- Maren Kauer und ihr Ehemann wohnen freiwillig auf nur 30 Quadratmetern, obwohl ihr Umfeld anfangs skeptisch reagierte.
- Durch die kleine Wohnung und einen sparsamen Alltag legt das Paar monatlich zwischen 1200 und 2000 Euro zurück.
- Ihr Lebensstil bewegt sich zwischen Minimalismus und Frugalismus, bringt aber auch Einschränkungen mit sich.
Ein 30 Quadratmeter großer Raum, der sowohl Küche, Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Schlafzimmer ist – getrennt nur durch ein paar große Schränke als Raumteiler. Das ist das Zuhause von Maren Kauer und ihrem Ehemann. Kurz vor der Corona-Pandemie ziehen die beiden aus einer 90-Quadratmeter-Wohnung in das Apartment in Bamberg. Und das nicht, weil sie es müssen, sondern freiwillig. Warum?
Als das Ehepaar sein Studio bezog, reagiert sein Umfeld skeptisch. Freunde und Kollegen erklärten Kauer und ihren Mann, der einen anderen Nachnamen trägt und diesen nicht in der Zeitung lesen will, für „wahnsinnig“. Ein Kollege prophezeit: „Ihr werdet euch scheiden lassen.“ Der Corona-Lockdown bringt den Härtetest. „Es war schon eine Herausforderung“, gibt die 51-Jährige heute zu. Mittlerweile lebt sie seit fast sieben Jahren in der kleinen Wohnung – mit ihrem Ehemann.
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Frugalismus: Paar spart durch Verzicht und investiert in ETFs
Kauer und ihr Mann ordnen ihren Lebensstil irgendwo zwischen Minimalismus und Frugalismus ein, zwischen Verzicht und Sparsamkeit. „Allein durch die kleinere Wohnung haben wir in sieben Jahren etwa 40.000 Euro gespart“, schätzt sie. Auch im Alltag achtet das Paar auf seinen Konsum, kocht selbst und kauft kaum Fertigprodukte. „Wir sparen ungefähr zwischen 1200 und 2000 Euro im Monat“, sagt Kauer. Das Geld investieren sie und ihr Mann vor allem in ETFs.

Finanzielle Freiheit ist dabei nebensächlich. Beide arbeiten weiterhin: Maren Kauer als selbstständige Minimalismus-Mentorin, ihr Ehemann im IT-Kundendienst. Durch das finanzielle Polster seien beide weniger abhängig von ihren Arbeitgebern, sagt er: „Unser Ziel ist Gelassenheit. Wenn eine Krise kommen würde, hätten wir nicht sofort Existenzsorgen.“
Minimalismus als Lebenskonzept: Paar entdeckt Tiny-House-Idee
Angefangen habe der Wandel vor etwa 13 Jahren, erinnert sich Maren Kauer. „Damals habe ich ein Foto von einem Tiny House gesehen“, erzählt sie. Die kleine Immobilie habe sie fasziniert, sagt Kauer, gleichzeitig habe sie gedacht: „Darin leben geht doch überhaupt nicht! Wir hätten viel zu viele Sachen.“ Sie schickt das Bild an ihren Mann.
Ab diesem Moment beschäftigt die Idee eines minimalistischen Lebensstils die beiden. Sie schauen Videos und lesen Blogs, vor allem aus den USA. So erzählen sie es heute. „Dort wurde uns gezeigt, dass es neben dem klassischen Lebensplan – Haus kaufen, Hypothek abbezahlen, immer größere Dinge anschaffen – auch andere Wege gibt“, sagt Kauers Ehemann.
Während Youtube-Videos erste Inspirationen liefern, lassen mehrere Umzüge innerhalb kurzer Zeit die neuen Lebensvorstellungen des Paares konkreter werden. In sieben Jahren ziehen die beiden fünf Mal um. „Dabei merkt man, wie viel Besitz man mit sich herumschleppt“, so Maren Kauer.
Nachteile beim Frugalismus? Diese Umstellung fiel Kauer besonders schwer
Ein erneuter Umzug bringt den entscheidenden Wendepunkt. Maren Kauer und ihr Mann zieht es diesmal nach Bremen, weil sie dort eine neue Stelle antritt. Doch nach einer Woche wird ihr klar: Der Job entspricht nicht ihren Vorstellungen. „Ich wollte sofort wieder weg, aber wir hatten kein Geld mehr“, erinnert sie sich. Da habe sie zum ersten Mal richtig gespürt, wie abhängig Geld und Job machen können.

