Eckart von Hirschhausen ist Mediziner und Wissenschaftsjournalist. Im Interview erklärt der 59-Jährige, was ihn dazu bewogen hat, an einer Grippe-Studie teilzunehmen, warum das Internet uns krank machen kann und wie wir seriöse Gesundheitsinformationen von Werbelügen unterscheiden können.

Herr von Hirschhausen, Sie haben einmal gesagt: „Wissenschaft ist der beste Prozess, um zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden zu lernen.“ Inwiefern trifft dieser Satz gerade auch auf die Medizin zu? 

Kaum ein Bereich ist so anfällig für Wunschdenken wie die Medizin, weil es um das Kostbarste geht, was wir haben – unsere Gesundheit und die unserer Liebsten. Wer krank ist, greift nach jedem Strohhalm, und genau da beginnt der Unterschied zwischen Hoffnung und Heilung zu verschwimmen. Die klinische Studie fragt nicht „Was würdest du gerne hören?“, sondern „Wirkt XY tatsächlich besser, als nichts zu tun oder ein Placebo zu nehmen?“. Die Methode ist unbestechlich gegenüber Prominentenempfehlungen, Marketing und der Sehnsucht, dass etwas wahr sein möge.

Und deshalb ist sie auch das genaue Gegenteil von dem, was Betrüger gerade mit meinem Gesicht im Netz verkaufen: Es gibt keine Wundermittel – und schon gar keine, die ich verkaufen würde. Es sterben heute laut WHO mehr Menschen an falschen Gesundheitsinformationen als im Straßenverkehr. Das ist keine akademische Debatte, zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden zu können. In der Medizin ist es manchmal eine Frage von Leben und Tod. 

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Klinische Studien zu Gesundheit: Deshalb nahm von Hirschhausen selbst teil

Medizinischer Fortschritt braucht Forschung – und Forschung Menschen, die bereit sind, an klinischen Studien teilzunehmen. Was hat Sie bewegt, 2021 an einer klinischen Impfstudie teilzunehmen? 

Ich fand es unehrlich, öffentlich fürs Impfen zu werben, ohne selbst bereit zu sein, für die Forschung dahinter den Ärmel hochzukrempeln. Als Arzt weiß ich, dass jede Zulassung auf den Schultern von Menschen steht, die vorher bereit waren, sich impfen zu lassen, ohne zu wissen, ob sie Wirkstoff oder Placebo bekommen. Irgendjemand muss anfangen, damit am Ende Millionen folgen können. Ich wollte nicht nur kommentieren, sondern Teil des Prozesses sein, den ich meinem Publikum jahrelang erklärt hatte – Wissenschaft ist kein Zuschauersport. 

Wie haben Sie die Studienteilnahme erlebt? Und was haben Sie als Arzt aus dieser Erfahrung mitgenommen? 

Ich habe zum ersten Mal seit dem Studium wieder erlebt, wie es sich anfühlt, Patient zu sein statt Arzt – mit Aufklärungsbogen, Wartezimmer, einem Tagebuch für jedes Zwicken und Ziepen und der kompletten Unwissenheit, ob im Fläschchen der Wirkstoff oder Kochsalzlösung war. Genau diese Verblindung, über die ich vorher x-mal referiert hatte, habe ich am eigenen Leib gespürt. Mitgenommen habe ich Respekt: vor den Studienschwestern, die einen über Wochen begleiten, und vor den ganz normalen Menschen, die sich melden, ohne dass eine Kamera dabeisteht. Für mich sind die Freiwilligen einer Studie die eigentlichen, unbesungenen Helden der Medizin. 

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Eckart von Hirschhausen bei einem Termin im Jahr 2025.© photothek.de | Dominik Butzmann

Klinische Studien gelten als Goldstandard der evidenzbasierten Medizin. Welche Schwächen dieses Systems müssen wir aber auch thematisieren?  

Studienzentren konzentrieren sich oft in Großstädten – wer auf dem Land wohnt oder nicht mobil ist, kommt oft gar nicht erst infrage. Dabei müssten Studienteilnehmer so sein wie die Bevölkerung, die später das Medikament nimmt. Zweitens die Finanzierung: Eine Stuhltransplantation beispielsweise kann Leben retten, ist aber „zu billig“. Das heißt: Weil niemand groß daran verdient, wird lieber an ausgefallenen und teuren Molekülen getüftelt. Wir brauchen gute unabhängige und gemeinnützige Forschung auch an unspektakulären Wirkstoffen wie Bewegung, Ernährung oder Demenzprophylaxe durch soziale Interventionen, Tischtennis oder Radfahren. Drittens der Publikationsbias: Studien mit enttäuschendem Ergebnis verschwinden häufiger in der Schublade, dagegen helfen Register und offene Daten.  Und wenn es gute Evidenz für etwas Neues gibt, müssen wir das schneller kommunizieren und ermöglichen. Denn Patienten mit einer seltenen oder fortschreitenden Erkrankung haben keine Zeit.  

