Auf deutschen Feldern breitet sich ein Schädling aus, der selbst erfahrene Landwirte an Szenen aus Ridley Scotts „Alien“ erinnert: Etwas Unsichtbares dringt in gesunde Pflanzen ein, nistet sich dort ein – und zerstört sie von innen heraus. Was nach Science-Fiction klingt, ist in Süd- und Mitteldeutschland längst Realität und sorgt in der Landwirtschaft für wachsende Alarmstimmung. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bestätigte erst kürzlich, dass im vergangenen Jahr rund 20 Prozent der deutschen Zuckerrübenflächen und acht Prozent der Kartoffelanbauflächen von dem unscheinbaren Schädling betroffen waren.
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Die Rede ist von der Schilf-Glasflügelzikade (Hyalesthes obsoletus), die nur fünf bis neun Millimeter misst und transparente Flügel trägt. Ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet, machte sie vor mehr als einem Jahrzehnt zunächst in Frankreich und Österreich auf sich aufmerksam. Von dort breitete sie sich Schritt für Schritt nach Norden aus.

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In Deutschland wurden die ersten größeren Befallsherde in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg registriert. Die Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz dokumentierte ab 2019 eine deutliche Ausbreitung in den südlichen Regionen des Bundeslandes. In Bayern meldete der Pflanzenschutzdienst in den vergangenen Jahren einen rasant zunehmenden Befall über weite Teile des Freistaats – besonders im Raum Ingolstadt sowie südlich von Regensburg. Mittlerweile berichten auch Betriebe in Hessen, Thüringen, Niedersachsen sowie im Raum Braunschweig/Northeim von spürbaren Ernte- und Qualitätseinbußen.
Die Entwicklung ist jedoch längst nicht auf Deutschland begrenzt. Nach Angaben des Landwirtschaftsamts Grand Estin Frankreich sowie Behörden in der Schweiz und den Niederlanden sind auch dort zentrale Anbaugebiete betroffen. Welche wirtschaftlichen Folgen das haben kann, zeigte sich 2023 im Südwesten Frankreichs: In der Region Bordeaux musste laut Berichten regionaler Medien eine Zuckerfabrik ihren Betrieb einstellen, weil befallene Rüben aufgrund der bakteriellen Erkrankungen nicht mehr verarbeitet werden konnten.
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Die Zikade richtet den Schaden nicht direkt durch Fraß an, sondern durch das, was sie mit sich bringt. Sie überträgt zwei Krankheitserreger: das Erregersyndrom SBR (Syndrome Basses Richesses) und Stolbur-Phytoplasmen. Beide siedeln sich im Leitgewebe der Pflanze an, stören die Nährstoffversorgung und führen zu Wachstumsstörungen sowie sinkendem Zuckergehalt – mit gravierenden Folgen für die Erntequalität.
Tückisch ist, dass die Infektion zunächst unsichtbar bleibt – und das hängt eng mit dem Lebenszyklus des Insekts zusammen. Der Pflanzenschutzdienst Baden-Württemberg beschreibt ihn so: Die Weibchen legen ihre Eier im Juni und Juli im Boden ab. Die Larven entwickeln sich an den Wurzeln der Wirtspflanzen und überwintern dort unbemerkt. Erst wenn die erwachsenen Tiere im Frühjahr ausfliegen, tragen sie die Erreger in neue Bestände und setzen den Zyklus fort. Dieser zeitversetzte Verlauf erschwert Gegenmaßnahmen – selbst wenn Landwirte reagieren, wirkt sich das erst Monate später aus.
Wie trügerisch dieser zeitliche Versatz ist, zeigt sich insbesondere bei der Verarbeitung. Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) weist darauf hin, dass Kartoffeln äußerlich oft gesund wirken, bis die inneren Verbräunungen der Gefäßbündel ans Licht kommen – etwa, wenn Pommes oder Chips beim Frittieren plötzlich schwarz nachdunkeln. Zuckerrüben wiederum verlieren durch die Infektion erheblich an Zuckergehalt, werden weich und gummiartig – und sind damit für die industrielle Weiterverarbeitung weitgehend wertlos.

