Obwohl der Ozean den Großteil unseres Planeten bedeckt, bleibt er eine der letzten großen terrae incognitae der Wissenschaft. Besonders die Tiefsee ist noch immer ein blauer blinder Fleck auf der Karte des Wissens. Lange nahm man an, dort unten könne kaum Leben existieren. Inzwischen zeigt sich: Die Tiefe ist keine leere Finsternis, sondern ein verborgenes Archiv der Evolution.

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Dort unten leben etwa ein Wurm, der in einem „Glasschloss“ wohnt, ein rätselhafter „Geisterhai“ und ein fleischfressender Schwamm, der seine Beute wie ein lautloser Todesball einfängt. Diese Wesen gehören zu den 1.121 bislang unbekannten Arten, die im vergangenen Jahr in den Weltmeeren entdeckt wurden. Das teilte Ocean Census mit, ein internationales Projekt zur Kartierung des Meereslebens, an dem mehr als 1.000 Forschende aus 85 Ländern beteiligt sind. Laut der Organisation, die von der japanischen Nippon Foundation und dem britischen Meeresforschungsinstitut Nekton getragen wird, entspricht das einem Anstieg der jährlichen Identifizierungen um 54 Prozent.
Orcas, Haie und Tiere im Meer
Meeresforschung: Warum die Tiefsee noch immer kaum erforscht ist
Die Tiefsee beginnt, grob gesagt, dort, wo das Sonnenlicht verschwindet. Es ist kalt, dunkel, und der Wasserdruck ist enorm. Für Menschen ist diese Welt ohne Spezialtechnik unerreichbar. Moderne Tauchroboter, bessere Kameras und neue Analyseverfahren ändern jedoch das Bild: Forschende können heute Gebiete untersuchen, die früher unzugänglich waren, und stoßen dort immer wieder auf Tiere, die fremdartig wirken, aber perfekt an ihre Umgebung angepasst sind.
Zugleich gerät diese Welt unter Druck, noch während die Wissenschaft sie erst zu entziffern beginnt: durch die Erwärmung der Meere, Verschmutzung aus Industrie und Landwirtschaft und den wachsenden Appetit auf Rohstoffe am Meeresboden. „Viele Arten drohen zu verschwinden, bevor sie überhaupt dokumentiert sind“, sagt Michelle Taylor, wissenschaftliche Leiterin von Ocean Census, gegenüber „CNN“. Man befinde sich in einem Wettlauf gegen die Zeit, um das Leben im Ozean zu verstehen – und zu schützen.
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Unbekannte Arten im Ozean: Ein Wurm im „Glasschloss“
Im vergangenen Jahr führten Teams von Ocean Census 13 Expeditionen in kaum erforschte Meeresregionen durch. Vor Japan stießen sie in rund 790 Metern Tiefe auf eine neue Art von Borstenwurm – einen Meereswurm mit feinen Anhängen, die ihm beim Bewegen, Graben oder Festhalten helfen.
Ungewöhnlich ist vor allem sein Zuhause: Der Wurm lebt in einem Glasschwamm, dessen durchsichtiges Skelett aus Siliziumdioxid besteht, dem Hauptbestandteil von Glas. In dieser fragilen Architektur, die Forschende als „Glasschloss“ beschreiben, lebt er offenbar in Symbiose mit dem Schwamm: Der Schwamm bietet Schutz und Nahrung, während der Wurm wohl schädliche Ablagerungen entfernt.

Geisterhai in Australien: Ein uralter Verwandter von Hai und Rochen
Nicht weniger merkwürdig wirkt ein Fund vor Australien. Dort stießen Forschende in rund 820 Metern Tiefe auf eine neue Chimärenart, im Volksmund oft „Geisterhai“ genannt. Der Fund entstand im Umfeld einer CSIRO-Expedition im Coral Sea Marine Park und wurde in Zusammenarbeit mit The Nippon Foundation-Nekton Ocean Census dokumentiert.
Chimären sind entfernte Verwandte von Haien und Rochen, deren Entwicklungslinie sich bereits vor fast 400 Millionen Jahren abspaltete. Der entdeckte „Geisterhai“ habe einen rattenähnlichen Schwanz, eine rundliche Schnauze und einen markanten Stachel oberhalb der Rückenflosse, erklärte der CSIRO-Haiexperte Will White gegenüber dem „Guardian“.

Schnurwurm aus Timor-Leste: Leuchtende Farben als Warnsignal
Auch in Timor-Leste machten Forschende im Rahmen des Ocean Census eine bemerkenswerte Entdeckung: einen knapp drei Zentimeter langen Schnurwurm mit leuchtend orangefarbenen Streifen. Seine auffällige Färbung wirkt spektakulär, ist für Fressfeinde aber vor allem eine Warnung.
Nach Angaben von Ocean Census könnte sie auf starke chemische Abwehrstoffe hinweisen. Diese dienen Schnurwürmern nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zur Jagd: Mit einem ausstülpbaren Rüssel können sie Beute betäuben, festhalten oder durchbohren, bevor sie sie verschlingen oder mithilfe von Verdauungssäften verflüssigen.

So grausig diese Methode klingt, so groß könnte ihr medizinischer Wert sein: Die Meeresbiologin Svetlana Maslakova vom Oregon Institute of Marine Biology sagte in einer Pressemitteilung des Florida Museum of Natural History, starke Gifte könnten auch starke Medizin sein. Einige Schnurwurm-Gifte werden bereits auf mögliche Anwendungen gegen Alzheimer und Schizophrenie untersucht.
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Fleischfressender Schwamm: Der „Todesball“ aus der Tiefsee
Noch unheimlicher wirkt eine Entdeckung aus dem Südatlantik. Bei den Südlichen Sandwichinseln fanden Forschende in fast 3.660 Metern Tiefe einen fleischfressenden Schwamm, den Ocean Census als „Todesball“ beschreibt. Die Expedition wurde gemeinsam mit dem Schmidt Ocean Institute durchgeführt; zum Einsatz kam der ferngesteuerte Unterwasserroboter SuBastian, der in für Menschen unerreichbare Tiefen vordringen kann.
Schwämme gelten gemeinhin als stille Filterwesen, die Wasser durchsieben. Doch dieser Schwamm jagt anders: Laut Ocean Census ist er mit mikroskopisch kleinen Haken bedeckt, die wie ein Klettverschluss funktionieren. Kleine Krebstiere bleiben daran hängen, bevor der Schwamm sie umhüllt und verdaut.

Artenschutz im Meer: Warum ein Name über Schutz entscheidet
Ob alle 1.121 Funde tatsächlich völlig neu für die Wissenschaft sind, wird sich erst nach gründlicher Prüfung zeigen. Zwischen der ersten Entdeckung einer Art und ihrer formalen Beschreibung in der Fachliteratur vergehen laut Ocean Census im Durchschnitt 13,5 Jahre. Dieser Prozess mag nach akademischer Pedanterie klingen, ist aber entscheidend: Tammy Horton, Forschungswissenschaftlerin am britischen National Oceanography Centre, sagte gegenüber „CNN“, die formale Beschreibung stelle gewissermaßen den „Pass“ einer neuen Art aus. Ohne anerkannten Namen existiere sie für Wissenschaft und Politik praktisch nicht.
Um diesen Prozess zu beschleunigen, nutzt Ocean Census den Status „entdeckt“: Wird ein Fund von Fachleuten bestätigt, kann er unmittelbar in eine frei zugängliche Datenbank eingetragen werden. So wird die Art schneller sichtbar – für Forschung, Naturschutz und Politik.