Soziale Medien: Von Hirschhausen kritisiert Influencer

Viele Menschen haben Vorbehalte gegenüber der medizinischen Forschung. Wie lässt sich verständlich vermitteln, dass wissenschaftliche Erkenntnisse vorläufig sein können und sich durch neue Studien verändern – ohne dadurch Vertrauen in die Wissenschaft zu verlieren? 

Wir erleben gerade eine unfassbare Verzerrung durch die sozialen Medien. Als ich anfing, Wissenschaftsjournalismus zu studieren, war Influenza eine Grippe. Heute sind Influencer die Pest! Es gibt eine Handvoll seriöse und jede Menge halbseidene und viele schlicht skrupellose. Ich schreibe gerade mein neues Buch „Die Seele wächst mit ihren Aufgaben – warum wir gerade alle verrückt werden können, aber nicht müssen“. Dabei sehe ich, wie viele Konzepte aus der Medizin, wie zum Beispiel die Posttraumatische Belastungsstörung, immer mehr zum Allgemeingut werden: Jeder hat plötzlich ein Trauma, toxische Trigger und ADHS sowieso. Das ist nicht hilfreich und verunglimpft auch die Menschen mit echten Problemen.

Was folgt daraus?

Es macht einen Unterschied, ob ein Laie etwas behauptet oder ein Profi, mit Quellenangabe. Durch die Gewinnorientierung des Netzes ist aber Abwägen und Erklären vergleichsweise langweilig gegen die steile These. Wir brauchen mehr Medien- und Gesundheitskompetenz, und aktuell machen wir Rückschritte. Jeder sollte wissen, auf welchen Internetseiten seriöse Inhalte zu finden sind. Und dass Wissenschaft ein Prozess ist – und kein Dogma. Wenn eine Empfehlung von vor zwei Jahren heute anders aussieht, bedeutet das nicht, dass die Wissenschaft gelogen hat, sondern dass sie dazugelernt hat. Wer das einmal verstanden hat, verliert nicht Vertrauen, sondern gewinnt es, in einem Prozess, der sich selbst korrigieren kann. 

Wodurch lässt sich verlorenes Vertrauen zurückgewinnen, ohne wissenschaftliche Erkenntnisse als Verhandlungssache darzustellen? 

Vertrauen entsteht nicht durch Rechthaben, sondern durch Verlässlichkeit über lange Zeit – ich mache seit über 30 Jahren keine kommerzielle Werbung, gerade damit Menschen wissen: Wenn der spricht, geht es um die Sache, nicht ums Geschäft. Das lässt sich nicht verordnen, das muss man sich erarbeiten, Jahr für Jahr, Sendung für Sendung. Und man gewinnt Vertrauen zurück, indem man eigene Fehler und Kommunikationspannen offen zugibt, statt sie zu vertuschen – Menschen verzeihen Irrtümer, aber nicht Arroganz. Und man muss dahin gehen, wo die Zweifel sind, statt nur im eigenen Hörsaal, in der eigenen Filterblase zu predigen. 

Gesundheit: Wie man richtige Informationen erkennt

Welche Verantwortung haben die Medien bei Wissenschafts- und Gesundheitsthemen? 

Medien müssen sauber trennen zwischen Meinung, Werbung und recherchierter Information – und genau diese Trennlinie ist es, die im Netz gerade aufgelöst wird, wenn Betrüger einen Fernsehausschnitt kapern, um Wundermittel zu verkaufen. Seriöser Journalismus trägt ein Impressum, eine verantwortliche Redaktion, nachvollziehbare Quellen – Plattformen wie Meta oder Google verstecken sich dagegen gern hinter der Behauptung, sie seien nur neutrale Infrastruktur, und verdienen an den Fakes kräftig mit.

Medien tragen auch Verantwortung dafür, welche Werbepartner sie zulassen: Wer Fake-Anzeigen nicht sanktioniert, wird selbst zum Verstärker. Genau deshalb finde ich Initiativen wie „#StopMedFakes“ der „Apotheken Umschau“ wichtig, die das Thema in die Fläche tragen. Niemand würde doch in einem Supermarkt einkaufen, wenn bekannt wäre: Zehn Prozent der Produkte sind gefälscht. Und der Betreiber weiß das auch und verdient am Betrug mit. Das Internet, was gestartet ist, um uns alle schlauer, verbundener und freier zu machen, kippt mit dem AI-Müll ins Gegenteil. Wir werden dümmer, einsamer und misstrauischer. 

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Sie sind wie andere Ärztinnen, Forscher oder Prominente Opfer von Deepfake-Videos geworden, in denen medizinische Produkte beworben werden. Woran sollen Menschen künftig erkennen, welcher medizinischen Empfehlung sie vertrauen können?

