Unter der Leitung der Psychiater Jacob Crouse und Ian Hickie hat ein Team der Universität Sydney in Australien eine neue Variante der Depression identifizieren können. Bei diesem „zirkadianen“ Subtyp ist die Erkrankung nicht auf einen Angstzustand zurückzuführen, vielmehr befänden sich die Betroffenen in einem Zustand eines permanenten Jetlags.

Dauer-Jetlag: Forscher finden eigenen Rhythmus bei Depressionen

Aktuelle klinische Leitlinien behandeln Depressionen als eine einzige Erkrankung. Das Forschungsteam um Ian Hickie vertritt die Annahme, dass ähnliche Symptome bei Betroffenen auf unterschiedliche biologische Ursachen zurückzuführen sein können, schreibt „Science Alert“. Bei etwa 30 Prozent der Menschen mit Depressionen treten die Beschwerden ohne begleitende Angstzustände auf. Deshalb suchten die australischen Wissenschaftler nach weiteren biologischen Faktoren, die an der Entstehung der Erkrankung beteiligt sein könnten.

Zirkadiane Systeme sind die inneren Uhren des Körpers. Sie orientieren sich am etwa 24 Stunden dauernden Tag-Nacht-Rhythmus und steuern wichtige Vorgänge wie den Schlaf-Wach-Rhythmus, den Stoffwechsel und die Stimmung. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, dass unser Organismus im richtigen Takt arbeitet. Bei der Auswertung von Daten aus der laufenden „Australian Genetics of Depression Study“ mit 11.380 Teilnehmern fanden die Forscher Hinweise auf einen möglichen zirkadianen Subtyp der Depression. Dieser könnte sich anhand von sechs Kriterien näher bestimmen lassen.

Sechs Diagnosekriterien für den „zirkadianen“ Subtyp der Depression

In ihrer Studie identifizierten die Forscher sechs Kriterien, anhand derer sich ein möglicher zirkadianer Subtyp der Depression beschreiben lässt. Ein Merkmal sind jahreszeitliche Schwankungen der Symptome, die mit den Veränderungen der Tageslänge zusammenhängen. Darüber hinaus ist der Mittelpunkt des Schlafs bei den Betroffenen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung verzögert. Zudem leiden die Betroffenen unter einem sozialen Jetlag. Dabei verschiebt sich der Schlafmittelpunkt an Arbeitstagen im Vergleich zu arbeitsfreien Tagen um mehrere Stunden.

Ein weiteres Kriterium ist die Zugehörigkeit zum abendlichen Chronotyp, der umgangssprachlich auch als „Eule“ bezeichnet wird. Die genetische Veranlagung der Erkrankten führt dazu, dass sich Phasen erhöhter Wachheit, Leistungsfähigkeit und Müdigkeit zeitlich nach hinten verschieben. Betroffene berichten zudem von einem ausgeprägten Schlafbedürfnis und starker Müdigkeit am Morgen. Insgesamt erfüllte rund ein Viertel der Studienteilnehmer die beschriebenen Kriterien.

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Betroffene dieser Gruppe erkranken meist in jüngeren Jahren, zeigen oft schwerere klinische Merkmale wie Manie, Psychosen oder Suizidalität, neigen stärker zu Gewichtszunahme und haben ein höheres genetisches Risiko für ADHS sowie Entzündungs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Standard-Medikamente sind oft wirkunglos

Wie aus der Studie der australischen Wissenschaftler hervorgeht, schlagen herkömmliche Antidepressiva bei diesem Typ seltener an und führen häufiger zu Nebenwirkungen, da die Ursache nicht in Angstzuständen, sondern in der gestörten inneren Biologie des zirkadianen Systems liegt. Für Betroffene empfehlen die Autoren neue Therapieansätze. Da die innere Uhr im Zentrum dieses Subtyps steht, empfehlen die Forscher, deutlich früher gezielte Behandlungen wie Lichttherapie oder Melatonin einzusetzen, anstatt primär auf klassische Antidepressiva zu setzen.