Stefan Reiter weiß, wie man mit Worten umgeht. Er ist Anwalt, 42 Jahre alt, Familienvater. Einer, der Argumente sortiert und Sätze abwägt, bevor er sie ausspricht. Und doch gibt es diesen Abend, an dem Reiter die Kontrolle verliert. Auf einer Familienfeier wirft seine 13-jährige Nichte ein Spielzeug nach ihm und trifft ihn an der Stirn. Er blutet. Reiter packt das Mädchen am Arm und schüttelt es. So fest, dass sie im Krankenhaus behandelt werden muss – am Ellbogen ist eine Sehne gerissen. Als seine Frau ihn später zur Rede stellt, fühlt er sich missverstanden und tritt gegen eine Schranktür und den Fernseher.

Nach den Vorfällen sucht Reiter selbst therapeutische Hilfe und beginnt mit seiner Frau eine Paartherapie. Sein Name wurde zum Schutz der Familie geändert. Der reale Fall aus meiner Praxis zeigt, wie Wut in häusliche Gewalt umschlagen kann. Wir beleuchten die Ursachen, ohne die Taten zu verharmlosen. Denn viele Paare, die zu meiner Frau und mir in die Paartherapie kommen, stellen sich grundsätzliche Fragen: Wie führt Wut zum Kontrollverlust? Lassen sich solche Eskalationen verhindern? Und wann müssen Angehörige Konsequenzen ziehen?

Wut kontrollieren: Warum kleine Anlässe große Ausbrüche auslösen