca wie so viele andere Inseln weltweit von den Geschichten und Sagen aus der Vergangenheit. Das Schicksal des strategisch günstig gelegenen Eilands im Mittelmeer brachte über die Jahrhunderte wechselnde kulturelle Einflüsse mit sich. Phönizier, Griechen, Karthager, Römer, Vandalen, Spanier, Briten und Franzosen – die Zahl jener, die zeitweise über die Insel herrschten, ist groß.
Heute noch im Alltag spürbar ist vor allem der Einfluss der Engländer – beispielsweise beim Lieblingsgetränk der Menorquiner, der aus Zitronenlimonade und inseleigenem Gin gemischten Pomada. Zwischen 1708 und 1802 hielten die Briten die Insel besetzt. Die geschlossenen Terrassen beispielsweise oder die leicht hervorstehenden Fenster zeugen davon. Auch dass viele Häuser einen typisch englischen Türgriff mit Klöppel zum „Klingeln“ haben, hat mit dieser Vergangenheit zu tun. An der Kirche in Ciutadella beispielsweise ist der Messingtürgriff in der Form einer Schlange gestaltet und steht für die Sünde. Der Klöppel hat die Form eines Fisches und soll die Reinheit, das Gute symbolisieren.
Gesetz verbietet Gebäude mit mehr als drei Stockwerken
Es ist aber wohl eher, von den Hitzemonaten im Sommer abgesehen, das milde mediterrane Klima, das Touristen – zuallererst aus Großbritannien – anzieht. Wer das Mittelmeerklima sucht, den Rummel Mallorcas und die Glitzerwelt Ibizas aber vermeiden will, findet in Menorca einen Ort, an dem sich mehrere Dinge miteinander verbinden lassen: Strand, Wandern, Kultur und Kulinarik.
Fangen wir bei den Äußerlichkeiten an. Anfang der 70er-Jahre hatten die spanischen Behörden die Idee für ein Gesetz, das den Bau von Gebäuden verbot, die mehr als drei Stockwerke hoch sind. In den 80ern kam der Entschluss hinzu, gut die Hälfte der Insel zum Biosphärenreservat zu erklären. Die Folge: Die Zahl der „Bettenburgen“, die sich andernorts an den Küsten über mehrere Kilometer entlang aneinanderreihen, ist auf Menorca überschaubar. Stattdessen überwiegen Ferienhaussiedlungen mit dörflichem Charakter.
Wer von der Hauptstadt Mahon gut 50 Kilometer westwärts vorbei an Hügeln und wilden Olivenbäumen über die wichtigste (und einzig bedeutende) Straße fährt, erreicht – am anderen Ende der Insel gelegen – Ciutadella. Beide Städtchen zählen jeweils nicht mehr als 30.000 Einwohner und stehen sich, glaubt man den Erzählungen der Einheimischen, seit Jahrhunderten unversöhnlich gegenüber. Das mag daran liegen, das ursprünglich Ciutadella die Hauptstadt der Insel war, bis die Briten im Jahr 1722 – aus strategisch-politischen Gründen – Mahon zur Hauptstadt erklärten. Natürlich ohne die angestammte Einwohnerschaft um Erlaubnis zu fragen.
Im Café den Fluss des Lebens genießen
Den Urlauber wird die Rivalität nicht stören, und er sollte sich deshalb schon gar nicht von einem Besuch der beiden Orte abhalten lassen. Mahon vereint in seinem von engen Gassen geprägten Stadtzentrum englische Architektur mit mediterraner Atmosphäre. Sein fjordartiger, fünfeinhalb Kilometer langer Hafen gilt nach jenem von Sydney als der weltweit zweitgrößte Naturhafen. Eine mächtige Festung – Sant Felip – an der Hafeneinfahrt erinnert an die wechselvolle Geschichte. Ciutadella wiederum hat sich seinen mittelalterlichen, von Kirchen, Adelspalästen und romantischen Altstadtgassen geprägten Charme bewahrt. Aus Angst vor Eroberern suchten in früheren Jahrhunderten reiche Landbesitzer Schutz innerhalb der Stadtmauern und ließen sich dort standesgemäß kleinere Paläste errichten. Die meisten haben die Zeitläufte gut erhalten überdauert. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich den Besuch gönnen. Vor allem die Ruhe der Innenhöfe ist himmlisch.
Ohnehin scheint es ratsam, sich bei einem Besuch der Städtchen treiben zu lassen. Dazu gehört, in eines der vielen netten Cafés einzukehren und den geruhsamen Fluss des Leben zu genießen. Ebenso wenig verzichtbar ist allerdings der aufregende Besuch der in den Zentren gelegenen Märkte. Auf dem Fischmarkt von Mahon beispielsweise geht es laut und geschäftig zu. Zur Mittagszeit muss man ein wenig drängeln, um an die Auslagen der Fischtheke zu gelangen. Dann aber kann man sich nicht satt sehen an der Vielfalt: Felsenfische, Brassen, Barsche, Tintenfische, Rochen, Herzmuscheln, Schalentiere. Wem der Sinn nach anderem Essen steht, hat es nicht weit. Im gegenüberliegenden Teil des quadratisch angelegten Marktgebäudes werden Tapas, Schinken und Gemüsehäppchen angeboten. Frisch zubereitet und lecker.