Schäden an Ernte und Qualität: Regionale Unternehmen schlagen Alarm
Mehrere Unternehmen aus der Lebensmittelverarbeitung warnen mittlerweile öffentlich vor Folgen. Der bayerische Knödelhersteller Burgis berichtete dem Sender „BR24“, dass die Qualität der angelieferten Kartoffeln bereits zu Produktionsproblemen geführt habe. Kartoffeln aus stark betroffenen Regionen seien nicht lagerfähig, erklärte Geschäftsführer Timo Burger. In der Verarbeitung habe der Teig teilweise eine zu weiche Konsistenz gehabt – mit der Folge, dass Knödel aussortiert werden mussten.
Auch der oberbayerische Stärkeproduzent Südstärke, der Kartoffelstärke für Babynahrung, Fertiggerichte und Snacks herstellt, sieht die Entwicklung mit Sorge. Das Unternehmen betonte gegenüber regionalen Medien, dass seine Produktion auf regionale Rohstoffe angewiesen sei. Längere Transportwege seien kaum praktikabel, da die Qualität der Knollen und die Wirtschaftlichkeit der Verarbeitung darunter leiden würden.
Der Deutsche Bauernverband teilt die Sorge: Präsident Joachim Rukwied warnt gegenüber der „Welt“, die durch die Zikade verursachten Krankheiten stellten „eine erhebliche Bedrohung für die Versorgung mit heimischen Nahrungsmitteln“ dar. Wenn die Ausbreitung nicht gestoppt werde, drohten Versorgungslücken und Preissteigerungen.
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Das Thema ist inzwischen auch auf Bundesebene angekommen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) betont, die Lage „sehr ernst“ zu nehmen und verweist auf erste Maßnahmen, die seit 2023 und 2024 greifen. Dazu gehören Anpassungen bei den Ökoregelungen sowie der Düngeverordnung, die ein flexibleres Bewirtschaften der Felder ermöglichen sollen.
Im Zentrum der bisherigen Strategie steht die Möglichkeit, befallene Flächen zeitweise brachliegen zu lassen – die sogenannte Schwarzbrache. Bleiben Äcker im Herbst und Winter unbestellt, finden die im Boden überwinternden Larven keine Wirtspflanzen mehr und verhungern. In Bayern wurde mit dem Nördlinger Ries bereits eine Modellregion eingerichtet, in der Landwirte ihre Fruchtfolgen abgestimmt umstellen. Nach Angaben regionaler Landwirtschaftsämter soll das Projekt zeigen, ob eine gemeinschaftlich koordinierte Strategie Wirkung entfaltet.
Streit um Insektizide: Landwirtschaft fordert, Umweltverbände warnen
Neben agrarökologischen Maßnahmen rückt zunehmend auch der Einsatz von Insektiziden in den Fokus. Die Unternehmen Bayer und BASF haben Wirkstoffe entwickelt, die gegen die Schilf-Glasflügelzikade wirken und in Ländern wie Japan, Kanada, den USA und Brasilien bereits eingesetzt werden. In Deutschland erhielten die Präparate Sivanto und Decis für 2025 erneut Notfallzulassungen – jedoch nur regional und für begrenzte Zeiträume. Aus der Industrie kommt Kritik an dieser Praxis. Eine Bayer-Managerin sagte laut „Welt“, jährliche Notfallzulassungen böten „keine Planungssicherheit“ für Landwirtschaft und Hersteller. Sie forderte ein „wissenschaftsbasiertes europäisches Zulassungsverfahren“, das verlässlichere Rahmenbedingungen schaffen solle.
Deutlichen Widerstand gibt es hingegen von Umweltverbänden. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bezeichnete die betroffenen Wirkstoffe in einer Pressemitteilung als „Alzheimer-Pestizide“ und warnte vor möglichen Auswirkungen auf das Nervensystem von Menschen und Tieren. Besonders Ungeborene und Kleinkinder seien gefährdet, so der Verband. Der BUND fordert statt chemischer Lösungen eine konsequente Stärkung ökologischer Strategien und verweist auf Risiken für Insekten, Bodenorganismen und Wasserlebewesen.
Aus der Landwirtschaft kommen gemischte Reaktionen. Viele Betriebe begrüßen grundsätzlich, dass überhaupt Mittel zugelassen wurden, monieren jedoch die verzögerte Umsetzung und die bürokratischen Hürden. Zahlreiche Höfe stünden bereits heute unter wirtschaftlichem Druck.








