Es gibt Lebensfragen, die scheinbar jede Generation irgendwann einholen: Bin ich auf dem richtigen Weg? Habe ich genug erreicht? In der Lebensmitte bündeln sich diese Zweifel oft zur berühmten Midlife-Crisis – ein psychisches Tal, das die Forschung jahrzehntelang als fast naturgegeben beschrieb.

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Doch eine großangelegte internationale Untersuchung legt nun nahe, dass dieses Muster brüchig geworden ist. Die seelischen Tiefpunkte treffen heute offenbar andere Altersgruppen als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Midlife-Crisis: Warum die Lebensmitte lange als Tiefpunkt galt

Lange galt die Lebensmitte als die gefährlichste Phase für das Wohlbefinden. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschrieben sie in unzähligen Studien als Wendepunkt: Während Kindheit und Jugend von Optimismus geprägt waren, sackte die Lebenszufriedenheit ab dem 30. Lebensjahr stetig ab, bis sie sich um die 50 Jahre im Tiefpunkt verfestigte. Erst im Alter, so hieß es, gewann das Leben wieder an Leichtigkeit. Diese u-förmige Zufriedenheitskurve geriet zu einer Art Binsenweisheit der Psychologie – und lieferte die Grundlage für den Begriff der „Midlife-Crisis“.

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Midlife-Crisis: Studie zeigt globale Erkenntnisse

Nun aber stellt ein Forschungsteam um den Ökonomen David G. Blanchflower vom Dartmouth College dieses vermeintliche Naturgesetz infrage. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten mehr als zwölf Millionen Befragungen der psychischen Gesundheitsstudie „Global Minds“, die seit den frühen 1990er-Jahren in den USA und Großbritannien durchgeführt wurden.

Dazu erweiterten die Forschenden die Untersuchung um fast zwei Millionen Datensätze aus 44 weiteren Ländern, darunter auch Deutschland. Die Studie, erschienen im Fachmagazin „PLOS One“, zählt damit zu den umfassendsten Analysen zur psychischen Gesundheit, die je veröffentlicht wurden.

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Psychische Gesundheit im Wandel: „Unglücksbuckel“ verschiebt sich

Die Ergebnisse überraschen: Der einst so markante „Unglücksbuckel“ in der Lebensmitte ist in den jüngsten Daten nicht mehr zu finden. Die psychische Verfassung von Menschen ab Mitte 40 ist heute weitgehend stabil, während jüngere Altersgruppen auffällig schlechter abschneiden.

Besonders bei den 18- bis 24-Jährigen hat das Gefühl der Verzweiflung in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Unter jungen Männern stieg der Anteil derjenigen, die sich verzweifelt fühlen, von drei auf fast sieben Prozent; bei jungen Frauen kletterte er von rund sechs auf über neun Prozent. Auch unter den Menschen mittleren Alters nahm die Verzweiflung zu, wenn auch weniger stark.

Lebenszufriedenheit junger Menschen sinkt durch mehrere Faktoren

Warum es jungen Menschen heute schlechter gehe, lasse sich nach Ansicht der Forscher nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Sie verweisen darauf, dass die Langzeitfolgen wirtschaftlicher Krisen die Job- und Zukunftsaussichten gerade für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger verschlechtert hätten. Zudem sei die psychiatrische Versorgung in vielen Ländern unzureichend.

Auch die Corona-Pandemie habe die Lage durch Isolation und Zukunftsängste verschärft. Schließlich spielten nach Einschätzung der Autoren auch soziale Medien eine Rolle, deren ständiger Vergleichsdruck das Selbstbild junger Menschen massiv beeinflusse.

Besonders aufschlussreich ist im Zusammenhang mit diesen Entwicklungen ein Blick auf die Lebensmitte von Frauen, die in vielen Studien eigene Muster erkennen lässt. Einen vertiefenden Beitrag dazu finden Sie hier: Midlife-Crisis bei Frauen: 40 Jahre, weiblich und dann?

Midlife-Crisis oder Jugendkrise?

Noch entscheidender ist jedoch, wie sich das Gesamtbild verändert hat. Die Analyse zeigt eine deutliche Verschiebung: Während sich die Situation in der Lebensmitte kaum verändert hat, hat sich die Lage junger Menschen deutlich verschlechtert. Die Forschenden sprechen daher von einem Paradigmenwechsel. Die Midlife-Crisis verliere an Schärfe, weil das seelische Krisenzentrum heute in einer anderen Altersgruppe liege.

Sie schreiben: „Dies stellt eine enorme Veränderung gegenüber der Vergangenheit dar, als psychische Erkrankungen im mittleren Alter ihren Höhepunkt erreichten. Die Gründe für diese Veränderung sind umstritten, aber wir sind besorgt, dass es heute eine ernste psychische Gesundheitskrise unter jungen Menschen gibt, die angegangen werden muss.“

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Die Erkenntnisse sind nicht nur für die Wissenschaft bedeutsam. Jahrzehntelang wurde die u-förmige Kurve der Lebenszufriedenheit als fast universelles Muster begriffen, das quer über Kulturen hinweg bestand. Dass diese Form nun verschwindet, verändert den Blick auf Generationen und Gesellschaft. Die Forscher warnen deshalb davor, die psychische Krise junger Menschen zu unterschätzen: Wenn es heute eine Altersgruppe gibt, die dringend mehr Aufmerksamkeit braucht, dann ist es nicht die Lebensmitte – sondern die Jugend.