Menorquinische Küche besticht durch Einfachheit
Womit die menorquinische Küche in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt. Auch wenn Menorca über viele Jahrhunderte als die wohlhabendste der vier Balearen-Inseln galt, zeichnet sich ihre Küche durch Einfachheit aus. Auf den Tisch kam, was auf der Insel wuchs, viel Gemüse also, und dazu alles, was im Meer gefangen wurde. Langusten gelten nach wie vor als teure Rarität – Schweine- und Rindfleisch, mächtig in Öl gebraten, nicht. Wer den Kochstil in einem Gericht zusammenfassen wolle, so heißt es, verweist auf die Oliaigua. Die Lieblingssuppe der Menorquiner besteht aus geröstetem Brot, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, grüner Paprika, einer süßen Feige, Olivenöl und Wasser, und sie steht in fast jedem Restaurant auf der Speisekarte. Brot ist im Übrigen ein treuer Begleiter vieler menorquinischer Gerichte, seien die nun salzig oder süß.
Wer über Menorcas Essen redet, darf den Käse nicht vergessen. Außerhalb der Insel ist er als „Käse von Mahon“ bekannt, was damit zu tun hat, dass er in früheren Zeiten ausschließlich über den Hafen der Hauptstadt verschifft wurde. Sein würziger Geschmack rührt von dem über die Insel streichenden Nordwind her. Er transportiert feinste Salzwasserpartikel und führt zum höheren Salzgehalt des Grases. Den Kühen macht das nichts aus, jedoch trinkt kaum jemand auf Menorca produzierte Milch. Sie schmeckt salzig. Was den Geschmack der Milch verdirbt, macht sich bestens in der Käseherstellung.
Ihren größten Charme entwickelt die Insel außerhalb der Saison
Keine Frage, Menorca ist eine Ferieninsel mit Vor- und Nachteilen. 120 Flugzeuge landen in der Hochsaison – Juli und August – täglich auf dem modernen Flughafen. Dann wird es in den Einkaufsmeilen von Mahon und Ciutadella quetschend eng. Und natürlich sehen auch zwei- oder dreistöckige Feriensiedlungen nicht immer einladend aus. Wer sich aber Mühe gibt, findet versteckte Pensionen wie das Landhotel CaNaXini, gut 20 Kilometer von Ciutadella entfernt gelegen. Umgeben von Viehweiden und Weinbergen bietet die Pension einen gewissen Luxus mit vorzüglichem Service. Die Besitzer betreiben eigentlich eine Käserei und Weinanbau, weshalb sie auch von Agrotourismus sprechen.
Ihren größten Charme entwickelt die Insel „außerhalb“ der Saison, im Mai und September beispielsweise. Dann ist es ruhig und entspannt, das Klima mild, die Temperaturen nicht zu hoch, und von der See kommender Wind beschert den Besuchern laue Sommernächte. Im Mai ist die Insel noch grün, das Personal in den vielen Restaurants, Cafeterias oder Bars weniger gehetzt.
Anstrengende Anstiege werden durch Ausblick belohnt
Dann ist auch die Zeit für all jene, denen es nicht reicht, an einer versteckt gelegenen Bucht im türkisfarbenen Mittelmeerwasser zu baden. Ein 185 Kilometer langer ehemaliger Pferdeweg, der Camí de Cavalls, bietet sich zum Wandern an. Zwar ist die Strecke noch nicht so ausgebaut, dass eine Umrundung der Insel zu Fuß „in einem Stück“ möglich ist. Und auch die Zahl der Übernachtungsmöglichkeiten ist sehr beschränkt.
„Einzelstrecken bieten sich aber an“, sagt Alvin Delanghe und schwärmt von der Zwei-Stunden-Wanderung zwischen Es Grau und dem Cap de Faväritx im Nordosten. Wer mit dem Mountainbike die Gegend erobern will, findet ausreichend Abschnitte, „die auch schon mal in die Beine gehen“. Vor allem belohnen derartige Ausflüge mit grandiosen Ausblicken auf das Meer und die umliegende Natur.
Tipps & Informationen
• An- und Abreise z. B. Direktflug mit Air Berlin von Tegel nach Menorca oder mit Vueling und Iberia über Barcelona.
• Übernachtung z. B. im Hotel Ca Na Xini inmitten von Weinbergen. Bei Booking.com kostet ein Zimmer 268 Euro pro Nacht. Cami de Sant Patrici Ferreries,
Tel. 0034 /971/374512, www.canaxini.com. Oder im Jardi de Ses Bruixes in der Altstadt von Mahon, DZ ab 275 Euro. San Fernando 26, Tel. 0034/971/363 166, www.hotelsesbruixes.com.
• Auskunft www.menorca.es
Die Reise wurde unterstützt durch das Spanische Fremdenverkehrsamt.