Als Faustregel gilt: Kein deutscher Arzt und keine deutsche Ärztin darf laut Heilmittelwerbegesetz für ein konkretes Produkt werben. Wer mich oder eine Kollegin oder einen Kollegen in einem Video ein Nahrungsergänzungsmittel anpreisen sieht, hat damit schon den Beweis, dass es sich um eine Fälschung handelt. Zweitens: Das Impressum prüfen. Steht dort ein Fantasiename oder eine wahllose Buchstabenfolge statt einer echten Firma mit Adresse, ist Vorsicht geboten. Drittens, banal, aber wirksam: Das eigene Bauchgefühl ernst nehmen – klingt etwas zu gut, um wahr zu sein, ist es meistens einfach gelogen. Im Zweifel Ärztin, Arzt oder Apotheke fragen, bevor man bestellt, nicht danach. Ganz grundsätzlich rate ich, sich an etablierte, redaktionell verantwortete Adressen zu halten.

Was könnte man noch tun?

Ich will nicht, dass die ganze Last beim Einzelnen bleibt. Ich habe vor dem Oberlandesgericht Frankfurt gegen Meta gewonnen – zwei Jahre habe ich prozessiert, gegen einen Anwalt in Irland, weil es dafür in Deutschland nicht einmal eine Anlaufstelle gibt. Geholfen hat es kaum: Seit der Ausstrahlung meiner ARD-Dokumentation „Hirschhausen und die Deepfake-Mafia“ im Mai ist die Zahl der Fake-Anzeigen mit meinem Gesicht nach eigener Zählung von rund 2000 auf über 4700 gestiegen. Wie lange wollen wir da eigentlich noch zusehen?

Von Hirschhausen über KI: Dann „kommt am Ende auch nur aufbereiteter Müll raus“

Wofür sprechen Sie sich aus?

Ich glaube inzwischen, dass das reine Persönlichkeitsrecht dabei ein zu schwacher Hebel ist – wirksamer wären ein konsequent angewendetes Marken- und Wettbewerbsrecht der Sendeanstalten sowie eine Aktualisierung von Gesetzen, die alle noch aus der Zeit vor dem Internet stammen. Meine Stimme gehört mir. Mein Gesicht, mein Körper auch. Das muss für jeden Menschen gelten, auch im digitalen Raum. Deepfakes zerstören Gesundheit, das Vertrauen in Menschen und Medien und die Demokratie. Es ist zutiefst bedenklich, wenn fünf Nerds im Silicon Valley, russische Desinformation und chinesische Apps die Macht bekommen zu bestimmen, was wir sehen, für relevant und richtig halten. Und wir sind gerade erst am Anfang dieser Entwicklung, in der der Satz „Ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen“ nichts mehr wert ist.  

Immer mehr Ärzte empfehlen den Menschen, bei Gesundheitsfragen Künstliche Intelligenz zu befragen. Wie stehen Sie dazu? 

Ein Computer hat kein Mitgefühl, keine Intuition für die Lebensumstände eines Menschen und schon gar keinen Humor. Gerade bei schwierigen Diagnosen und Entscheidungen brauchen Menschen einen Menschen. Was sauberes Wasser für die Seuchenbekämpfung im 19. Jahrhundert war, ist sauberes Wissen im 21. Jahrhundert. KI erweitert unser Wissensmanagement exponentiell. Aber an der alten statistischen Weisheit kommen die Rechenmaschinen nicht vorbei: Wenn die Dateneingabe Müll ist, kommt am Ende auch nur aufbereiteter Müll raus.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Kürzlich erfand eine schwedische Forscherin zum Beweis eine obskure Augenerkrankung, nannte sie „Bixonimanie“ und streute gezielt Falschinformationen im Netz. Kurz darauf warnten große KI-Modelle ihre Nutzer vor der Krankheit, die es gar nicht gibt. Zu wissen, auf welchen Seiten man geprüfte und saubere Infos bekommt, wird die Herausforderung. Es braucht verlässliche Seiten, die von den Krankenkassen oder den Ministerien beauftragt sind, wie „Gesundheitsinformationen.de“ – genau dafür braucht es auch einen werbeunabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. 

Initiative „Studien Wirken“

Das Interview entstand in Kooperation mit der Initiative „Studien Wirken“ (studien-wirken.de). Diese setzt sich gemeinsam mit Patientinnen und Patienten und Vertretern aus Forschung, Versorgung, Politik und forschender Industrie dafür ein, Wissen und Vertrauen zu klinischer Forschung sowie den Studienstandort Deutschland zu stärken. In Arbeitskreisen und mit einem Patientenrat arbeitet sie an besseren Bedingungen für klinische Studien in Deutschland. „Studien Wirken“ ist eine Initiative der FUNKE Mediengruppe, zu der auch diese Redaktion gehört.