So tritt die Veränderung stärker in Maren Kauers Leben. Sie kauft gerne Kleidung und will die Ausgaben einschränken, doch die Umstellung fällt ihr schwer. „Gerade in der Zeit in Bremen, als der Job nicht so lief, habe ich viel geshoppt – auch aus Frust“, sagt sie. „Ich musste verzichten lernen.“
So nimmt sich Maren Kauer vor, zunächst ein Jahr lang keine neue Kleidung zu kaufen. Dafür löscht sie alle Shopping-Newsletter und entfernt ihre Lieblingsshops aus dem Browser. Dabei hilft ihr eine ehrliche Frage: „Wie viel Freude bringt mir diese Kleidung wirklich – und wie viel Freude würde es bringen, genug Geld zu haben, um einfach wieder umzuziehen?“
Die Antwort ist klar, doch die neue Gewohnheit braucht ihre Zeit. Als sie nach zwölf Monaten immer noch das Verlangen nach neuer Kleidung verspürt, verlängert Kauer ihr Experiment um ein halbes Jahr. „Erst nach anderthalb Jahren hat sich mein Verhalten wirklich verändert“, sagt sie.
„90 Prozent ausgemistet“: Einfache Regel hilft gegen Konsum
Heute kaufen Maren Kauer und ihr Mann nur noch neue Kleidung, wenn sie ein altes Teil ersetzen müssen. Zeigt sich doch einmal der Impuls zum Konsum, hilft eine einfache Regel. „Wenn ich heute etwas kaufen möchte, warte ich erst einmal 72 Stunden“, sagt sie. In dieser Zeit verschwinde der Wunsch oft wieder von allein.
So dachte das Paar nicht immer: Vor dem Umzug in die kleinere Wohnung hadern Kauer und ihr Mann mit dem Ausmisten ihres angesammelten Besitzes. „Viele Wohnungen funktionieren wie Lagerräume für Dinge, die Menschen irgendwann gekauft haben“, erklärt der Frugalist. „Aber Wohnraum ist kein Lagerraum, sondern Lebensraum.” Auch bei ihm und seiner Frau ist das lange so.
Vor dem Umzug in ihre kleine Wohnung muss das Paar deswegen viele Gegenstände aussortieren: „Wir haben 90 Prozent unseres Besitzes ausgemistet“, erinnert sich Kauers Ehemann heute. „Das tut im ersten Moment weh. Aber danach merkt man, wie viel leichter sich das Leben anfühlt.“ Passend dazu verschwindet mit den ausgemisteten Besitztümern auch ein anderes Problem.

Frugalismus: Noch immer irritiert der Lebensstil im Umfeld
„Viele Dinge werden gekauft, um Status zu zeigen“, sagt Kauers Ehemann. So bewohnt das Paar nicht nur bewusst eine kleinere Wohnung, sondern verzichtet auch auf ein eigenes Auto und trägt grundsätzlich keine Markenkleidung. „Wir haben Status null“, so der 52-Jährige. Ganz ohne Nachteile ist das Leben auf 30 Quadratmetern aber nicht.
„Als wir größere Wohnungen hatten, haben uns Freunde und Familie öfter besucht oder bei uns übernachtet“, sagt Maren Kauer. In einer so kleinen Wohnung sei das für viele nicht angenehm. Auch heute noch reagierten manche irritiert auf ihren Lebensstil, erklärt sie. Doch während manche darin Verzicht und fehlenden Komfort sehen, empfindet das Ehepaar das anders.
„Man darf das Ganze nicht zu verbissen sehen“, sagt Maren Kauer. Das Paar führt ein „Spaßkonto“ für Restaurantbesuche, Reisen oder einen Roller im Urlaub und verbringt im Winter oft mehrere Wochen in der Türkei. „Ich kann dort arbeiten, wir haben Sonne und sparen gleichzeitig Heizkosten“, sagt Maren Kauer. Hin und wieder flössen hohe Ausgaben in Katzenfutter für streunende Tiere.
Den größten Gewinn sieht Maren Kauer aber nicht in dem gesparten Geld oder dem reduzierten Besitz, sondern in der Zeit, die sie nicht mehr mit Konsumieren verbringt. Früher habe sie stundenlang Produkte verglichen oder Kleidung geshoppt, sagt sie. Heute verbringe das Paar Zeit draußen, mache Ausflüge oder sitze mit einer Decke und etwas Essen in der Natur. So fanden die Kauers auch ein neues Hobby außerhalb der 30-Quadratmeter-Wohnung: picknicken.



