Nicht jeder Wald ist fürs Klima gleich wertvoll. Gerade jene Wälder, die wirtschaftlich kaum genutzt und über lange Zeit sich selbst überlassen wurden, könnten eine weit größere Rolle spielen als bisher angenommen. Das legt die Studie eines schwedischen Forschungsteams nahe, die kürzlich im Fachjournal „Science“ veröffentlicht wurde. Die Umwandlung solcher Wälder in bewirtschafteten Forst könnte auf das Klima daher deutlich negativere Auswirkungen haben als bislang angenommen.
Kohlenstoffspeicher Wald: Der entscheidende Unterschied liegt im Boden
Dass Wälder Kohlendioxid binden, ist seit Langem bekannt. Rund 30 Prozent der menschengemachten CO2-Emissionen werden von Landökosystemen aufgenommen, ein großer Teil davon von Wäldern. Eine besondere Rolle spielen die borealen Wälder, die sich wie ein grüner Gürtel durch die nördlichen Regionen Europas, Asiens und Nordamerikas ziehen. Als größte zusammenhängende Waldfläche der Erde sind sie auch eine der wichtigsten natürlichen Kohlenstoffsenken.
- BND: Klimawandel eines der größten Sicherheitsrisiken für Deutschland
- Google Earth: Diese Funktion zeigt die Klimakrise im Zeitraffer
- Studie: Golfstrom könnte früher als gedacht kollabieren
- Interaktiv: Ist das Wetter noch normal? Der tägliche Klima-Check
- Interaktiver Klima-Globus: Wo unsere Erde unbewohnbar wird
Offen war bislang jedoch, wie stark sich unberührter Naturwald und bewirtschafteter Forst in ihrer Klimawirkung unterscheiden – also darin, wie viel Kohlenstoff sie speichern. Lange fehlte dafür eine belastbare Grundlage – auch weil aus wirklich ungestörten Wäldern nur begrenzt Daten vorlagen.
Das Team um Didac Pascual von der Universität Lund kombinierte deshalb schwedische Waldinventuren mit gezielten Erhebungen vor Ort, um den Kohlenstoffgehalt verschiedener Waldtypen genauer zu bestimmen. Erfasst wurden dabei Kohlenstoffvorräte in Pflanzen, Totholz, Böden und Holzprodukten. Auf dieser Grundlage berechneten die Forscherinnen und Forscher, dass unberührte boreale Urwälder mehr als 70 Prozent mehr Kohlenstoff speichern als bewirtschaftete Wälder.
Boreale Wälder in Schweden: Neue Studie korrigiert frühere Schätzungen deutlich
Der entscheidende Unterschied findet sich dabei nicht nur in den Bäumen, sondern vor allem im Boden. Entwässerung, Bodenbearbeitung und andere Eingriffe der Forstwirtschaft, die vor allem die Holzproduktion steigern sollen, verändern offenbar genau jenen Speicher, der für die Klimabilanz des Waldes besonders wichtig ist. „Das überraschendste Ergebnis ist die große Menge an Kohlenstoff, die im Boden von Urwäldern gespeichert ist“, sagte Mitautor Anders Ahlström von der Universität Lund. Diese Menge entspreche dem gesamten Kohlenstoff in bewirtschafteten Wäldern – also dem in Bäumen, Totholz und Böden zusammen.
Auch interessant
Wie groß dieser Unterschied auf den untersuchten schwedischen Waldflächen ausfällt, zeigen die Zahlen der Studie besonders deutlich. Unberührte Primärwälder speicherten demnach 9,9 Kilogramm Kohlenstoff pro Quadratmeter mehr als bewirtschaftete Sekundärwälder. Das liegt, wie es in der Studie heißt, um das 2,7- bis 8-Fache über früheren Schätzungen. Um diese Größenordnung verständlich zu machen, wählen die Autoren selbst einen drastischen Vergleich: Der Unterschied entspreche 151 Prozent der gesamten fossilen CO2-Emissionen Schwedens seit 1834 – oder rund 211 Jahren schwedischer Emissionen auf dem heutigen Niveau.
Forstwirtschaft und Kahlschlag: Warum Primärwälder unter Druck geraten
Die Ergebnisse der Studie treffen auf eine Entwicklung, die sich seit Jahren verschärft. Weltweit steigt die Nachfrage nach Holzprodukten, und damit wächst auch der Druck auf Wälder. Wie es in der Untersuchung heißt, habe die Forstwirtschaft sowohl an Intensität als auch an Fläche gewonnen. Ehemals unberührte Primärwälder seien in vielen Regionen deshalb längst zur Ausnahme geworden.
Auch interessant
Für Schweden nennen die Forschenden dazu einen besonders heiklen Befund. Zwischen 2003 und 2019 hätten rund 20 Prozent aller Kahlschläge in alten Wäldern stattgefunden, die zuvor als unberührte Primärwälder klassifiziert worden waren. Der Druck trifft also nicht nur bewirtschaftete Forste, sondern auch jene Wälder, die für den Klimaschutz besonders wertvoll sein könnten.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Das Fazit der Studie fällt entsprechend deutlich aus: Die Bedeutung borealer Urwälder für den Klimaschutz werde unterschätzt, heißt es. Pascual sagte, die Umwandlung von Urwäldern verringere die Kohlenstoffspeicherung der Landschaft stärker als bisher angenommen. Der Schutz der verbliebenen Urwälder und die Erholung unbewirtschafteter Wälder könnten daher deutlich größere Klimavorteile bringen, als frühere Studien nahelegten.







